Die Gestrandeten von Calais

Flüchtlinge riskieren am Eurotunnel ihr Leben, um nach England zu gelangen. Die französische Stadt am Ärmelkanal ist vollkommen überfordert.

Hunderte von Menschen versuchten am Dienstag, den Eurotunnel zu stürmen.

Hunderte von Menschen versuchten am Dienstag, den Eurotunnel zu stürmen. Bild: Thibault Camus/Keystone

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An klaren Tagen kann Daniel das Paradies mit Händen greifen. Wenn der Himmel blau ist und kein Dunst über dem Ärmelkanal liegt, zeichnet sich weit, weit am Horizont die Küste Englands als dünner Strich wie ein Versprechen ab. 27 Kilometer misst der Ärmelkanal zwischen Calais und Dover, seiner schmalsten Stelle. Für jemanden, der Tausende Kilometer hinter sich hat, der aus Eritrea kommt, aus dem fernen Nordosten Afrikas, der ganze Meere überquert hat, ist das nichts.

17 war Daniel, als er seine Heimat verliess, 24 ist er heute. Seine Irrfahrt ging durch den Sudan, Ägypten, übers Meer in die Türkei. Ein Jahr lang sass er als ­illegaler Migrant im Gefängnis in Griechenland. Dann zog er weiter auf ­langen, verschlungenen Wegen bis nach Calais. Und nun, so nah am Ziel, 27 Kilometer nur noch, aufgeben?

Täglich versuchen Hunderte Flüchtlinge den Ärmelkanal zu überwinden, ­irgendwie in und durch den Tunnel zu kommen, der Europas Festland und England verbindet. Sie versuchen, sich in Lastern zu verstecken, auf Züge zu klettern und inzwischen sogar, den ­Tunnel zu Fuss zu durchqueren. Sie glauben, in Grossbritannien seien die Strassen mit Gold gepflastert, spottete unlängst ein britischer Politiker. Auch das Wort «Eldorado» benutzen die Offiziellen auf der anderen Seite des Kanals gern. Dabei hängt es manchmal an ganz anderen Dingen.

Sturm auf die Lastwagen

Die meisten sprechen ein paar Brocken Englisch, während sie das Wort Calais nicht einmal annähernd aussprechen können. Auch kann man sich auf der ­anderen Seite, glauben sie, als Schwarzarbeiter durchschlagen. So lungern sie tagelang, wochenlang an der Autobahn herum, schlafen unter Zubringerbrücken und warten darauf, dass der Verkehr zum Stocken kommt.

Morgens ist der Stau auf der A 16 ­Richtung Tunnel schon kilometerlang. Die Lastwagen fahren Schritttempo, stoppen, bis zu fünf Stunden kann es dauern, ehe sie den Verladebereich ­erreichen. Das ist der Moment, wenn die Flüchtlinge in kleinen oder grösseren Gruppen die Karawane der Laster stürmen. Sie brechen Schlösser, stemmen Türen, schlitzen Planen auf, ­machen sich an Cargo-­Containern zu schaffen. Es sind nur 27 Kilometer bis ans Ziel.

In den vergangenen Tagen haben ­einige Flüchtlinge zu Knüppeln gegriffen, mit Steinen geworfen, sie haben Barrikaden gebaut, um den Verkehr vollends zum Erliegen zu bringen. Von «apokalyptischen Szenen» sprachen ­Augenzeugen.

«It’s scary», ruft Steve aus dem ­Führerhäuschen eines Lasters heraus, ziemlich ungemütlich sei es. Wenn er in ­Dover mit einem Flüchtling an Bord ­erwischt werde, koste ihn das 2900 Pfund Strafe. Dann kurbelt der englische Fernfahrer, die kräftigen Arme schwer tätowiert, seine Scheibe schnell wieder hoch.

«Welches Leben?»

