«Die Rückkehr von IS-Kämpfern kommt Putin entgegen»

Der Historiker und Nordkaukasus-Experte Jeronim Perovic sagt, die Zunahme islamistischer Gewalt in der Region diene dem Kreml zur Rechtfertigung ihrer autoritären Politik.

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Offiziell gilt der Nordkaukasus mit Tschetschenien als befriedet. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Man muss sich vor Augen führen, zu welchem Preis diese sogenannte Befriedung erreicht wurde. Russlands Armee hat in Tschetschenien zwei äusserst blutige Kriege geführt. Nach der Niederschlagung des Widerstands hat Moskau seine Truppen zurückgezogen und einen Diktator installiert, der mit viel Geld aus der föderalen Staatskasse und brutalsten Methoden dafür sorgt, dass es einigermassen ruhig bleibt. Vor allem hat die russische Intervention aber dazu geführt, dass die Gewalt in die Nachbar­republiken Tschetscheniens hinausgedrängt worden ist. Die Anschläge, die dort seither fast täglich erfolgen, sind ein Produkt der Tschetschenienkriege. Der Nordkaukasus befindet sich heute in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand.

Das ist ein Tabuthema in Russland.
Immer wieder führen Truppen des russischen Innenministeriums Militäroperationen gegen Rebellengruppen durch. Doch die Auseinandersetzungen finden heute vor allem innerhalb der nordkaukasischen Gesellschaft statt. Vielfach ist nicht klar, wer genau und warum involviert ist. Die offiziellen Stellen tendieren dazu, «internationale Terroristen» und «Islamisten» für alles Übel verantwortlich zu machen. So lenkt der Staat von den tatsächlichen wirtschaftlichen und sozialen Problemen ab, die er selbst nicht zu lösen imstande ist.

An der Spitze der Republiken stehen kremltreue Präsidenten. Vasallen sind typisch für die russische Politik im Kaukasus. Funktioniert das?
Das zaristische Russland hat in neu eroberten Gebieten die dortigen Eliten meist nicht einfach verdrängt, sondern diese nach Möglichkeit in die imperialen Herrschaftsstrukturen eingebunden. Voraussetzung war allerdings, dass überhaupt eine Aristokratie vorhanden war. Bei Tschetschenen oder den dagestanischen Bergvölkern gab es sie nicht.

Wie lösten die Russen das Problem?
Kern dieser Gesellschaften bildeten die dörflichen Gemeinwesen mit ihren Ältestenräten. Weil eine übergeordnete politische Führung fehlte, hatte Russland auch keine Ansprechpartner. Die zaristischen Vertreter schufen daher im 19. Jahrhundert einen künstlichen Adel. Das hat nicht richtig funktioniert, weil auch diese neuen Repräsentanten nie von allen Teilen der Gesellschaft akzeptiert wurden. Mit ähnlichen Problemen war Moskau auch in Sowjetzeiten konfrontiert, und in Tschetschenien hat Russland dieses Problem bis heute.

Warum?
Der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow, der aus dem Clan der «Kadyrowzy» stammt, hält sich einerseits durch einen repressiven Sicherheitsapparat an der Macht. Andererseits wird er nur deshalb von den anderen Clans geduldet, weil er sich deren Loyalität mit Geld aus der russischen Staatskasse erkauft. Klappt dieses Verteilsystem nicht mehr, wird es für ihn schwierig.

Zuletzt hiess es aber wiederholt, Kadyrow wolle Moskau loswerden.
Das ist für ihn nicht möglich. Tschetschenien ist finanziell komplett von Moskau abhängig. Kadyrow ist jedoch in einer heiklen Situation. Auch in Moskau gibt es Stimmen, die genug haben von ihm und die fordern, Tschetschenien und den Nordkaukasus nicht mehr mit so viel Geld zu versorgen – Geld, das angesichts der westlichen Sanktionen und der Wirtschaftskrise in Russland an anderen Orten fehlt. Mit seinen aggressiven Handlungen und pointierten Äusserungen ­gegen Russland will Kadyrow wohl vor allem signalisieren, dass Moskau ihn nach wie vor braucht und dass es ohne ihn sehr ungemütlich werden kann.

Ein politisches Spiel also?
Davon gehe ich aus. Und auch im Kreml weiss man, dass es momentan zu Kadyrow keine Alternative gibt.

Und die Tschetschenen selber? Gibt es noch eine Separationsbewegung?
Ein nationales Aufbegehren wie Ende der 80er und in den 90ern gibt es nicht mehr. Die Bevölkerung ist kriegsmüde. Auch die Elite hat dafür keinen Grund. Faktisch ist Tschetschenien unabhängig. Kadyrow kann in seinem Gebiet schalten und walten, wie er will.

Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass sich die Lage stabilisiert hat.
Ist eine Diktatur wie diejenige Kadyrows stabil? Vielleicht für eine gewisse Zeit. Ich sehe aber nicht, wie der Nordkaukasus in der jetzigen Situation ohne finanzielle Hilfe Russlands überleben kann. Doch Russland ist eher Teil des Problems als der Lösung, denn es stützt die dortigen korrupten Systeme. Die grossen Herausforderungen, die wirtschaftliche Entwicklung der Region, die Bekämpfung der enorm hohen Arbeitslosigkeit, bleiben ungelöst. Weil die Menschen legal nicht zu ihrem Recht kommen, nehmen sie es oft selbst in die Hand – und greifen dabei auch zur Waffe. Damit bleibt der Nährboden für Konflikte bestehen.

