Analyse

Das Drama der Experten

Ob Fukushima, ob Finanzkrise – kaum jemand ist davon so überrascht wie die hartgesottenen Profis. Viele Prognosen sind wertlos. Eine Analyse.

Aus Schaden wird man nicht zwangsläufig klug: Durch diesen Spalt im AKW Fukushima floss am 1. April das radioaktive Wasser ins Meer.

Aus Schaden wird man nicht zwangsläufig klug: Durch diesen Spalt im AKW Fukushima floss am 1. April das radioaktive Wasser ins Meer. Bild: Keystone

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Was tut ein Mann oder eine Frau, wenn ihm oder ihr die eigenen Gewissheiten um die Ohren fliegen? Und zwar nicht irgendwelche Gewissheiten, sondern solche, an denen die eigene Existenz hängt?

Ein Beispiel lasen wir gestern im «Tages-Anzeiger». Ende 2008 noch sagte Michael Prasser, ETH-Professor für Atomphysik: «Unser Wissensstand ist heute nahezu perfekt.» Und: «Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gebiet radioaktiv verseucht wird, liegt bei einem Ereignis alle Milliarden Jahre.»Das gelte nicht nur für moderne Reaktoren, sondern auch für die alten, denn diese würden nachgerüstet. «Ein Kernkraftwerk ist eine Art lebendiger Organismus, dessen Sicherheit ständig optimiert wird.»Zwei Jahre (von einer Milliarde) später gerieten gleich vier Reaktoren in Fukushima ausser Kontrolle.Was sagt Prasser dazu? Er gesteht: «Die ersten Explosionen haben mich wirklich von der Piste geschossen.» Aber schon am Tag darauf, als die ersten Wasserwerfer auffuhren, habe die Hoffnung wieder überwogen.

«Natürlich hätten wir uns gewehrt»

Sein Fazit? «Wenn in Fukushima der neueste Stand der Technik zum Einsatz gekommen wäre, hätte es die Katastrophe nie gegeben.» Und: Die Japaner hätten die Tsunamis der Vergangenheit falsch ausgewertet. Kann man Professor Prasser, einem Experten, trauen? Auch, wenn man weiss, dass sein Lehrstuhl von der Atomlobby finanziert wird?

Oder Oswald Grübel? Dieser sagte, als er kurz ohne Job war, die Finanzkrise sei die Schuld von zu bankenfreundlichen Behörden: «Natürlich hätten wir uns gewehrt. Wir haben auch verdient wie die Weltmeister. Aber es gibt Momente, in denen eine Aufsicht sagen muss, was gilt. Macht eine Aufsicht, was der Beaufsichtigte will, ist sie keine Aufsicht.» Heute ist Grübel Chef der UBS. Also jener Bank, deren Bankrott die Schweizer Wirtschaft treffen würde wie ein explodierendes Atomkraftwerk. Und heute droht er der Politik, bei zu scharfen Auflagen würde seine Bank nach Asien abwandern.

Dinge ohne Wert

Der Schriftsteller Upton Sinclair schrieb den Satz: «Es ist sehr schwierig, einem Mann eine Sache beizubringen, dessen Gehalt davon abhängt, sie nicht zu verstehen.»

Hunderte von Anekdoten sprechen dafür: 1880 hielt die Telegrafenfirma Western Union das Telefon «für ein Ding ohne Wert», der Kinomogul Darryl Zanuck prophezeite bei Aufkommen des Fernsehers, niemand wolle «in eine Sperrholzkiste» sehen, der Software-Milliardär Bill Gates erklärte das Internet für «nur einen Hype». Ebenso stur sind die Reaktionen von Profis, wenn die Sache schiefläuft. Der US-Notenbankchef Alan Greenspan etwa hielt die Weltfinanzarchitektur dank der neuen Hi-Tech-Derivate für «sicherer als je zuvor». Als die Sache dann genau deshalb explodierte, erklärte er: «Die Finanzmarktkrise ist ein Kredit-Tsunami, den es nur einmal in hundert Jahren gibt.»

Gefangene der Gedanken

Es ist leicht, vom Bürostuhl aus über Prasser, Greenspan oder Gates zu grinsen. Denn erstens tut man es im Nachhinein und zweitens mit dem Vorteil, keine Ahnung von ihrem Geschäft zu haben. Beunruhigend ist nur, dass man auf einigen Gebieten selbst Profi wurde. Etwa auf dem Gebiet des Journalismus. Der in der heutigen Zeit – wie Verleger versichern und ich fest glaube – immer wichtiger wird. US-Präsident Franklin D. Roosevelt sagte einmal: «Menschen sind nicht Gefangene ihres Schicksals, nur Gefangene ihrer Gedanken.» Die Frage bleibt nur, von welchen seiner zwei Dutzend Gedanken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2011, 11:23 Uhr

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