Ein junger Sudanese springt wieder aus einem offenen Laster raus. Will er es nicht probieren? «Kein gutes Versteck», sagt Faisal in gebrochenem Englisch. Warum er sein Leben riskiere? «Welches Leben?», fragt er zurück. Ein Mannschaftswagen der französischen Polizei patrouilliert mit Blaulicht. Hin und ­wieder steigen Polizisten aus, um mit Tränengas die Männer auseinanderzutreiben, die hundert Meter weiter weg wieder aus den Büschen kommen. Es ist ein lächerliches Katz-und-Maus-Spiel.

«Die sind total überfordert», sagt ­Veronika, blondes Haar, blaues Firmen-T-Shirt. Sie lädt ins Führerhaus ­ihres Lasters ein, das säuberlich mit ­Badematten ausgelegt ist. Ihre Crocs hat sie auf einer abgestellt, daneben stehen Günthers Sandalen. Er sitzt am Steuer in Socken. Jeden zweiten Tag stehen sie hier im Stau. «Einen Tag gehts von ­Veenendaal hoch, am nächsten von Birmingham wieder runter», sagt Günther.

«Ich verstehe, dass die nach England wollen», sagt Veronika, «hier sind sie gar nichts, hier werden sie nur wie Tiere verscheucht, wie Abfall behandelt.» ­Einmal hat sie gesehen, wie ein Migrant von einem Laster erfasst wurde. «Die Polizisten haben ihn am Kragen gepackt und hinter die Leitplanke gelegt.»

27 Kilometer vor dem Ziel ist das Leben nicht viel wert. Kürzlich zogen sich drei Flüchtlinge schwere Brandwunden zu beim Versuch, auf einen Güterzug aufzuspringen, einer von ihnen liegt auf der Intensivstation. Ein Lichtbogen hatte sich gebildet, der Strom war vom Stromleiter übergesprungen.

Das jüngste Opfer von Calais

Eine Woche zuvor ist bei einer ähnlichen Aktion ein Eritreer gestorben. Ein anderer war beim Versuch, auf einen Zug aufzuspringen, an einem Pfeiler zerschellt. Samir hiess das Baby einer jungen Frau, die nach dem Sturz von einem Laster eine Frühgeburt hatte und das Kind verlor. Die Lokalzeitung von Calais berichtet von Samirs Beerdigung im «carré des anges», der Engelsecke des Friedhofs, dort ruht jetzt das jüngste Opfer von Calais.

Am Kanaltunnel zwischen Frankreich und Grossbritannien sterben immer mehr Flüchtlinge. (29.7.2015)

Als der «Chunnel», der Eurotunnel, vor über 20 Jahren eingeweiht wurde, hatten die Briten Angst vor allerlei. Sie fürchteten Tollwut, Kartoffelfäule, Killermotten, Knoblauchduft, Geschlechtskrankheiten und das Ende des stolzen Insulanertums. Heute fürchten die ­Briten die Flüchtlinge auf der ­anderen Seite des Ärmelkanals.

Der Eingang zum Tunnel auf französischer Seite gleicht einer hochgesicherten militärischen Sperranlage. Die Zäune, die dazu dienten, die Olympia­anlagen von London zu schützen, sie stehen jetzt in Calais. Über vier Meter sind sie an einigen Stellen hoch. 15 Millionen Euro hat sich die britische Regierung das kosten ­lassen. Die britische Innenministerin Theresa May hat weitere Gelder für die Einrichtung einer gesicherten Abfertigungszone für die Laster angekündigt.

«Sie können noch so lange, noch so hohe Zäune bauen, irgendwann hört ­jeder Zaun auf, und da werden sie reinschlüpfen», sagt Christian Salomon, Vorsitzender des Vereins Auberge des Migrants. Er weiss, dass man das Problem nicht mit Mauern lösen kann. ­Täglich verteilt er mit anderen Frei­willigen Essen im «neuen Dschungel», so heisst das räudige Gelände im Osten von Calais, auf denen die Flüchtlinge im Staub zwischen Müll hausen. Menschenunwürdige Verhältnisse.