Wieso hält Moskau eigentlich an der Kontrolle der Region fest?
Wirtschaftlich war und ist der Nordkaukasus für Russland ein Verlustgeschäft. Erobert wurde er ursprünglich aus einer Zwangssituation heraus: Das Zarenreich annektierte bis ins erste Drittel des 18. Jahrhunderts den gesamten Südkaukasus, um die Osmanen und die Perser aus der Region zu drängen. Die muslimischen Stämme im gebirgigen Nordkaukasus waren danach eingeklemmt. Russland konnte einen Fremdkörper inmitten seines Staatsgebiets nicht dulden.

Die Zwangssituation existiert nicht mehr. Warum durfte Tschetschenien in den 90ern nicht gehen?
Tatsächlich gab es in Russland solche Stimmen, denn der von Präsident Jelzin geführte erste Tschetschenienkrieg war äusserst unpopulär. Wladimir Putin gab der Tschetschenienfrage dann aber eine neue symbolische Bedeutung. Im zweiten Tschetschenienkrieg, der in der offiziellen Lesart nicht mehr gegen die Loslösung Tschetscheniens, sondern gegen den internationalen Terrorismus geführt wurde, ging es Putin auch darum, die nationale Ehre wiederherzustellen. Denn im ersten Krieg war Russland vom kleinen Tschetschenien gedemütigt worden. Diese Argumentation kam bei der Bevölkerung an.

Der Krieg hat Putin den Weg ins Präsidentenamt geebnet. Was, wenn seine Kaukasus-Strategie scheitert?
Hat er eine Strategie? Ich zweifle daran. Er überträgt die Verantwortung für Sicherheit und Stabilität einfach lokalen Herrschern und bewahrt so einen äusserst prekären Status quo. Einen langfristigen Plan für Tschetschenien und den Nordkaukasus hat Moskau nicht.

Welche Rolle spielen die Islamisten? Zuletzt kam es in der Region zu Zwischenfällen. In Syrien sollen 5000 Kaukasier für den IS kämpfen.
Wir haben es mit einem neuen Phänomen zu tun. Im Zuge des ersten Tsche­tschenienkriegs kamen ausländische Isla­misten ins Land und mischten sich in einen Konflikt ein, der ursprünglich nicht religiös motiviert war. Heute sind es einheimische Islamisten, die aus Kampfgebieten im Nahen Osten radikalisiert und kampferprobt zurückkehren. Militärisch stellen diese für Russland zwar keine ernsthafte Bedrohung dar. Doch diese Gruppierungen haben einen starken Zulauf. Der Jugend fehlen Perspektiven. Ihre Mobilität nach Russland ist durch die extreme Fremdenfeindlichkeit und die grossen Vorurteile gegenüber Kaukasiern eingeschränkt, soziale Aufstiegsmöglichkeiten gibt es kaum.

Ist eine Eskalation wahrscheinlich?
Die Gefahr, dass die Gewalt mit der Rückkehr von IS-Kämpfern zunimmt, ist real, ich will das nicht verharmlosen. Die Islamisten haben das Ziel, einen Gottesstaat zu errichten. Aber trotzdem kommt dem Kreml diese Entwicklung auch entgegen. Putin operiert seit seinem Amtsantritt mit Feindbildern, um seine autoritäre Politik zu rechtfertigen. Seine lokalen Handlanger im Nordkaukasus machen es ebenso. Krieg führen ist einfacher, als sich um die tatsächlichen Probleme zu kümmern. Und Putin kann so auch vor den eigenen Leuten die Stützung umstrittener Figuren wie Kadyrow besser rechtfertigen. Die Abwärtsspirale dreht einfach weiter.


Jeronim Perovic: Der Nordkaukasus unter russischer Herrschaft. Böhlau-Verlag, Köln 2015. 544 S.

Erstellt: 12.08.2015, 00:04 Uhr

Jeronim Perovic

Der Historiker hat eine Förderungs­professur an der Uni Zürich. Er hat über die russische und sowjetische Herrschaft im Nordkaukasus habilitiert.

Das Idyll im Bergdorf Balachani täuscht: In Dagestan kämpfen islamistische Gruppen gegen die russische Armee.
Foto: Noor, Keystone

Islamistenführer getötet

Spezialeinheiten haben bei einem Einsatz in der russischen Teilrepublik Dagestan Behördenangaben zufolge den Islamistenführer Magomed Suleimanow getötet. Neben dem Anführer des sogenannten Kaukasus-Emirats seien auch dessen Stellvertreter und zwei weitere Kämpfer getötet worden, teilte das russische Anti-Terror-Komitee gestern mit.

Seit mehreren Jahren kämpfen Extremisten im Nordkaukasus für einen eigenen Staat, in dem sie eine strikte Version des islamischen Rechts, der Scharia, einführen wollen. Suleimanow war bereits der dritte Islamistenführer, der in ebenso vielen Jahren getötet wurde. Er kam erst im April an die Spitze des Kaukasus-Emirats. (SDA)

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