«Ghadhafi hat seinen Streitkräften nie vertraut»

Muammar al-Ghadhafi hielt das libysche Militär bewusst schwach. Für den Machterhalt waren Milizen und Revolutionskomitees besorgt. Dies macht die Lage in Libyen tödlicher und komplizierter als in den Nachbarländern.

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Mit Geld und Protektion zog sich Muammar al-Ghadhafi gezielt Gefolgsleute in Schlüsselpositionen heran. Der Staatschef baute Milizen und bewaffnete «Revolutionskomitees» auf - das letzte Aufgebot für sich und seine Söhne, falls sich die regulären Streitkräfte gegen ihn stellen.

Deshalb kann er sich in Tripolis noch halten, während grosse Teile des weiten Landes ausserhalb der Hauptstadt rasch an die Regimegegner fallen. Deshalb auch wird der Aufstand in Libyen nicht so verlaufen wie nebenan in Tunesien und Ägypten, wo disziplinierte, organisierte Militärs eingriffen, die Diktatoren aus dem Amt drängten und ihren Völkern grösseres Chaos ersparten. Die Lage in Libyen ist tödlicher, komplizierter.

Bruchlinien an Stammesgrenzen

Das Land, das zur Hälfte schon abgefallen ist und dessen Staatschef mit aller Gewalt zurückschlägt, könnte vollends zerbrechen oder in blutigem Bürgerkrieg versinken. Bruchlinien gibt es reichlich in dem Wüstenstaat, fünf Mal so gross wie Deutschland, mit nur sechs Millionen Einwohnern.

Starke Stammesbindungen könnten letztlich das Schicksal des Regimes entscheiden. Um seine Position zu festigen, hat Ghadhafi auch den Ölreichtum Libyens genutzt, Stämme auf seine Seite zu ziehen. Er bedachte sie mit Geld, Vergünstigungen und Arbeitsplätzen und knüpfte Blutsbande durch Heiraten untereinander.

Jetzt lässt er Söldner aus afrikanischen Ländern der Subsahara auf die Protestierenden los. Deren Rekrutierung begann Experten zufolge in den 80-er Jahren als geheimes Programm; ihre Präsenz in Libyen wurde erst in den letzten Jahren aufgedeckt. Die genaue Zahl ist nicht bekannt, es sollen Hunderte sein.

120.000 Mann aufseiten Ghadhafis

Der Weltsicherheitsrat verurteilte das brutale Vorgehen und forderte ein Ende der Gewalt gegen Zivilpersonen. Die Stellungnahme lässt darauf schliessen, dass die Staatengemeinschaft die Lage in Libyen noch nicht für ernst genug hält, um etwa den Osten des Landes zur internationalen Schutzzone zu erklären, ein Flugverbot zu verhängen oder eine Grenze zu ziehen, die Ghadhafis Getreue nur auf eigene Gefahr überschreiten könnten. Doch der Gedanke könnte stärker werden, wenn Ghadhafi wie angedroht «bis aufs Blut» weiterkämpft.

Die militärische Stärke dafür hätte er nach Einschätzung des in Cambridge lehrenden Libyen-Experten George Joffe: schätzungsweise 120.000 Mann unter Waffen, darunter getreue Milizen wie die Revolutionskomitees, die bei einem Umsturz am meisten zu verlieren hätten. So lange die nicht durch Desertionen geschwächt würden, «kann Ghadhafi weiterkämpfen, so lange er will», sagte Joffe.

Streitkräfte ohne Sprit und Munition

Die 50.000 Soldaten zählenden Streitkräfte dagegen hat der selbst durch einen Putsch an die Macht gelangte Ghadhafi Kennern zufolge absichtlich vernachlässigt. «Die Armee wurde schlecht bewaffnet und schlecht ausgerüstet und als Gefahr für das Regime betrachtet», erklärte Charles Gurdon von der Londoner Sicherheitsberatung Menas Associates.

Ghadhafi sorge dafür, dass die Truppe nichts gegen ihn unternehmen könne, meint auch der frühere US-Diplomat Henry Schuler. Einheiten, deren Loyalität angezweifelt werde, bekämen so wenig Treibstoff wie möglich und keine scharfe Munition. «Ghadhafi hat seinen eigenen Streitkräften nie vertraut», sagte Schuler.

In Würde leben oder sterben

Es gibt verschiedene Szenarien, wie das Ganze ausgehen kann. Kämpft Ghadhafi bis zum Ende, könnte ein unregierbares, nach Stammesgebieten oder Regionen gespaltenes Land mit zerstörten Energiequellen übrigbleiben, wie der Londoner Libyen-Experte Saad Dschebbar mutmasst. Oder der Osten könnte sich als autonome Region ähnlich den Kurdengebieten im Irak abspalten.

Der Osten mit den Städten Bengasi, Sirt und Tobruk hat seit italienischen Kolonialzeiten einen Ruf als Bastion des Widerstands. «Die Menschen im Osten nehmen für sich eine Würde in Anspruch, die Ghadhafi ihnen nehmen will» sagte Schuler, der lange in Bengasi gedient hat. Eine Parole der Demonstranten dort zitiere Omar al Muchtar, den Nationalhelden und Unabhängigkeitskämpfer gegen Italien: «Lebe in Würde, oder stirb in Würde»

(kpn/dapd)

Erstellt: 24.02.2011, 21:26 Uhr

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