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Die Macht der Gerechtigkeit

Die Verurteilung von Ratko Mladic kommt spät, aber nicht zu spät. Das UNO-Tribunal würdigt die Leiden der Opferangehörigen.

MeinungEnver Robelli
Ratko Mladic störte die Urteilseröffnung. Der Richter liess ihn daraufhin aus dem Gerichtssaal führen.

Lebenslänglich! Nein, auch die Höchststrafe für Ratko Mladic kann das Leid nicht aufwiegen, das er den Opfern des Bosnien-Krieges angetan hat. Die Folgen seiner Vertreibungs- und Vernichtungspolitik sind auch heute unübersehbar. Bosnien, einst eine mehr oder weniger funktionierende multiethnische und multireligiöse Gesellschaft, ist ein Staatswrack – geteilt, polarisiert, schlecht regiert. Für viele Nationalisten ist der Friede nur die Abwesenheit von Krieg und eine Möglichkeit, sich schamlos zu bereichern. In diesem Sinne hat der bosnisch-serbische General sein Ziel erreicht.

Das Urteil des UNO-Tribunals in Den Haag kann die Wunden der Vergangenheit nicht heilen. Das erwartet auch niemand. Ein Gericht muss Recht sprechen und den Opfern das Gefühl geben, dass Gerechtigkeit keine Worthülse ist – und auch Völkermörder nicht ungeschoren davonkommen.

Seine Opfer hat er bis zuletzt verhöhnt

Die Strafe trifft Mladic sehr spät, aber nicht zu spät: Noch sind in Bosnien viele Menschen am Leben, die Familienangehörige im Krieg verloren haben. Mladic liess sie umzingeln, terrorisieren, bombarieren, aushungern. Für die Kriegsopfer ist es eine Genugtuung, dass nun ihre Leiden von einem internationalen Gericht gewürdigt werden. Mladic ist nicht mehr ein mutmasslicher Kriegsverbrecher. Er geht in die Geschichte ein als verurteilter Völkermörder. Daran wird selbst das eventuelle Berufungsverfahren kaum etwas ändern.

Kriegsverbrechen: Der Richter beschreibt das Massaker von Srebrenica. (Video: Tamedia)

Mladic hat während des Gerichtsverfahrens, das fast fünf Jahre dauerte, keine Reue gezeigt. Er hat seine Opfer mit vulgären Sprüchen beschimpft und verhöhnt. Hätte er die Macht, würde er mit grösster Wahrscheinlichkeit in seine alte Rolle als Massenmörder schlüpfen. Zum Glück steht ihm die Macht der Gerechtigkeit im Weg.

Es gibt einen Grund, weshalb die meisten Angeklagten serbische Offiziere, Politiker und Paramilitärs waren.

Auch seine Landsleute in Bosnien und in Serbien sind heute nicht mehr für Kriegsabenteuer zu haben. Aber nicht wenige Serben verehren ihn immer noch als Helden, der nur sein Volk verteidigt habe. Das sagen Geschichtsrevisionisten immer. Dass Mladic jahrelang ungestört unter dem Schutz der Armee und der Geheimdienste in Belgrad leben konnte, ist und bleibt ein Skandal. Seine Fluchthelfer wurden erst kürzlich freigesprochen, andere Kriegsverbrecher werden offen glorifiziert. Grossen Teilen der serbischen Gesellschaft mangelt es an Schuldempfinden und Unrechtsbewusstsein.

