«Der Junge ist mitten auf der Strasse verblutet»

Keine libysche Stadt ist so heftig umkämpft wie Misrata. Jetzt zeigen verschiedene Medienberichte: Scharfschützen schiessen dort auf alles, was sich bewegt. Der Häuserkampf wird immer blutiger.

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Über 50 Tage schon dauert der Kampf um die westlibysche Stadt Misrata. Seit dem 24. Februar liefern sich Rebellen und Truppen von Muammar Ghadhafi eine immer blutiger werdende Häuserschlacht. Auf Dächern positionierte Pro-Ghadhafi-Scharfschützen schiessen wahllos auf Zivilisten. Berichten zufolge zielen sie bevorzugt auf den Kopf oder die Brust ihrer Opfer, auch auf Kinder.

In einem Spital des Roten Halbmondes berichtet ein Arzt von einem Jungen, der auf der Tripoli Street, der zentralen Avenue Misratas, umgebracht wurde. «Dieser Junge ist mitten auf der Strasse verblutet», sagt Mohammed Ahmed Eifagieh gegenüber aljazeera.net. «Wir hätten ihn retten können, aber niemand konnte ihn bergen, weil die Scharfschützen auf alles schossen» (zum Bericht).

Überlebenskampf der Einwohner

Die Fenster der Häuser sind zerborsten, Wände mit Schusslöchern übersät. Traumatisierte Familien warten und beten, dass ihr Haus nicht als nächstes von Ghadhafis Raketen getroffen wird. «Die Kinder schlafen vor lauter Angst nicht mehr», sagt ein Vater zu aljazeera.net. Im reichen Vorort Ghasr Ahmed wurde ein Lebensmittelladen dem Erdboden gleichgemacht. «Als sie den Laden beschossen, waren fünfzehn Menschen drin», sagt der Besitzer. «Der Angriff erfolgte früh am Morgen, viele Frauen waren mit ihren Kindern beim Einkaufen. Ich weiss nicht, wie viele gestorben sind.»

Den 500'000 Einwohnern der drittgrössten Stadt Libyens mangelt es an Lebensmitteln und Gas zum Kochen und Heizen. Fliessendes Wasser gibt es seit 20 Tagen mancherorts nicht mehr. Wo die Wasserversorgung noch klappt, ist das Wasser stark verschmutzt. Strom haben nur noch die Haushalte, die Generatoren besitzen. Das Mobilfunknetz ist schon lange ausgeschaltet. «Für die Einwohner lautet die Frage nicht nur, ob sie kämpfen sollen, sondern wie lange sie überleben können», schreibt die Washington Post (zum Bericht).

Kinder sterben an Schusswunden

Die Spitäler Misratas sind überfüllt, unter den Opfern hat es viele Kinder. Die «New York Times» berichtet aus einem medizinischen Zelt, in dem die Opfer erstversorgt werden (zum Bericht). Auf einem Schragen lag die fünfjährige Jinan Hussein Jweil. Eine Kugel oder Schrapnell hatten auf der rechten Seite ihres Kopfes eine klaffende Wunde verursacht. Ein Team aus italienischen und libyschen Ärzten versuchte, das Leben des Mädchens zu retten. Einer der Ärzte ist ein Onkel des Kindes. Er bricht weinend zusammen, als Jinan stirbt.

Im Durchschnitt würden 50 oder 60 Verwundete täglich ins medizinische Zelt gebracht, zehn davon seien dem Tod geweiht. «Die meisten davon sind Zivilisten», zitiert die «New York Times» einen italienischen Anästhesiearzt. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zählt bisher 267 Tote, erhältliche Spitalaufzeichnungen berichten von 313 Toten und 1047 Verwundeten. Spitalärzte sprechen von 1000 Toten und 3000 Verletzten. Etliche Familien würden die Toten nicht erst in ein Spital bringen, sondern sie gleich begraben.

