Zum Hauptinhalt springen

Eine Stadt unter Dauerbeschuss

Misrata steht seit sechs Wochen unter Dauerfeuer der Truppen Ghadhafis. In keiner anderen Stadt sind die Aufständischen besser organisiert. Dennoch geht ihnen langsam die Kraft aus.

Erfolgreicher Schlag für Ghadhafi: Ein Treibstoffdepot in Misrata geht in die Luft. (7. Mai 2011)
Erfolgreicher Schlag für Ghadhafi: Ein Treibstoffdepot in Misrata geht in die Luft. (7. Mai 2011)
AFP
Libysche Aufständische verladen in Benghazi Waren für Misrata. (7. Mai 2011)
Libysche Aufständische verladen in Benghazi Waren für Misrata. (7. Mai 2011)
AFP
Ghadhafi-treue Soldaten lassen sich auf einer geführten Pressetour der Regierung fotografieren. (28. März 2011)
Ghadhafi-treue Soldaten lassen sich auf einer geführten Pressetour der Regierung fotografieren. (28. März 2011)
Reuters
1 / 23

Mohammed windet sich in seinem Krankenbett, die Augen geöffnet, doch bei Bewusstsein ist er nicht.Es ist auch fraglich, ob der Zehnjährige jemals wieder zu sich kommt. «Die Kugel ist auf der linken Seite seines Kopfes eingetreten und auf der anderen wieder herausgekommen», sagt Abdul Kather Muktar, Arzt im Hauptspital der libyschen Stadt Misrata. Die komplette Klinik ist mit Schwerstverletzten belegt, leichter Verwundete werden nach einer kurzen Behandlung wieder weggeschickt.

Die Zahl der Verletzten mit Schusswunden an Kopf und Nacken stieg in den vergangenen Tagen deutlich - ein Hinweis auf Scharfschützen. Wieder andere wurden Opfer von Streumunition. Einem dreijährigen Mädchen wurde der Magen zerfetzt, als sie von einem solchen Geschoss, das viele kleine Bomben freisetzt, getroffen wurde. Muktar und seine Kollegen amputieren derzeit ständig Gliedmassen, um die Verwundeten zu retten. Trotzdem sterben ihnen die Patienten unter den Händen weg.

Denn in Misrata fehlen nicht nur Essen, Wasser und Treibstoff, sondern auch Medikamente und die nötige medizinische Ausrüstung. Vielerorts gibt es keinen Strom, sogar die insgesamt drei Spitäler arbeiten zwischendurch mit Notstromgeneratoren.

Massenflucht aus Misrata

Seit dem Beginn der Kämpfe in Libyen sollen im ganzen Land bereits 10'000 Menschen getötet worden sein. Von bis zu 55'000 Verletzten sprechen die Rebellen. Misrata steht nun schon seit sechs Wochen schon unter Dauerfeuer der Truppen von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Chaled Abu Falgha, Verwalter des Hauptspitals von Misrata, spricht von tausend Toten in der Stadt, 80 Prozent seien Zivilisten. Einen Tag wie den vergangenen Sonntag, als 17 Menschen starben, bezeichnet er als «ruhig».

Misrata mit seinen derzeit noch 500'000 Einwohnern liegt nur 200 Kilometer von Tripolis entfernt. Jeden Tag flüchten die Menschen in Massen vor der Gewalt. Misrata ist die drittgrösste Stadt des Landes und die am weitesten westlich gelegene grosse Stadt in der Hand der Rebellen. Folglich verteidigen die Aufständischen den umkämpften Küstenort eisern.

Krankenautos nehmen Sonderrouten

Ein wichtiger Schauplatz der Kämpfe in Misrata ist die grosse Tripolis-Strasse. Dort haben die Rebellen Barrikaden errichtet, um Ghadhafis Truppen fernzuhalten. In einer ehemaligen Druckerei hocken junge Aufständische und spähen mit Spiegeln um die Ecke auf die Strasse. Sie alle waren vor der Revolte normale Zivilisten und nun tragen sie Jagdgewehre und Kalaschnikows und versuchen, damit etwas gegen Ghadhafis Bomben auszurichten.

Besonders heikel auf der Tripolis-Strasse ist das hohe Tameen-Gebäude, dort sollen die Scharfschützen sitzen. «Von da aus sieht man ganz Misrata», sagt der Arzt Mohammed. Er sitzt in einem Krankenauto und Fahrer Hassan schlängelt sich durch kleine Gassen, um die grossen Strassen zu meiden. Jeden Tag gibt es neue Krater auf Misratas Strassen. Mittlerweile dürfen die Rettungskräfte Sonderrouten benutzen, die Hauptwege sind zu gefährlich und durch die unebenen Strassen steigt die Gefahr, dass sich die Patienten in den Krankenwagen noch zusätzlich verletzen.

Kraft geht aus

Im Gegensatz zu anderen libyschen Städten in den Händen der Rebellen scheint Misrata zwar relativ gut organisiert zu sein. Es gibt zahlreiche Kontrollposten und die Disziplin unter den Aufständischen ist gross. Doch der Stadt geht allmählich die Kraft aus. Die Rebellen fordern nun ausländische Bodentruppen. «Sonst werden wir sterben», sagt Sprecher Nuri Abdullah Abdullati.

Auch der Arzt Mohammed ist im Dauereinsatz, die Bomben und Raketen rauben ihm die so dringend benötigte Ruhe. «Ich will nur noch schlafen», sagt er. «An irgendeinem Ort, an dem kein Krieg herrscht.»

SDA/jak

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch