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Sarah Palin, Rächerin der erschöpften Frauen

Die Nominierung von Sarah Palin als John McCains Kandidatin für das Vizepräsidium hat die Vereinigten Staaten getroffen wie ein Gewittersturm. Eine Analyse der Kulturkritikerin Naomi Wolf.

Sarah Palin inspiriert Grafiker weltweit. Sie sehen sie als blutrünstigen Dracula...
Sarah Palin inspiriert Grafiker weltweit. Sie sehen sie als blutrünstigen Dracula...
DUKAS/FERRARI PRESS
als Heilige...
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DUKAS/FERRARI PRESS
als Pin-Up-Cowgirl.
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Es ist wichtig, Palins Attraktivität für eine bestimmte Gruppe von Wählerinnen zu verstehen, und wir müssen die Wut respektieren, die sich hier manifestiert. Hinter Palins Anziehungskraft steht die Klassenfrage.

Arbeitende weisse Frauen werden in Amerika ausgenutzt, seit die Nation gegründet worden ist. Während wohlhabende weisse Frauen oder solche mit einer erstklassigen Ausbildung - die Hillary Clintons, Madeleine Albrights und Condoleezza Rices der amerikanischen Gesellschaft - die gläserne Decke durchstossen haben, beobachten die weissen Arbeiterfrauen diesen Aufstieg mit verständlichem Unmut.

Ihre wohlhabenderen Geschlechtsgenossinnen beschäftigen Frauen wie sie, um die Drecksarbeit zu machen. Sie selbst aber müssen mit den stagnierenden Mindestlöhnen in typischen Frauenberufen oder Dienstleistungsjobs zurechtkommen. Die Decke über ihren Köpfen ist nicht aus Glas, sondern aus Beton. Und regelmässig werden sie von Politikern herablassend behandelt.

Auch die Hautfarbe ist ein Faktor. Weisse Frauen aus der Arbeiterklasse erleben das Zusammenleben zwischen Schwarzen und Weissen oft als feindselig. Sie nehmen eine Unterschicht wahr, von der sie glauben, sie erhalte staatliche Zuwendungen, die man ihnen selber verweigere. Ausserdem blühe die Wirtschaft in den Entwicklungsländern, die gut bezahlte Arbeitsplätze in den USA gefährdeten.

So wird Sarah Palin zur symbolischen Rachefantasie vieler dieser unterdrückten, erschöpften Fabrikarbeiterinnen und Sekretärinnen. Dass eine weisse Frau einen «Herzschlag» davon entfernt sein soll, US-Präsidentin zu werden, findet bei ihnen grossen Anklang. Fast jede Frau, die nicht aus privilegierten Verhältnissen stammt, zu Hause kleine Kinder hat und keine Kannibalin oder Satanistin ist, würde bei Frauen im Allgemeinen anfänglichen Beifall ernten, und gewiss bei einer Gruppe, die so lange zum Schweigen verdammt und trivialisiert wurde.

Dennoch zeigen Palins sinkende Umfrageergebnisse, dass diese Frauen, obwohl sie die symbolische Bestätigung grossartig finden, nicht dumm sind. Sie bemerken langsam, dass Palin wie ein Modell an einer Automesse herumgezeigt wird und dass die Medien zwar Bilder machen, aber keine Fragen stellen dürfen. Sie bemerken auch, dass die Wirtschaft zusammenbricht.

Darüber hinaus wirkt Palins Politik umso bedrohlicher, je mehr sie Form annimmt. Das Problem ist nicht nur, dass sie im McCain-Wahlkampf mit Veteranen der Bush-Cheney-Kabale umgeben wurde (Karl Roves Gefolgsleute und Mitarbeiter schreiben nun ihre Reden). Sie glaubt auch daran, Gott habe ihr Legislativprogramm in Alaska festgelegt, und ist, wenn es um Auslandsreisen geht, kaum übers Fernsehschauen hinausgekommen.

Wie lange lebt John McCain?

Im Raum steht das unausgesprochene Problem, dass Leute im Alter John McCains, die wegen des gleichen Krebses behandelt wurden wie er, eine statistische Überlebensrate von zwei bis vier Jahren haben. Dies bestätigen Dermatologen. Die beunruhigende Aussicht auf eine lange Präsidentschaft Palins hinterlässt inzwischen auch bei weissen Frauen keine so guten Gefühle mehr.

Was lehrt uns also diese kurzlebige Palin-Blase? Wir sollten das nächste Mal wissen, dass grosse Anführer und grosse Träume in jenen Frauen übersehen werden, die unser Essen zubereiten, unsere Internetbestellungen bearbeiten und unsere Krankenhäuser putzen. Ihre Stimmen verdienen unsere Unterstützung, und nicht ein Angst einflössendes Substitut, das weitere acht Jahre Herrschaft derjenigen bringt, die Amerikas Staatskasse geplündert, seine Wirtschaft zugrunde gerichtet und 4000 tapfere junge Männer und Frauen in den Tod geschickt haben, indem sie sie in einen Krieg entsandten, der auf einer Lüge beruhte.

ta/ri

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