Wie man einen Diktator stürzt: Eine Anleitung auf 93 Seiten

Die Herrscher der arabischen Welt fürchten sich vor einem 83-Jährigen, der einen Ratgeber für Revolutionäre verfasst hat. Seine Tipps sollen in Tunesien und Ägypten zum Umsturz beigetragen haben.

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Besonders gefährlich wirkt Gene Sharp nicht: Der 83-Jährige ist ein zurückhaltender amerikanischer Intellektueller, er wohnt in einem kleinen Backsteinhaus in einem Arbeiterquartier in Boston, weit weg von den Plätzen der revolutionären Umstürze in der arabischen Welt. Doch seine Ideen werden zurzeit den Despoten in den arabischen Ländern gefährlich: Sharp ist der Verfasser einer Anleitung, wie man eine unblutige Revolution durchführt.

Dabei handelt es sich keineswegs um theoretische Literatur: Das 93-seitige Büchlein wurde laut «New York Times» in 24 Sprachen übersetzt, und zahlreiche Dissidenten sollen sich in den letzten Jahrzehnten Sharps praktischer Ratschläge bedient haben. Das Werk mit dem Titel «From Dictatorship to Democracy» soll Vorbild für die politischen Umwälzungen in Burma, Bosnien, Estland, Zimbabwe und jüngst in Tunesien und Ägypten gewesen sein.

Suche nach der Achillesferse

Ein amerikanischer Thinktank, das International Center on Nonviolent Conflict, verbreitete gemäss der amerikanischen Zeitung Sharps Ideen in Ägypten. Die Organisation, die demokratische Aktivisten ausbildet, hielt vor einigen Jahren in Kairo einen Workshop ab und stellte den Teilnehmern Gene Sharps «198 Methods of Nonviolent Action» vor. Darunter figurieren Hungerstreiks, das Enttarnen von Polizeispitzeln und Geheimagenten und vieles mehr.

Wichtig ist Sharp, dass die unterdrückte Bevölkerung in ihrem Herrscher nicht einen unverletzbaren Diktator sieht, sondern seine Schwächen auslotet. Jeder habe eine Achillesferse, und die gelte es zu erkennen: Autoritäre Regimes seien starr und würden meist unflexibel auf Veränderungen reagieren, zudem gebe es nur wenige Schlüsselfiguren, die den Staat zusammenhalten würden. Solche und andere Schwächen müssten sich die Demonstranten zunutze machen. Gestützt darauf entwickelt Sharp einen sorgfältigen Masterplan für eine erfolgreiche Revolution. Dabei warnt er auch vor falschen Hoffnungen oder taktischen Fehlern bei Verhandlungen.

Die ägyptische Bloggerin Dalia Ziada, eine der Teilnehmerinnen am Kairoer Workshop, griff Sharps Methoden auf und organisierte ähnliche Veranstaltungen zum Thema. Leute, die sie ausgebildet habe, seien später bei den Revolten in Tunesien und Ägypten aktiv gewesen, sagt die Bloggerin gegenüber der «New York Times». Offenbar haben selbst die Muslimbrüder Sharps Werk auf ihrer Website gepostet.

Ein Pazifist, aber kein Revolutionär

Gene Sharp hingegen hatte nie etwas mit Ägypten zu tun. Und er versteht sich auch nicht als Revolutionär, sondern ist laut der «New York Times» vielmehr ein stiller Denker. Etwas aufmüpfig war er in seiner Jugend allerdings schon: Während des Korea-Kriegs verweigerte er den Militärdienst und wanderte dafür neun Monate ins Gefängnis, und auch bei einer Sitzblockade soll er einst aktiv mitgemacht haben.

In erster Linie trat Gene Sharp aber als Gelehrter in Erscheinung. Er gründete die Albert Einstein Institution, lehrte Politikwissenschaft in Harvard und der University of Massachusetts – und führt ein ruhiges Leben. Die Revolution kennt er aus dem Fernsehen. Über CNN habe er verfolgt, was sich in Ägypten abspiele, sagt er.

Über die neuen Medien wie Twitter und Facebook, die bei den Umstürzen in der arabischen Welt eine entscheidende Rolle spielen, weiss der Amerikaner hingegen kaum Bescheid. «Ich sollte mehr darüber wissen», sagt Sharp gegenüber der «New York Times». Doch nur schon ein E-Mail zu verschicken, ist für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Sharp muss jeweils einen handgeschriebenen Zettel seines Mitarbeiters konsultieren. «Klicke auf das Icon ‹new› oben im Fenster, um ein leeres E-Mail zu öffnen», steht darauf.

Nicht mit den Waffen des Gegners kämpfen

Auch ohne Computerkenntnisse ist Sharp jedoch bei den Diktatoren gefürchtet. Immer wieder unternahmen sie Versuche, seinen Ruf zu verunglimpfen. Venezuelas Präsident Hugo Chávez brandmarkte ihn in einer öffentlichen Rede, das Regime in Burma beschuldigte den Amerikaner, mit den Demonstranten gemeinsame Sache zu machen, und der Iran bezichtigte den Wissenschaftler in einem Propagandavideo, er sei ein CIA-Agent, der für die USA andere Länder infiltriere.

Gene Sharp lässt all dies scheinbar unbeeindruckt und schon gar nicht schlägt er zurück. Aggressivität ist nicht seine Sache, in seiner Anleitung für den Sturz von Diktaturen orientiert er sich an den Studien von Gandhi. Um Frieden herbeizuführen, brauche es eine sorgfältige Strategie. Nicht Gewalt, sondern der friedliche Kampf für Freiheitsrechte, wirtschaftliche Boykotte und ähnliche Massnahmen würden die Demonstranten ans Ziel bringen, sagt er. «Wenn Sie mit Gewalt kämpfen, dann haben Sie die beste Waffe Ihres Gegners gewählt», stellt Gene Sharp nüchtern fest. «Sie mögen dann zwar ein Held sein – aber eben ein toter Held.» (miw)

Erstellt: 17.02.2011, 11:35 Uhr

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