Wenn Menschen zu Wellen werden

Wie man mit Zahlen und Begriffen Politik betreibt: Res Strehle, Co-Chefreaktor des «Tages-Anzeiger», über die mediale Verantwortung in der Flüchtlingspolitik.

Ein Grossteil der Wartenden möchte in ihr Heimatland zurückkehren: Wanderarbeiter an der libysch-tunesischen Grenze.

Ein Grossteil der Wartenden möchte in ihr Heimatland zurückkehren: Wanderarbeiter an der libysch-tunesischen Grenze. Bild: Reuters

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Sprache ist verräterisch. Wenn Begriffe wie «Flüchtlingswelle» oder «Flüchtlingsstrom» allzu oft auftauchen, dann darf vermutet werden, dass sie entweder unbewusste Ängste ausdrücken oder solche demagogisch schaffen wollen. Schliesslich wird sich jeder vor Wellen schützen wollen, vor Tsunamis gar verbarrikadieren; und Ströme wecken den Wunsch nach Kanalisierung. Auch der öffentlichen Meinung.

Gerade deshalb sollten sich Medien gegen solche Begriffe verwahren. Denn die dadurch geschürten Ängste sind erstens kleinlich. Und zweitens gibt es, bei Nähe und Besonnenheit betrachtet, keinen Anlass dafür. Die Erfahrungen in der Flüchtlingspolitik der vergangenen drei Jahrzehnte haben gezeigt, dass die richtige Kombination von Sachlichkeit, Herz und dem beidseitigen Bemühen um Integration in einem funktionierenden Staat keine unlösbaren Probleme schafft.

Wer angesichts des epochalen Umbruchs in der arabischen Welt die Ängste weckt vor unabsehbar vielen Flüchtlingen, denkt ähnlich kleinlich wie jene, die bei einer Grosskatastrophe sogleich die Frage stellen, wie viele eigene Landsleute betroffen sind. In erster Linie verdient ein Opfer Anteilnahme unabhängig von seiner nationalen Herkunft. Im arabischen Raum sind nun aber zunächst und in besonderem Mass jene Opfer, die den breiten Widerstand gegen die Despoten tragen und dafür – oft unbewaffnet, wenn nicht gar ungeschützt – Leib und Leben riskieren. In Libyen deutet sich an, dass die Kämpfe mehr und mehr auch aus der Luft geführt werden. Auch ist nicht ausgeschlossen, dass chemische Kampfstoffe zum Einsatz kommen könnten. Dann würden die dort drohenden Opfer in keinem Verhältnis stehen zum Opfer, das die humanitäre Aufnahme von Flüchtlingen der Schweiz abverlangt.

Vor allem aber: Die Zahl der in Europa zu erwartenden Flüchtlinge wurde in den vergangenen Tagen stark übertrieben. Zwar ist die Zahl der Ausreisewilligen an der Grenze zu Tunesien eindrücklich. Doch ein Grossteil der Wartenden sind Wanderarbeiter, die in ihre Heimatländer zurückkehren wollen. Und selbst wenn ein grosser Teil der Flüchtenden den bekanntermassen beschwerlichen Weg nach Europa auf sich nehmen sollte, wird dies in erster Linie zum Problem für die südeuropäischen Länder. Auch deshalb kann die von der Schweiz angebotene Beteiligung als Gebot der Vernunft anerkannt werden. Und der europäischen Solidarität, unabhängig von der EU-Frage.

Natürlich wird sich eine Regierung mit diesem Solidaritätsbeitrag unter Tea-Party-Anhängern und Wutbürgern keine neuen Freunde schaffen und so womöglich unfreiwillige Wahlhilfe für die SVP leisten. Damit muss sie leben können, Solidarität ist nie kostenlos.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2011, 17:35 Uhr

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Res Strehle.

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