Jetzt sterben die Ideale

Das grösste Problem von «Charlie Hebdo» ist das Geld. Es wirkt wie ein langsames Gift.

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Es ist nicht einfach, Charlie zu sein. Vor allem nicht für die kleine Mannschaft, die seit dem Attentat «Charlie Hebdo» am Leben erhalten und weitergemacht hat. Sie sind allesamt traumatisiert, erschöpft, im Innersten verletzt, manche körperlich für immer versehrt. Sie sind am Ende ihrer Kräfte und untereinander teilweise zerstritten. Sie sind überdies öffentlich entweder aufs Schlimmste beleidigt oder auf ­sagenhafte Weise überhöht worden. Sie sind gegen ­ihren Willen weltweite Ikonen geworden, Symbole für den Kampf um Meinungsfreiheit und das Recht auf Blasphemie. Niemand hat sie gefragt, ob sie sich ­dieser Rolle gewachsen fühlten.

«Charlie Hebdo» ist jetzt weltbekannt. Es lastet die geballte Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf dem kleinen Blatt, das vorher eine winzige, anarchistische, trotzkistische, antiklerikale Nische war. Aber es gibt keine Klarheit darüber, wie die Zukunft aussehen soll, keine Entscheidung über eine journalistische Neuerfindung, nur die Sicherheit, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Die Blattmacher fordern von den Herausgebern eine strukturelle Neuordnung, mehr Mitbestimmung und eine finanzielle Neuaufstellung. Aber die Hierarchie reagiert, wie das typisch für Hierarchien ist, sie blockiert. Sie ist beleidigt. Sie hält die anderen für Leichenfledderer.

Das grösste Problem von «Charlie Hebdo» ist das Geld. Es wirkt wie ein langsames Gift. Die ganze Welt wollte Charlie retten, aber die bittere Wahrheit ist, dass das nicht funktionieren konnte. «Charlie Hebdo» ist tot. Was den Terroristen mit ihrem Gemetzel nicht gelungen ist, erledigt jetzt die Redaktionsleitung. Es ist das Gift der Millionen, das Redaktion und Direktion spaltet. Denn es gibt neben den Anteilseignern nur zwei Kriegsgewinnler in diesem traurigen Spiel: den Herausgeber und seinen Finanzdirektor. Sie sind beide gegen eine Redaktionsgesellschaft, an der alle Mitglieder gleichermassen beteiligt wären. Sie sträuben sich gegen eine finanzielle Umverteilung, weil sie ihre Millionen teilen müssten. Das wäre der Preis, um «Charlie Hebdo» zur retten. Er ist ihnen offensichtlich zu hoch. Sie lassen lieber ihre Ideale sterben.

Erstellt: 19.05.2015, 23:18 Uhr

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