Ghadhafi auf der Couch

Die CIA hat Psychoanalytiker beauftragt, ein Persönlichkeitsprofil von Muammar al-Ghadhafi zu erstellen. Die USA erhoffen sich davon Aufschluss darüber, wie der Libyen-Krieg enden könnte.

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Gerüchte und Halbwissen kursieren über die Person von Muammar al-Ghadhafi. Seine Unberechenbarkeit und sein exzentrischer Charakter führten zu wilden Spekulationen über seinen geistigen Zustand, und die Fernsehauftritte des libyschen Machthabers seit Ausbruch des Kriegs liessen wohl bei vielen Betrachtern keine Zweifel mehr offen: Dieser Mann muss verrückt sein. Der frühere US-Präsident Ronald Reagan bezeichnete ihn gar als «tollwütigen Hund des Nahen Ostens». Nun zeigt sich, dass sich die amerikanische Libyen-Politik bisher keinesfalls nur auf diese geflügelten Worte von Reagan stützte. Laut der «New York Times» hat eine Gruppe von Psychoanalytikern der CIA und des US-Verteidigungsministeriums jahrzehntelang versucht, ein psychologisches Profil Ghadhafis anzufertigen.

Die USA sind offenbar fest davon überzeugt, dass der Ausgang der Libyen-Krise einzig von Ghadhafis Persönlichkeit abhängen wird. Ist er ein Psychopath, der bis zum letzten Blutstropfen kämpft? Ein kühl kalkulierender Stratege, der einen Ausweg sucht? Ein impulsiver Showman, der sich am Schluss mit viel Getöse ins Ausland absetzt? Die USA wollten sich nicht auf die zahlreichen Anekdoten verlassen, die über Ghadhafi im Umlauf sind. Professionelle Profiler mussten her. Was sie über Ghadhafi herausfanden, ist aber geheim – das meiste jedenfalls.

Eigentlich ist Ghadhafi ganz rational

Einige Fragmente gelangten jedoch an die Öffentlichkeit. So legte der Analytiker Jerrold Post seine Einschätzung über Ghadhafis Persönlichkeit in einem Artikel im «Foreign Policy Magazine» dar. Post ist jener Psychiater, der die Abteilung der CIA gründete, die sich mit Verhaltensanalyse befasst. Er kommt zum Schluss, dass Ghadhafi eigentlich ein rationaler Typ sei. Doch wenn er unter Druck stehe, entwickle er Wahnvorstellungen. «Und gegenwärtig befindet er sich im grössten Stress, seit er in Libyen die Macht übernommen hat.» In solchen Momenten sehe sich Ghadhafi als ultimativen Aussenseiter, als muslimischen Kämpfer, der gegen die unmöglichsten Ziele ankämpfe. «Ghadhafi ist tatsächlich bereit, in Flammen unterzugehen.»

Beim libyschen Führer könne man am ehesten eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostizieren, schreibt Post. Bei einer solchen Störung sind bestimmte Bereiche von Gefühlen, des Denkens und des Handelns beeinträchtigt. Dies äussert sich in negativem und paradox anmutendem Verhalten. Ghadhafi durchlaufe mehrere Phasen intensiver Wut und Euphorie und habe ein gestörtes Verhältnis zu sich selbst.

Ghadhafi legt sich nicht auf die Couch

Ghadhafi ist nicht der Einzige, über den die CIA ein Psycho-Assessment anfertigen liess. Gemäss der «New York Times» sollen auch über Nordkoreas Diktator Kim Jong-il oder Venezuelas Präsident Hugo Chávez Profile erstellt worden sein – und auch über zahlreiche Staatsmänner aus verbündeten Ländern. Allerdings ist das Profiling fehleranfällig. Denn die meisten Techniken beruhen auf Informationen, die öffentlich zugänglich sind. Die Ergebnisse beruhen auf Reden, Schriften wie Ghadhafis Grünem Buch, biographischen Fakten oder auf beobachtbarem Verhalten – mangels Alternativen. Denn Muammar al-Ghadhafi legt sich nicht bei CIA-Psychoanalytikern auf die Couch, um sich untersuchen zu lassen.

«Erfahrene Profiler sind sicher besser darin, Verhalten vorauszusagen als Schimpansen mit verbundenen Augen», sagt deshalb Philip Tetlock, Psychologe an der Wharton School of the University of Pennyslvania, gegenüber der amerikanischen Zeitung. «Aber der Unterschied ist nicht so gross, wie Sie hoffen würden.» Das Assessment kann dadurch nicht nur irreführend ausfallen, sondern sogar peinlich.

Bei Saddam versagten die Profiler

Gänzlich daneben lag etwa das Persönlichkeitsprofil beim irakischen Diktator Saddam Hussein: Der Präsident sei ein Pragmatiker, der unter Druck einlenken würde, hiess es laut «New York Times» in dessen Akte. Die Analytiker würden nun wegen solchen Fehleinschätzungen Wege suchen, ihre Methoden zu verbessern. Der amerikanische Geheimdienst hat deshalb einen ungewöhnlichen Schritt gemacht: Er lädt die Bevölkerung im Internet ein, ihre eigenen Vorhersagetechniken zu testen. Mitmachen können aber nur US-Bürger. Aus den Ergebnissen erhofft sich die Regierung neue Erkenntnisse darüber, was Diktatoren wie Ghadhafi tatsächlich umtreibt. (miw)

Erstellt: 29.03.2011, 11:02 Uhr

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