«Jede Bombe stärkt Ghadhafi politisch»

Nordafrika-Kenner Luis Martinez kritisiert die internationale Militäroperation als ziellos. Ghadhafi räumt er grosse politische Überlebenschancen ein. Er sei nicht so isoliert, wie es scheint.

Ghadhafi bei seiner Rede am Dienstag: «Mir schien, als sei er ganz der Alte», sagt Maghreb-Experte Luis Martinez.

Ghadhafi bei seiner Rede am Dienstag: «Mir schien, als sei er ganz der Alte», sagt Maghreb-Experte Luis Martinez. Bild: Keystone

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Welchen Eindruck hat Muammar al-Ghadhafi bei seinem jüngsten öffentlichen Auftritt am Dienstagabend auf Sie gemacht, dem ersten seit Beginn der Militärintervention?
Ich bin zwar kein Psychologe, doch mir schien, als sei er ganz der Alte. Er trat auf, umgeben von seinen Anhängern – auf dem Platz sieht man immer dieselben Leute –, und wollte allen mal wieder beweisen, dass er sich nicht in einen Bunker verkriecht, dass er unerschrocken ist, dass er siegen kann. Und so unglaubwürdig ist er in dieser Pose gar nicht. Er hat ja immerhin 42 Jahre Erfahrung darin, wie man im ständigen Konflikt mit der internationalen Gemeinschaft lebt und überlebt. Er ist es gewohnt, Probleme mit der Welt zu haben. Er wurde schon bombardiert in der Vergangenheit, mit internationalen Sanktionen belegt, jahrzehntelang kritisiert.

Doch so massiv wie gerade jetzt waren seine Probleme noch nie.
Nein, heute kommt alles zusammen, in einer einzigen und grossen Ballung: internationale Sanktionen, Bombardements aus der Luft, ein Aufstand seiner Landsleute, Gebietsverluste im Osten des Landes.

Und wie geht Ghadhafi bisher mit der Herausforderung um?
Ich denke, dass ihm sehr wohl bewusst ist, dass seine offizielle und formale Stellung auf internationaler Ebene völlig kompromittiert ist. Er steht im Abseits. Sein Regime gilt wieder als Paria. Er selber hat sich unmöglich gemacht, ist wieder eine Persona non grata. Doch sein Libyen, so, wie er es geformt hat über die letzten Jahrzehnte, ist nicht vergleichbar mit einem Land wie, sagen wir, Norwegen. Es ist also nicht ein transparenter Ölstaat, mit dem man offene und saubere Geschäfte macht. Ghadhafi hat eine Parallelwelt mit Offshore-Konten, okkulten Freunden und internationalen Netzwerken aufgebaut. Er weiss viel über viele Leute – auch viel Genierendes über den einen oder anderen. Das alles sind Ressourcen, die er nun versucht auszuschöpfen.

Er ist also gar nicht so isoliert, wie man ihn nun annimmt? Man sagt doch immer, ausser Hugo Chávez und Robert Mugabe stehe niemand mehr hinter ihm.
Öffentlich freilich nicht. Doch in seiner Parallelwelt ist Ghadhafi nicht isoliert. Er kann im Verborgenen nicht nur auf gewisse westliche Politiker zählen, die ein finanzielles Interesse an seinem politischen Überleben haben, sondern auch auf viele afrikanische Militärs: auf Offiziere und Generäle verschiedener Länder, die er einst bewaffnet hat, denen er in schwierigen Situationen finanziell half – in Liberia, im Niger, in Mali, im Tschad. Alle diese Leute wollen ihm nun ihre Dankbarkeit zeigen. Ghadhafi hat Beteiligungen in vielen afrikanischen Firmen, die er verkaufen kann, zum Beispiel gegen Diamanten, wenn sich der laufende Konflikt in die Länge ziehen sollte und er dereinst neue Mittel braucht.