Sein Blutdruck sei zu hoch, die Verteidigung forderte einen Unterbruch der Verhandlung oder unverzügliche Urteilsverkündung. Der Richter lehnte ab, Mladic rastete aus und wurde aus dem Gerichtssaal geführt: Sicherheitsleute führen den schimpfenden Mladic ab. (22. November 2017)
Sein Blutdruck sei zu hoch, die Verteidigung forderte einen Unterbruch der Verhandlung oder unverzügliche Urteilsverkündung. Der Richter lehnte ab, Mladic rastete aus und wurde aus dem Gerichtssaal geführt: Sicherheitsleute führen den schimpfenden Mladic ab. (22. November 2017)
ICTY via AP, Ex-Press
Das Gericht spricht den bosnisch-serbischen Militärführer im Krieg, der von 1992 bis 1995 wütete, in zehn von elf Anklagepunkten schuldig: Gross ist die Freude bei Bosniern, die der Gerichtsverhandlung per Live-Übertragung in Srebrenica folgen.
Das Gericht spricht den bosnisch-serbischen Militärführer im Krieg, der von 1992 bis 1995 wütete, in zehn von elf Anklagepunkten schuldig: Gross ist die Freude bei Bosniern, die der Gerichtsverhandlung per Live-Übertragung in Srebrenica folgen.
Dimitar Dilkoff, AFP
Konsternation hingegen bei bosnischen Serben, die der Urteilsverkündung in Sokolac folgen.
Konsternation hingegen bei bosnischen Serben, die der Urteilsverkündung in Sokolac folgen.
Elvis Barukcic, AFP
Beim Eintreffen im Gerichtssaal hatte sich Mladic noch zuversichtlich gezeigt.
Beim Eintreffen im Gerichtssaal hatte sich Mladic noch zuversichtlich gezeigt.
Peter Dejong, AFP
Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten Angehörige der Opfer. Sie haben auch eine Installation zum Gedenken an die Opfer eingerichtet.
Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten Angehörige der Opfer. Sie haben auch eine Installation zum Gedenken an die Opfer eingerichtet.
John Thys
Stand auf und schrie den Richter an: Ratko Mladic im UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.
Stand auf und schrie den Richter an: Ratko Mladic im UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.
AFP
Einige Dutzend Angehörige der Opfer waren zur Urteilsverkündigung nach Den Haag gereist. Sie erwarten, dass der Ex-General zu lebenslanger Haft verurteilt wird.
Einige Dutzend Angehörige der Opfer waren zur Urteilsverkündigung nach Den Haag gereist. Sie erwarten, dass der Ex-General zu lebenslanger Haft verurteilt wird.
AFP
Der 2012 gestartete Prozess gegen Mladic ist der letzte des Tribunals, das zum Jahresende seine Arbeit nach 24 Jahren abschliesst.
Der 2012 gestartete Prozess gegen Mladic ist der letzte des Tribunals, das zum Jahresende seine Arbeit nach 24 Jahren abschliesst.
Keystone
Beim Betreten des Gerichtssaales gab er sich siegesgewiss: Der 70-Jährige soll im Bosnienkrieg (1992-1995) die schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg angeordnet haben. (16. Mai 2012)
Beim Betreten des Gerichtssaales gab er sich siegesgewiss: Der 70-Jährige soll im Bosnienkrieg (1992-1995) die schwersten Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg angeordnet haben. (16. Mai 2012)
AFP
Ein Zeuge schildert die Geschehnisse während des bosnischen Bürgerkriegs – er war damals 14 Jahre alt. (9. Juli 2012)
Ein Zeuge schildert die Geschehnisse während des bosnischen Bürgerkriegs – er war damals 14 Jahre alt. (9. Juli 2012)
AFP
Als letzte Führungsfigur der bosnischen Serben aus der Zeit der Balkankriege vor Gericht: Ratko Mladic beim Prozessauftakt in Den Haag. (16. Mai 2012)
Als letzte Führungsfigur der bosnischen Serben aus der Zeit der Balkankriege vor Gericht: Ratko Mladic beim Prozessauftakt in Den Haag. (16. Mai 2012)
AFP
Mladics Richter: Alphons Orie führt die Verhandlung. (16. Mai 2012)
Mladics Richter: Alphons Orie führt die Verhandlung. (16. Mai 2012)
AFP
Grosses Interesse in der Heimat: Bosnische Frauen, die das Massaker von Srebrenica überlebt haben, verfolgen in Sarajevo den Prozess live am TV. (16. Mai 2012)
Grosses Interesse in der Heimat: Bosnische Frauen, die das Massaker von Srebrenica überlebt haben, verfolgen in Sarajevo den Prozess live am TV. (16. Mai 2012)
AFP
Auch die Regierung schaut mit: Bakir Izetbegovic, Präsident der tripartiten Landesführung Bosniens, in Sarajevo. (16. Mai 2012)
Auch die Regierung schaut mit: Bakir Izetbegovic, Präsident der tripartiten Landesführung Bosniens, in Sarajevo. (16. Mai 2012)
Keystone
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Gleichzeitig wird an der ewigen Verschwörungstheorie gesponnen, wonach die internationale Justiz nur die Serben ins Visier nehme. Das UNO-Tribunal hat bestimmt Fehler gemacht und skandalöse Freisprüche verhängt – zum Beispiel gegen kroatische Generäle. Aber es gibt einen Grund, weshalb die meisten Angeklagten serbische Offiziere, Politiker und Paramilitärs waren: Beim Zerfall Jugoslawiens haben sie vier Kriege angezettelt – von Slowenien über Bosnien bis Kosovo. Das heisst nicht, dass die Verbrechen der anderen Ethnien an Serben verschwiegen oder verleugnet werden dürfen. Es bleibt eine Aufgabe auch der lokalen Justiz, die Schuldigen vor Gericht zu stellen. Erst dann hat Versöhnung eine Chance.

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