«Die Wiedergeburt der al-Qaida»

Im Schatten des IS und anderer Terrororganisationen gewinnt die al-Qaida an Schlagkraft zurück. Geheimdienste sind besorgt. Wovon profitieren die Islamisten?

In den ersten Tagen des Afghanistankrieges: Ein Al-Qaida-Kämpfer zeigt von einem Panzer aus auf einen amerikanischen Bomber. (10. Dezember 2001)

In den ersten Tagen des Afghanistankrieges: Ein Al-Qaida-Kämpfer zeigt von einem Panzer aus auf einen amerikanischen Bomber. (10. Dezember 2001) Bild: Keystone

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Der Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat hat die öffentliche Aufmerksamkeit von einer Gefahr abgelenkt, die laut amerikanischen Geheimdiensten wieder virulent wird. In der «New York Times» sagt der ehemalige CIA-Direktor Michael Morell: «Ich bin besorgt über die Wiedergeburt der al-Qaida in Afghanistan. Denn das Ziel, das zuoberst auf ihrer Liste steht, sind wir.»

In einem Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger» betonte kürzlich auch der deutsche Terrorexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, man «sollte die al-Qaida nicht vergessen.» Laut «New York Times» seien die amerikanische und die afghanische Regierung vom Wiedererstarken der Terrororganisation überrascht worden. Die Entwicklung ist umso bedrohlicher, als die Sicherheitslage in ganz Afghanistan immer prekärer wird und auch die Taliban wieder auf dem Vormarsch sind.

Mangelnder Kampfeswille

Die al-Qaida konnte sich wieder konsolidieren, weil die westliche Anti-Terror-Koalition und einheimische Truppen seit einiger Zeit vor allem den IS, die Taliban sowie die in Afghanistan und Pakistan aktive islamistische Gruppierung Haqqani-Netzwerk bekämpft hätten. Weitere Gründe sind die in Afghanistan verbreitete Korruption, politische Instabilität sowie der mangelnde Kampfeswille afghanischer Verbände. Im Oktober sagte US-General John Campbell vor dem amerikanischen Kongress, die afghanischen Truppen hätten sich «bisher als unfähig erwiesen, die al-Qaida zu besiegen. Die Organisation hat versucht, ihre Netzwerke wieder enger zu knüpfen und ihre Planungsfähigkeit zurückzugewinnen, um Anschläge auf amerikanischem Territorium und gegen westliche Interessen zu verüben.»

Im Oktober haben afghanische und amerikanische Einheiten ein Terrorcamp der al-Qaida im Süden des Landes entdeckt und angegriffen. Mit einem sich über 80 Quadratkilometer erstreckenden System aus Tunneln und Befestigungen sei es eines der grössten gewesen, das die Terrororganisation jemals errichtet habe. Der amerikanischen Armee zufolge sind bei dem Angriff rund 200 islamistische Extremisten getötet worden. Trotz des militärischen Erfolges sei es äusserst besorgniserregend, dass die al-Qaida überhaupt noch in der Lage sei, für längere Zeit unbemerkt ein derart grosses Ausbildungslager für Terroristen zu betreiben.

Laut amerikanischen Quellen existieren in Afghanistan weitere kleinere Camps. Ihre genaue Anzahl sei jedoch unbekannt. «Hätte man sie vor einigen Jahren entdeckt, wären sie an die Spitze der Bedrohungsliste gerückt, die Präsident Obama anlässlich der täglichen Briefings vorgelegt bekommt», schreibt die «New York Times». Nun gelten sie nur noch als eine Bedrohung von vielen.

Ziel ist ein neues Kalifat

Im September 2014 verkündete Ayman al-Zawahri, der Anführer der islamistischen Terrororganisation, die Gründung einer Untergruppierung namens «al-Qaida auf dem indischen Subkontinent». Ihr Ziel sei, in Burma, Bangladesh und Teilen von Indien ein «Kalifat» zu errichten. Laut US-Geheimdiensten umfasst die Organisation mehrere Hundert Kämpfer und hat ihre territoriale Basis in Pakistan und dem südlichen Afghanistan. Die Gruppe versuchte im September 2014, eine Fregatte der pakistanischen Marine zu kapern, um sie gegen amerikanische Patrouillenschiffe im Indischen Ozean einzusetzen. Der Versuch scheiterte, kostete jedoch 10 pakistanischen Soldaten das Leben. Unter den Tätern befanden sich laut der US-Armee auch pakistanische Marinesoldaten, die zur neu gegründeten Terrorgruppe übergelaufen waren.

Die al-Qaida auf dem indischen Subkontinent bekannte sich auch zum Mord an Avijit Roy. Mehrere Fanatiker hatten den amerikanischen Blogger und Religionskritiker mit bengalischen Wurzeln im Februar 2015 in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesh, aus einer Rikscha gezerrt und auf offener Strasse mit Messern und Hackbeilen ermordet.

Erstellt: 30.12.2015, 19:33 Uhr

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