Wie lange kann er durchhalten?
Die Frage müsste eher lauten: Wie lange können wir, also der Westen, durchhalten? Ghadhafis Widerstandswille scheint mir grösser zu sein als jener des Westens. Militärisch mag Ghadhafi bedrängt sein, doch mit jeder Bombe wird er politisch stärker. Es soll möglichst so aussehen, dass er das umzingelte Opfer ist.

Wie soll ihm diese Pose gelingen?
Sie gelingt ihm bereits. Solange die internationale Gemeinschaft nämlich unfähig ist, ihrer militärischen Operation einen politischen Sinn zu geben, wird die Intervention wie eine Aggression gegen einen Staat der arabischen Welt anmuten. Und das kann Ghadhafi für sich nutzen.

Für einen Regimewechsel gab es aber keine Mehrheit im Weltsicherheitsrat. Die Resolution 1973 beschränkt sich auf den Schutz der Zivilbevölkerung.
Ja, an der Forderung nach einem Regimewechsel wäre die internationale Gemeinschaft zerbrochen. Doch ohne politische Ziele macht der Einsatz keinen Sinn: Man müsste vor allem den Aufständischen die Mittel geben, um gegen Ghadhafis Truppen bestehen zu können. Vielleicht müsste das ebenfalls über informelle Kanäle passieren. Oder aber der Westen beschliesst, den einen oder anderen Stamm beim Kampf um die Macht zu unterstützen. Der Stamm der Familie Ghadhafi kontrolliert alle strategischen Ressourcen des Landes: Öl, Geld, Armee. Doch natürlich riskiert man dann auch, dass der Konflikt vollends in einen Bürgerkrieg ausartet. Und wer garantiert uns, dass am Ende nicht ein Clan an die Macht kommt, der mit dem Ursprung der Revolte, mit den Freiheits- und Gerechtigkeitsliebenden nichts gemein hat?

Gibt es keine Anzeichen, dass Ghadhafis Regime implodieren könnte?
Libyen ist komplex, Risse im Regime sind nur schwer auszumachen. Seine Macht fusst nicht auf einer klassischen Armee, sondern auf Milizen, die sich mehr um ihre Clan-Zugehörigkeit kümmern als um Ideologie und Politik. Natürlich kann es sein, dass Feldführer unter einem massiven Bombardement einknicken und desertieren. Doch es ist schwierig, einen Einblick ins gesamte System zu gewinnen.

Die amerikanische Aussenministerin Hillary Clinton sprach davon, dass Leute aus Ghadhafis Umfeld im Ausland über eine politische Lösung verhandelten – womöglich über einen Notausgang für den Despoten. Wie plausibel ist das?
Wahrscheinlich versuchen Amerikaner, Franzosen und Briten mit solchen Bemerkungen, Ghadhafi klar zu machen, dass er selber auch nach politischen Lösungen des Konflikts suchen soll.

Der libysche Herrscher scheint aber kaum gewillt dazu.
Mit Grund, wie man sieht. Ghadhafi weiss auch, dass die öffentliche Meinung in unseren Demokratien sehr volatil ist: Heute verurteilt der Westen zwar den libyschen Herrscher, doch in einem oder zwei Jahren ist derselbe Westen ganz und gar fähig, ihn wieder in die offizielle Welt aufzunehmen und mit ihm Geschäfte zu machen. Ghadhafi kennt die Reflexe des Westens mittlerweile sehr gut.

Und wie werden die Araber zu Ghadhafi stehen?
In der arabischen Welt ist die internationale Intervention mehrheitlich begrüsst worden, weil sie ein Massaker in Benghazi verhinderte. Doch auch dort könnte die Stimmung bald kippen. Ein langer, harter Militärkonflikt in der Gegend ist nicht im Interesse von irgendeinem der Nachbarländer. Unter anderem deshalb, weil der Tourismus darunter leidet, weil Chaos und Gewalt die Gäste aus Europa abschrecken würden. Auch diese Angst spielt Ghadhafi in die Hand. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2011, 22:54 Uhr

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