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«Ich war kein Anbeter Ghadhafis»

Der Genfer Soziologe Jean Ziegler kennt Libyens Tyrannen von mehreren Besuchen in dessen Wüstenzelt. Mittlerweile hält er ihn für verrückt.

«Bruder Muammar, wie er in Libyen genannt wird, steht mit dem Rücken zur Wand»: Jean Ziegler über Ghadhafis Fernsehauftritt vom 23. Februar 2011.
«Bruder Muammar, wie er in Libyen genannt wird, steht mit dem Rücken zur Wand»: Jean Ziegler über Ghadhafis Fernsehauftritt vom 23. Februar 2011.
Keystone

Herr Ziegler, was sagen Sie zum wütenden Fernsehauftritt von Muammar al-Ghadhafi? Es war der Auftritt eines pathologisch gestörten Menschen. Der Auftritt hat mich auch deshalb überrascht, weil ich Ghadhafi schon mehrere Mal erlebte als einer von Hunderten ausländischen Gästen der Revolutionsfeier. Jeden 1. September spricht Ghadhafi auf dem Grünen Platz in Tripolis. Dabei war er stets rhetorisch brillant, intuitiv und hat die Menschenmassen gespürt. Gestern aber war es nun wirklich der Diskurs eines Verrückten.Wie erklären Sie sich diesen Wandel? Da spielt Existenzangst eine grosse Rolle. «Bruder Muammar», wie er in Libyen genannt wird, steht mit dem Rücken zur Wand.Ghadhafi droht seinem Volk mit Bürgerkrieg und lässt unbewaffnete Demonstranten erschiessen. Überrascht Sie diese Brutalität? Ich erkenne in Ghadhafis Biografie drei wichtige Etappen. Am 1. September 1969 stürzte er mit anderen Beduinenoffizieren, die von den Briten ausgebildet wurden, König Idriss und übernahm die Macht; zwei Jahre später nationalisierte er die Ölfelder. Das war Ghadhafi der Nasserist, der Nationalist, der Antiimperialist. Die zweite Etappe waren Ende der Siebzigerjahre die Auseinandersetzung mit den Islamisten, die ganz Nordafrika betraf, und das Attentat in Benghazi, als Ghadhafi schwer verwundet wurde. Danach, schon ein wenig paranoid, säuberte er den Revolutionsrat. Und jetzt erleben wir die dritte Etappe, die psychopathisch-pathologische Phase.Es gab eine Zeit, da betonten Sie gerne, Gast von Ghadhafi gewesen zu sein. Ist Ihnen das heute peinlich? Nein. Natürlich gibt es ein Foto, auf dem ich als Gast in seinem Büro zu sehen bin und wir uns freundlich ansehen. Doch dass ich ein Freund oder Anbeter Ghadhafis wäre, wie man mich auch schon diffamiert hat, das ist Blödsinn. Ich bin ein Soziologe, der sich informiert. Punkt. Ich will die Welt verstehen, und ein Staatschef, der internationale Ambitionen hat und in einer mir so fremden Welt lebt, ist hoch interessant.

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