Der falsche Stolz einer Amerikanerin

Die frühere US-Aussenministerin Condoleezza Rice reklamiert die Revolution im Mittleren Osten und Nordafrika zu Unrecht für sich.

Überschätzt ihren Einfluss auf die arabische Revolution: Condoleezza Rice.

Überschätzt ihren Einfluss auf die arabische Revolution: Condoleezza Rice. Bild: Keystone

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Bescheidenheit ist nicht die Sache der Condoleezza Rice. In einem Gastartikel in der «Washington Post» hat sie in Anspruch genommen, mit ihrer viel beachteten Kairoer Rede von 2005 den Keim der Demokratie in Ägypten eingepflanzt zu haben. Denn nur wenige Monate später hätten zumindest halbwegs freie Wahlen stattgefunden, schreibt die damalige US-Aussenministerin. Dabei landete Hosni Mubarak allerdings – gemäss offiziellem Ergebnis – einen Erdrutschsieg und unterdrückte danach die Opposition wie zuvor. Trotzdem behauptet Rice, wegen ihres Auftritts sei der «Rubikon überschritten» worden.

Als das Regime am Nil die angeblich moderate Zwischenphase offensichtlich beendet hatte, hörte man jedoch nichts mehr von der umtriebigen Aussenministerin. Aus gutem Grund: Während die damalige US-Regierung von Präsident George W. Bush öffentlich zu Freiheit und Demokratie aufrief, trat sie gleichzeitig in Guantánamo und mehreren Geheimgefängnissen die Menschenrechte mit Füssen. Oder liess sie mit Füssen treten, so wie in Ägypten. Auch aus Eigeninteresse: Die USA überstellten Mubaraks Schergen mehrere Terrorverdächtige inklusive Fragenkatalog zuhanden seiner Folterknechte. Man wollte sich die Hände nicht noch schmutziger machen, als sie es nach dem Skandal von Abu Ghraib ohnehin schon waren. Die Skrupellosigkeit der alten Freunde in Kairo kam deshalb sehr gelegen.

Abneigung gegenüber Amerika

Der Hinweis von Rice auf ihre eigene bedeutsame Rolle beim Umbruch in Ägypten – allein in den ersten drei Sätzen taucht das Wort «Ich» viermal auf – wirkt daher nicht nur eitel, er ist unangebracht. Was die Demonstranten vom säkularen Studenten über den gemässigten Familienvater bis zum islamistischen Muslimbruder neben der Wut auf Mubarak einte, war ihre jahrelange Abneigung gegenüber Amerika, sei es in Form nüchterner Kritik oder blinden Hasses. Denn Washington hatte ihren Diktator 30 Jahre lang hofiert, und daran hatten weder der Auftritt von Rice noch jener von US-Präsident Barack Obama in Kairo 2009 etwas geändert. Oder hat jemand ein Sternenbanner gesehen auf den Bildern vom Platz der Befreiung? Die USA und der Westen insgesamt müssen sich wohl eingestehen, dass sie bei den Revolten in der arabischen Welt keine Rolle spielen.

Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass Condoleezza Rice für die USA historische Verdienste reklamiert hat, die der Supermacht nicht zustehen. Seit der Wende 1989 betont sie, dass in erster Linie die US-Aussenpolitik bewirkt habe, dass sich die Osteuropäer von der kommunistischen Knute befreien konnten. Damit schmälert sie die Rolle der Hunderttausende, die sich einst in Leipzig, Warschau und Prag oder nun in Kairo, Tunis und Benghazi erhoben haben. Wenn die Revolten in Osteuropa und im Mittleren Osten etwas gemeinsam haben, dann ist es der Mut der Demonstranten, ohne den es nie zum Umbruch gekommen wäre.

Unerwartete Revolutionen

Anders als kürzlich im US-Bundesstaat Wisconsin oder am 1. Mai in Zürich riskiert man in einer Diktatur sein Leben, wenn man auf die Strasse geht, um gegen das Regime zu demonstrieren. Das war in der DDR und in der Tschechoslowakei so und gilt noch ausgeprägter für die arabischen Länder, wie das gegenwärtige Drama in Libyen beweist. (Nicht erwähnenswert fand Condoleezza Rice übrigens, dass sie als US-Aussenministerin nicht nur in Kairo auftrat, sondern auch Muammar al-Ghadhafi in dessen Luxuszelt die Aufwartung machte.)

Der Stolz von Rice, die einst Präsident Vater Bush in Fragen zur Sowjetunion beraten hatte, ist ausserdem verfehlt, weil die US-Geheimdienste vom Umbruch 2011 genau so überrascht wurden wie von jenem 1989. Hätte das amerikanische Vorbild in Sachen Demokratie so nachhaltig gewirkt, hätte man wohl auch in Washington gehört, dass sich da etwas anbahnte. Doch beide grossen Revolutionen waren weder in der US-Hauptstadt noch sonst irgendwo im Westen erwartet worden. Auch nicht im fernen Stanford, wo Condoleezza Rice heute wieder als Professorin wirkt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2011, 20:53 Uhr

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