Ghadhafi-Gegner und Polizei liefern sich Strassenschlachten – 35 Tote

In Libyen ist es zu schweren Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und Gegnern von Muammar al-Ghadhafi gekommen. Laut einem Bericht haben Demonstranten zwei Polizisten erhängt.

Quelle: al-Jazeera/Youtube.


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Demonstranten haben heute in Libyen laut einem Zeitungsbericht zwei Polizisten erhängt. In der Stadt El Baida, 1200 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis, brachten Demonstranten zwei Polizisten in ihre Gewalt und hängten sie auf, wie die Zeitung «Oea» auf ihrer Website berichtete. Die Zeitung steht dem Sohn des libyschen Staatschefs Muammar Ghadhafi, Seif el Islam, nahe.

Bei Zusammenstössen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften in der libyschen Stadt Bengasi sind nach Angaben eines Krankenhausarztes am Freitag mindestens 35 Menschen getötet worden. Die Menge hatte den Sturz von Staatschef Muammar Ghadhafi gefordert.

Allein in der Al-Dschalaa-Klinik habe er 35 Leichen gezählt, sagte der Mediziner. Augenzeugen und Überlebende hätten berichtete, die meisten Opfer habe es beim Versuch eines Protests vor einem von Ghadhafi bei seinen Besuchen in Bengasi genutzten Gebäude gegeben. Sicherheitskräfte auf dem Gelände hätten auf die Demonstranten geschossen. Die Verletzten habe er nicht zählen können, sagte der Arzt, der anonym bleiben wollte.

Die Brigade des Ghadhafi-Sohnes, der auch Afrikaner aus anderen Ländern angehören sollen, ist laut einer Depesche der US-Botschaft vom Dezember 2009 die am besten ausgebildete und ausgerüstete Einheit der libyschen Streitkräfte.

Über 30 Tote

In Al-Baidha sollen seit Donnerstag nach unbestätigten Augenzeugenberichten mehr als 30 Menschen ums Leben gekommen sein, darunter auch mehrere Soldaten.

In den von Ghadhafis Sohn Seif al-Islam gegründeten semi-unabhängigen Medien wurde am Freitag ebenfalls eingeschränkt über die Proteste in Bengasi berichtet. So meldete die Zeitung «Qurina» ebenfalls, in Bengasi seien 14 Zivilisten getötet worden, nachdem Demonstranten mehrere öffentliche Gebäude in Brand gesetzt hätten.

Schwierige Informationslage

Die Zeitung liess auch einen Anwalt zu Wort kommen, der zusammen mit anderen Anwälten vor einem Justizgebäude in Bengasi gegen Korruption und für politische Reformen demonstriert hatte. Dieser sagte nach Angaben des Blattes: «Wir haben das Recht, unsere Meinung zu äussern, schliesslich leben wir doch in einem Land, in dem alle Macht vom Volke ausgehen soll.»

Ein unabhängige Berichterstattung über die Unruhen in Libyen gibt es momentan aber nicht. Die Informationen stammen oft von in Europa lebenden libyschen Oppositionellen, die telefonisch in Kontakt mit ihre Heimat stehen. Zudem gibt es sporadisch Videos und Bilder, die angeblich von Protesten in Libyen stammen. Das Ausmass der Proteste ist deshalb schwer abzuschätzen.

Opferzahl bleibt unklar

Unklar bleibt auch die Opferzahl seit Beginn der Proteste am Dienstag. Soziale Netzwerke berichteten von bis zu 50 Toten. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) töteten Sicherheitskräfte mindestens 24 Demonstranten.

Polizisten hätten mit scharfer Munition auf Demonstranten geschossen, um die Mengen auseinanderzutreiben, erklärte die Menschenrechtsorganisation am Freitag unter Berufung auf Augenzeugen.

In Bengasi und anderen Städten im östlichen Landesteil Cyrenaika ist der Widerstand gegen Ghadhafi besonders stark. Die Region fühlt sich von Ghadhafi vernachlässigt, da ein Grossteil der Erlöse aus dem Verkauf der reichen Erdölvorkommen in den Westen des Landes fliesst.

Offenbar will der Staatschef nun einen seiner Söhne im Zentrum der Unruheregion zum Rechten sehen lassen. Die libysche Zeitung «Al- Watan» meldete, Al-Saadi al-Gaddafi - international bisher vor allem als Spieler bei italienischen Fussballvereinen aufgefallen - wolle nach Bengasi umziehen. Der 37-Jährige soll dort einen Aktionsplan zur Verbesserung der Infrastruktur umsetzen.

Kurzer Auftritt

Machthaber Ghadhafi selbst zeigte sich am Freitag kurz vor Anhängern auf einem Platz in der Hauptstadt Tripolis, gab aber keine Stellungnahme ab. Die Staatsmedien berichteten nur über die Pro- Gaddafi-Kundgebungen der vergangenen Tage. Zu den regierungskritischen Protesten erklärten die Revolutionskomitees am Freitag, sie würden mit «harter» Gewalt beantwortet.

Ghadhafi ist bereits seit mehr als 40 Jahren an der Macht. Viele Libyer beklagen Arbeitslosigkeit, Ungerechtigkeit und begrenzte politische Freiheiten. Gleichwohl halten Beobachter einen Volksaufstand wie im Nachbarland Ägypten für unwahrscheinlich. Denn die libysche Führung kann den Öl- und damit auch den Geldhahn aufdrehen und so viele soziale Probleme mildern. (pbe/sda, AFP, dapd)

Erstellt: 18.02.2011, 22:58 Uhr

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