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«Falls es einen Wandel in Syrien gibt, dann einen blutigen»

Anders als in Ägypten können die Demonstranten nicht auf die Unterstützung der Streitkräfte hoffen. Die syrischen Sicherheitsbehörden stehen hinter Präsident Assad, nur schon aus Eigeninteresse.

Gespaltene Bevölkerung: Regime-Anhänger protestieren gegen den US-Botschafter Robert Ford. Syrische Sicherheitskräfte sichern ab. (8. Juli 2011)
Gespaltene Bevölkerung: Regime-Anhänger protestieren gegen den US-Botschafter Robert Ford. Syrische Sicherheitskräfte sichern ab. (8. Juli 2011)
Reuters
Demonstration nach dem Freitagsgebet in Damaskus. (8. Juli 2009)
Demonstration nach dem Freitagsgebet in Damaskus. (8. Juli 2009)
Reuters
Ein Amateurvideo zeigt, wie Panzer der Regierung in die Stadt Daraa einfahren.(25. April 2011)
Ein Amateurvideo zeigt, wie Panzer der Regierung in die Stadt Daraa einfahren.(25. April 2011)
Reuters
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Seit 40 Jahren haben der Präsident und vor ihm sein Vater Hafes Assad wichtige militärische Posten mit alevitischen Glaubensbrüdern besetzt, das Schicksal der Streitkräfte mit dem des Regimes verbunden und sich so deren Loyalität gesichert. Angesichts dieses Machtgefüges könnten Syrien noch düstere Zeiten bevorstehen, wenn der Protest an Kraft gewinnt. Beobachter vermuten, dass die Streitkräfte das Regime um jeden Preis mit Gewalt verteidigen werden, aus Furcht verfolgt zu werden, wenn die sunnitische Mehrheit die Oberhand gewinnt.

«Falls es einen Wandel in Syrien gibt, wird das ein blutiger Wandel sein», erwartet Hilal Chaschan, Professor für Politikwissenschaften an der Amerikanischen Universität Beirut. «Assad hat die Streitkräfte, die Geheimdienste und die Sicherheitsbehörden. Das sind starke Kräfte, und sie sind auf Unterdrückung im Inneren spezialisiert.»

Risiko in Nahost

Der Aufstand erstaunt mehr als anderswo in der Region angesichts des Umstands, dass sich die Familie Assad seit 40 Jahren eisern an der Macht hält und jede leiseste Kritik im Keim erstickt. Wichtiger noch, sie hat die meisten entscheidenden Führungspositionen im Staat mit Angehörigen der alevitischen Minderheit besetzt. Diese schiitische Glaubensgemeinschaft macht etwa elf Prozent der überwiegend sunnitischen Bevölkerung aus.

Mindestens 200 Menschen wurden bei den Protesten der letzten vier Wochen getötet; Menschenrechtsorganisationen kritisieren scharf das harte Vorgehen der Sicherheitsorgane gegen überwiegend friedliche Demonstranten. Statt gegen die Verantwortlichen für Schüsse auf Regimegegner zu ermitteln, versuchten die Behörden mit der Beschuldigung unbekannter «bewaffneter Banden» davon abzulenken, sagte Sarah Leah Watson von Human Rights Watch.

Die Unruhe in Syrien ist ein neuer und höchst unberechenbarer Aspekt des Arabischen Frühlings, der die Lage im Nahem Osten noch komplizieren könnte. Ein Umsturz im Nachbarland Israels würde wahrscheinlich den Einfluss der sunnitischen Mehrheit stärken und damit dem schiitischen Verbündeten Iran Kopfzerbrechen machen.

Das Trauma von Hama

Die Protestwelle ging von Daraa aus, einer 300'000-Einwohner-Stadt nahe der jordanischen Grenze in einer verdorrten und verarmten Agrarregion, als Jugendliche dort kritische Parolen an eine Wand schmierten und verhaftet wurden. Sie brachte zum ersten Mal seit Jahrzehnten die Spannungen zwischen den Religionsgruppen ans Tageslicht, die unter der Minderheitsherrschaft der Dynastie Assad tabu waren. An das Massaker von Hama, wo Baschars Vater und Vorgänger Hafes Assad 1982 einen Aufstand sunnitischer Fundamentalisten brutal niederschlagen liess und zehntausende Menschen getötet wurden, denken die Syrer noch heute mit Schrecken.

Die Erfahrung von Hama präge Verstand und Gefühl der Menschen, meint Chaschan. Jede Woche fänden Demonstrationen statt, klein, aber konstant. «Es herrscht Furcht, weil das repressive Regime sie den Leuten gelehrt hat. Im Bewusstsein der Syrer ist der repressive Staat zu allem bereit, um die Macht zu behalten.»

Elizabeth Kennedy / dapd/jak

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