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«Vorsorglich Jod einnehmen bringt nichts»

Der Strahlenbiologe Roland Scheidegger schildert die aktuellen Vorgänge im Atomkraftwerk Fukushima und erklärt, wie radioaktive Stoffe Zellen im Körper schädigen und krank machen können.

TA-Grafik san/Quelle: JAIF

In Fukushima wurden jetzt hohe Werte an Radioaktivität gemessen. Droht ein zweites Tschernobyl? Nein, bisher noch nicht. Doch die Lage spitzt sich immer mehr zu. Durch die Explosion im Reaktorblock 2 am Dienstagmorgen wurde erstmals das Containment, also die Sicherheitshülle um den Reaktorkern, beschädigt. Es gibt ein Leck, aus dem radioaktive Stoffe aus dem Innern des Reaktors in die Umgebung entweichen. Sorge macht uns zudem der Brand auf dem Gelände beim Block 4.Was ist dort passiert? Es handelt sich um ein Lager für verbrauchte Brennelemente, das normalerweise mit Wasser gekühlt wird. Aufgrund von Wassermangel und der Hitze der Brennelemente brach Feuer aus. Das ist schlimm, weil durch einen solchen Brand radioaktive Stoffe auch in höhere Schichten der Luft gelangen.Wie können sich Arbeiter auf dem Areal vor der Strahlung schützen? Dies ist nur bis zu einem gewissen Grad mit speziellen Ganzkörperanzügen und Atemschutzmasken möglich. Auf diese Weise lässt sich verhindern, dass radioaktive Stoffe wie etwa Alpha- und Betastrahler in den Körper gelangen. Gegen die Gammastrahlung, die von aussen kommt, kann man sich dagegen nur mit dicken Wänden aus Beton oder Stahl schützen. Sie richtet im Vergleich zu den beiden anderen ionisierenden Strahlungen bei gleicher Dosis aber weniger Schäden im Körper an.Einige Arbeiter sind verstrahlt und im Spital. Kann man ihnen helfen? Es kommt ganz darauf an, wie stark sie betroffen sind. Mit speziellen Therapien und Medikamenten kann man oft noch erfolgreich Symptome lindern.Auf dem Gelände wurden an einem Ort mehr als 400 Millisievert pro Stunde gemessen. Wer sich dort ungenügend geschützt länger als 1½?Stunden aufhält, wird krank. Bleiben solche Schäden? Die Strahlenkrankheit tritt nach akuter, kurzzeitiger Bestrahlung ein. Ab 500 Millisievert kommt es zu Übelkeit und Unwohlsein. Ab 1 bis 2 Sievert verändert sich das Blutbild, doch die Heilungschancen sind noch recht gut. Ab 3 bis 4?Sievert wird es heftig. Unzählige Zellen im Magen-Darm-Trakt sterben ab. Mit der Folge, dass es letztlich zu inneren Blutungen und Infektionen kommt. Bei noch höheren Dosen ist dann das Nervensystem auch noch geschädigt, und die Überlebenschancen sinken weiter. Zum Beispiel wurde beim nukleartechnischen Unfall 1999 in Tokaimura ein Arbeiter von einem Strahlenblitz mit 17 Sievert getroffen. Mit Mühe konnte man ihn noch knapp 3 Monate am Leben halten.Reichen die bisher getroffenen Vorsichtsmassnahmen aus? Im Prinzip ja, so, wie es jetzt aussieht. Doch die Situation kann sich sehr schnell ändern. Wir wissen im Moment noch nicht, welche Radionuklide aus den Anlagen entwichen sind. Mit Sicherheit sind die radioaktiven Isotope Jod-131 und Jod-133 dabei. Sie bestimmen in den ersten Tagen nach solchen Unfällen im Wesentlichen die Strahlenbelastung.Dagegen helfen Jodtabletten. Die Tabletten enthalten herkömmliches Jod. Dies verhindert, dass sich das gefährliche, radioaktive Jod in der Schilddrüse anreichert und dort zu Krebs führen kann. Allerdings dürfen sie nur auf Anordnung der Behörden zum richtigen Zeitpunkt eingenommen werden.

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