Streubomben auf Zivilisten

Ghadhafis Truppen schreckten nicht davor zurück, Wohngebiete mit Streumunition zu beschiessen, wie Mitarbeiter von Human Rights Watch und die Nato bestätigen. Streumunition ist eine der geächtetsten Waffen des Krieges. Bei ihrem Einsatz wird der Tod vieler Zivilisten bewusst in Kauf genommen. Für weltweite Kritik sorgten der Einsatz von Streumunition durch die USA 2002 in Afghanistan und 2003 in Irak sowie durch Israel 2006 im Libanon. Noch heute gefährden bis zu einer Million Stück nicht explodierter Blindgänger dort die Zivilbevölkerung.

Bei der in Misrata eingesetzten Streumunition soll es sich Berichten zufolge um in Spanien hergestellte Produkte handeln. Vergangene Woche sei es in den Quartieren Shawahda, Maghdar und Kurzaz zum Einsatz von Streumunition gekommen. Laut «New York Times» wurden vor einer Bäckerei acht Menschen getötet, die für Brot anstanden. Ärzte berichten, dass sie etlichen verletzten Menschen Arme oder Beine amputieren mussten.

Kampf mit den Waffen von Toten

In Misrata kämpfen die eingekesselten Rebellen mit grossen Nachschubproblemen. Waffen, Munition, Lebensmittel: Versorgung können die Rebellen nur über den Seeweg erhalten, weil alle Zugangswege von Ghadhafis Truppen gehalten werden. Allerdings getraut sich kaum ein Kapitän, sein Schiff durch den Artilleriebeschuss in den Hafen Misratas zu steuern. Weil kein Nachschub kommt, müssen alle, die an der Seite der Rebellen kämpfen wollen, warten, bis ein Aufständischer getötet wird, um dessen Waffe erben zu können, berichtet die «Washington Post». Bei den Waffen handle es sich um ältere Kalaschnikows, die aus den Lagern Ghadhafis entwendet wurden.

Unterdessen wird Kritik an der Nato, deren Hilfe nirgends zu sehen ist, immer lauter. «Wir wurden offiziell von der Nato enttäuscht und im Stich gelassen», sagt ein Stadtrat namens Mohammed zur «Washington Post». In Misrata sitzen die Zivilisten in der Falle. Die Verbitterung, dass der Westen offenbar nichts tun kann, um sie zu schützen, wächst.

Erstellt: 19.04.2011, 13:32 Uhr

Infobox

Die Nato hat eingestanden, dass sich das Vorgehen der internationalen Koalition gegen die Truppen des libyschen Staatsführers Muammar al-Ghadhafi in der umkämpften Stadt Misrata weiterhin schwierig darstelle. Laut dem Vorsitzenden des Militärkomitees der Nato, Giampaolo di Paola, hätten die Operationen der Allianz «beträchtlichen Schaden» an den schweren Waffen des Regimes angerichtet, dennoch seien die militärischen Ressourcen Ghadhafis noch «erheblich».

Hunderte Nato-Angriffe haben in den vergangenen Wochen zwar Radarstationen und Flugabwehrkanonen neutralisiert, in den Kämpfen innerhalb der Städte - so auch in Misrata - waren sie weniger erfolgreich. Es sei dort sehr schwierig, Mörser und Raketenwerfer zu lokalisieren, so Nato-Admiral di Paola.

Die Regierung Muammar al-Ghadhafis hatte der UNO zugestanden, Hilfslieferungen nach Misrata, die einzige von Rebellen verteidigte westlibysche Stadt, zu bringen. Dort dauerten jedoch die Kämpfe trotz der Vereinbarung an. Die UN-Nothilfekoordinatorin Valerie Amos sagte in Benghazi, sie habe keine Garantien bekommen, dass die Feindseligkeiten zur Versorgung der Bevölkerung eingestellt werden.

Ein libyscher Regierungssprecher hatte einen «Sicherheitskorridor» nach Misrata versprochen. Ein Einwohner der Stadt berichtete aber, dass Ghadhafi-Truppen weiterhin mit Raketen und Artillerie auf die von Rebellen gehaltenen Stadtteile vorgingen.

Nach Angaben der in New York ansässigen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurden bei der inzwischen seit sieben Wochen andauernden Belagerung Misratas mindestens 267 Menschen getötet. Libysche Truppen hätten ausserdem wahllos Raketen auf Wohngegenden von Misrata abgeschossen, berichtete die Organisation in einem Bericht.(dapd)

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