«Sicher», sagt Salomon, «aber vorher war es schlimmer. Sie wurden ständig verjagt, konnten sich nicht mal eine Hütte bauen.» Im «neuen Dschungel» gibt es seit einigen Wochen Wasser. Das heisst: Leitungen, die aus dem Boden kommen, ein paar Hähne notdürftig ­installiert. Es gibt einige Generatoren, die Strom erzeugen, an Vielfachsteckern hängen die Handys, die einzige und letzte Verbindung nach Hause.

«Sie lügen das Blaue vom Himmel»

Auf seinem Bildschirm zeigt Daniel stolz die endlose Nummer aus Eritrea. Seine Schwester hat angerufen. Er versicherte ihr, es gehe ihm gut, alles bestens. Wirklich? «Im Vergleich zu Eritrea ist das Leben hier der Himmel für mich.» Heaven, sagt er. Er schickt Fotos von sich an die Mutter, wie er stolz vor ­Salomons Auto posiert, als wäre es das Seine.

«Genau das ist das Problem», erklärt Salomon. «Sie wollen nicht zugeben, ­unter welchen Bedingungen sie hier hausen. Sie lügen das Blaue vom ­Himmel. Und das ermuntert die­jenigen, die zu Hause sind, ebenfalls ihr Leben zu riskieren.»

Eurotunnel gesperrt: Arbeiter zünden Reifen an.

Verlorene Illusionen, nur 27 Kilometer vor dem Ziel. Es sind Menschen, die unter desolaten Zuständen im «neuen Dschungel» leben: Sie halten Hühner, bauen ­Tomaten an, sie verwandeln, vereinzelt, Hütten in Kunstwerke. Sie bauen aus Planen und Holz Moscheen und Kirchen. Findige Flüchtlinge verkaufen in improvisierten Buden das Nötigste. Seit einigen Wochen gibt es sogar eine Schule mit Tischen und Bänken: «Am ersten Tag hatten wir 150 Schüler», erzählt ­Helferin Virginie Tiberghien stolz, in ­ihren Augen glüht ein Funken. Bald werde es eine zweite offene Schule ­geben, verspricht die Französin, offen für alle ­Nationalitäten, alle Religionen.

Auf 3000 schätzt man die Zahl derer, die auf dem Gelände des «neuen Dschungels «­leben. Sie kommen vor allem aus Eritrea, Syrien, dem Sudan, aus Pakistan, Afghanistan und dem Irak. Täglich werden es mehr. Über 100 000 Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen allein in den ersten fünf Monaten des Jahres an den Küsten des Mittelmeeres gelandet.

Viele davon werden weiter ziehen nach Calais. Die Stadt fühlt sich mit dem Problem allein gelassen. Lange Zeit hat die Regierung keine Heime bauen wollen, weil man davon ausging, bessere Strukturen würden nur noch mehr ­Menschen anziehen. Man wollte den «Magneteffekt», jedweden «Pullfaktor» vermeiden.

Tage der Hoffnungslosigkeit

Grosser Unsinn, findet Emmanuel Agius, stellvertretender Bürgermeister von Calais. Er sitzt im eindrucksvollen Rathaus, neoflämischer Stil, die Türen mit Leder gepolstert, die Decken mit Glaskunst verziert. Zur vollen Stunde erklingt ein Glockenspiel und erinnert an Tage, als Calais noch nicht in Hoffnungslosigkeit versank. Heute hat die Stadt eine Arbeitslosenquote von fast 16 Prozent.

«Europas Problem Nummer eins ist nicht Griechenland und es ist auch nicht die Länge der Gurken, es ist die Ein­wanderung», sagt der Bürgermeister. Es fehle die Solidarität, es gemeinsam zu lösen. Prominente Vertreter seiner ­Partei, der konservativen Neugründung Les Républicains, fordern, die Grenze zwischen Grossbritannien und Frankreich wieder nach Dover zu verlegen. David Camerons Regierung habe für ­Calais und seine Bürger nur Verachtung übrig, sagt Agius trocken.

Draussen vor dem Rathaus stehen sie, die Bürger von Calais, gegossen in Bronze, verewigt in Dramen, Zeugen des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich. Es ist ein Denkmal für Menschen, die zum Äussersten entschlossen waren, auch dazu, ihr Leben zu opfern.

Erstellt: 29.07.2015, 23:01 Uhr

Briten schotten sich ab

Die Flüchtlingskrise auf der französischen Seite des Kanaltunnels bereitet den Briten zunehmend Sorgen. Die Regierung in London gab gestern bekannt, dass sie 7 Millionen Pfund für den Bau eines drei Meter hohen Zauns bereitstelle, der in aller Eile um die Eurotunnel-Geleise des Terminals Calais herum errichtet werden soll.
London will ausserdem die französische Regierung dazu bewegen, vor allem westafrikanische Flüchtlinge, die in Calais lagern, umgehend in ihre Heimat auszuschaffen.
In der nordfranzösischen Hafenstadt Calais kam es nachts zu rund 2100 und in der Nacht auf Mittwoch noch einmal zu etwa 1500 Versuchen, in den Tunnel zu gelangen. Dabei wurde beim Rangieren von Lastwagen ein junger Sudanese getötet. Seit Anfang Juni sollen bereits neun Menschen beim Versuch, die Britischen Inseln zu erreichen, ums Leben gekommen sein.
Flüchtlingsorganisationen geben an, dass die Migranten vorwiegend aus Syrien, Eritrea, Somalia, Äthiopien und Afghanistan stammen. Zwischen 3000 und 5000 Flüchtlinge sollen in Calais campieren. Eine unbekannte Zahl soll es bereits auf die Insel geschafft haben. Auf der Autobahn nach Folkestone stauten sich gestern wegen Verzögerungen etwa 3600 Lastwagen. Auch Touristen, die durch den Tunnel wollen, müssen mit Problemen rechnen. (P.N.)

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Die Lage wird immer schlimmer

Am Kanaltunnel zwischen Frankreich und Grossbritannien sterben immer mehr Flüchtlinge. Am Mittwoch wurde ein Sudanese gemäss der französischen Polizei von einem Lastwagen überfahren. Nach Angaben französischer Medien ist er bereits der neunte Flüchtling, der seit Anfang Juni bei dem Versuch zu Tode kam, durch den Tunnel nach Grossbritannien zu gelangen. Die Behörden melden zudem, dass es ­allein in der Nacht zum Mittwoch 1500 Versuche von Flüchtlingen gab, in den Tunnel vorzudringen.

In der Nacht davor sollen Flüchtlinge sogar 2000-mal versucht haben, auf Lastwagen und Züge zu springen, die unter dem Ärmelkanal nach Grossbritannien fahren. Um die französische Stadt Calais gibt es etliche Lager, in ­denen sich Flüchtlinge versammeln, die den Weg nach Grossbritannien wagen wollen. Der Fracht- und Personen­verkehr durch den Kanaltunnel ist durch die Zwischenfälle erheblich beeinträchtigt. Die Polizei schätzt, dass sich in ­unmittelbarer Nähe der Zufahrt zum ­Eurotunnel gegenwärtig zwischen 500 und 1000 Flüchtlinge aufhalten.

Sowohl die britische als auch die französische Regierung äusserten sich am Mittwoch sehr besorgt über die Zu­spitzung. Der britische Premier David ­Cameron bezeichnete die Lage am Eurotunnel als «äusserst beunruhigend.» Frankreich kündigte die Entsendung von 120 zusätzlichen Polizisten an, warf aber dem Eurotunnel-Betreiber vor, seine Sicherheitsmannschaft erheblich abgebaut zu haben. Das Unternehmen wiederum verlangt von Frankreich und Grossbritannien eine Entschädigungs­summe von knapp 10 Millionen Euro, weil es infolge der Flüchtlinge zu Zugsausfällen und Verspätungen komme. (Reuters/TA)

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