Alis letzte Schicht unter Tage

Ende Jahr stellt Deutschland die Förderung von Steinkohle ein. Für immer. Nach 33 Jahren in der Zeche fragt sich Ali Öztürk, «wat dat bringen soll».

Das Ende einer Ära: Am 21. Dezember werden in Deutschland die Kohlearbeiter zum letzten Mal aus einem Steinkohle-Schacht steigen. Foto: Stephan Elleringmann (Laif)

Das Ende einer Ära: Am 21. Dezember werden in Deutschland die Kohlearbeiter zum letzten Mal aus einem Steinkohle-Schacht steigen. Foto: Stephan Elleringmann (Laif)

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Am Tag, an dem der Steinkohlebergbau in Deutschland endet, werden Männer aus dem Schacht steigen, die nur runtergefahren sind, um wieder hochzukommen. Sie werden eine Bergmannsjacke tragen, das blau-weiss gestreifte Hemd, das Halstuch. In der Hand werden sie Kohlebrocken halten. Dann werden reden: Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der deutsche Bundespräsident, der Präsident der EU-Kommission, der Verwaltungsratspräsident der Ruhrkohle AG, so steht es im Protokoll. Eine Kapelle wird spielen.

«Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt. / Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, / und er hat sein helles Licht bei der Nacht, / schon angezünd’t, / schon angezünd’t.»

Die ganz grosse Show. Wieso eigentlich? Um das zu verstehen, kann man Jahrhunderte zurückschauen, als die Steinkohle an Bedeutung gewann, erst in Grossbritannien, dann im Ruhrgebiet und im Saarland, als 607'000 Männer in 173 Bergwerken schufteten. Man kann ein paar Jahrzehnte zurückschauen, als die Steinkohle ihre Bedeutung wieder verlor. Vielleicht reichen aber auch ein paar Stunden mit Ali Öztürk.

Bottrop, Zeche Prosper-Haniel, Schacht zehn. Der Förderturm überragt alles. Seine Farbe hat feine Risse. Schon morgens ist Ali Öztürk von Büro zu Büro gelaufen und hat unterschrieben, dass er alles abgibt, was zum Bergwerk gehört, und damit auch, dass er nicht mehr kommen wird, um es zu holen. In der Sicherheitsabteilung. In der Wäscherei. In der Lampenstube. «Machstet gut», haben die Kollegen gesagt. Jetzt ist Mittag, sein letzter Arbeitstag, und er weiss nicht so recht, was er machen soll. Am 31. Dezember schliesst die Zeche. Noch mal verabschieden? Er geht los.

Die Zeit unter Tage prägt

Die Wege sind breit wie Strassen, rechts und links stehen Container übereinander. In einem lehnt nur ein Kehrbesen an der Wand. Ali Öztürk läuft daran vorbei, bis auf einen Hof, in die Raucherecke. Wellblechdach, Mülleimer, Plastikschalensitze. Er bleibt stehen. Niemand da. «Dat is’n komisches Gefühl gerade.» Wieso komisch? Er überlegt. «Schwer zu beschreiben.» Dann klaubt er eine E-Zigarette aus seiner Jacke und nimmt ein, zwei Züge.

Ali Öztürk ist 49 Jahre alt, 33 davon hat er unter Tage gearbeitet. Er war Bergmechaniker, Steiger, Sicherheitsbeauftragter, er ist durch die Gänge gelaufen und manchmal gekrochen, er hat die Maschinen kontrolliert, er hat darauf geachtet, dass die Männer Schutzhelme tragen, Schutzbrillen, dass sie Handschuhe anhaben, wenn sie mit Chemikalien werkeln. Er hat geschaut, dass nichts passiert, wenn der Mensch sich in den Berg gräbt, diese Zeit hat ihn verändert. Er sagt: «Dat prächt.»

Unter Tage vertraut man anderen Menschen, weil man es muss. Unter Tage ist egal, wo man herkommt. Da reden die Männer manchmal derb und manchmal gar nicht. Gerade hat Ali Öztürk das Gefühl, er müsse reden, weil sonst etwas in Vergessenheit gerät: der Wert der Kohle.

Die Steinkohle hat eine jahrtausendealte Geschichte, schon die Römer und Kelten kannten sie. Verglichen damit hat sie erst seit kurzem Bedeutung. Im Mittelalter brauchten die Menschen die Kohle, um zu heizen und zu schmieden, sie brannten Ziegel in ihrer Glut. Die Glut loderte lange. Im 17. Jahrhundert lernten sie, aus Kohle Koks herzustellen. Im 18. Jahrhundert nutzten sie den Koks, um Eisen herzustellen. Dann ging es los.

Um 1870 wurden die Hochöfen grösser, immer grösser, die Deutschen produzierten Eisen und Stahl, sie bauten Dampflokomotiven und Eisenbahnwagen und Panzer. Es war das Zeitalter der Industrialisierung, das Zeitalter der Kohle. Mit der Kohle haben die Deutschen ihre Kriege befeuert, mit Eisen und Stahl haben sie ihr Land wieder aufgebaut. 1960 förderten sie 142 Millionen Tonnen. Die Steinkohle – viel härter als Braunkohle – war ein Versprechen, im Guten wie im Schlechten.

Schon der Vater war Bergmann

Öztürk war zwei Jahre alt, als sein Vater die Familie Richtung Deutschland verliess. Es war die Zeit, in der die Deutschen Türken anwarben und sie «Gastarbeiter» nannten. Sein Vater war so ein Gastarbeiter. Schachtanlage Radbod, Hamm, Westfalen. Anfang der Siebzigerjahre zog die Familie aus der Türkei nach.

Ali Öztürk sah, wie sein Vater nach der Schicht vor dem Waschbecken stand und sich mit einer Bürste den Kohlestaub unter den Fingernägeln rausschrubbte. Ein stolzer Mann. Aber er sah auch die Kumpel auf der Strasse, manche humpelten, manche soffen schon morgens. «Mach, watte willst», sagte der Vater, und der Junge begann eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Einer seiner Freunde arbeitete unter Tage, der verdiente 400 Mark mehr. 1984 begann Ali Öztürk eine Ausbildung als Bergmechaniker. Die Kohle war auch ein Versprechen für ihn.

Im Jahr 1990 förderten die Deutschen 76,4 Millionen Tonnen Steinkohle. 2000: 37,4 Millionen Tonnen. 2010: 14,1Millionen Tonnen. 2017: 3,7Millionen Tonnen. Irgendwann in dieser Zeit wurde Ali Öztürk klar, dass das Versprechen nicht ewig halten würde.

Ali Öztürk hat
Respekt vor dem Berg. Und die
Menschen, sagt er, sollten Respekt vor der Kohle haben.

Ali Öztürk drückt eine Tür auf, dahinter eine Halle. Gefliester Boden, geflieste Wände, schummriges Licht. Hier hat er seine Grubenlampe abgeholt. Da hat er seine Wasserflasche aufgefüllt. Sie hing am Gürtel, und oft hat er sie nicht ausgetrunken, aber mitgenommen hat er sie immer, zur Sicherheit. Ein Bergmann sollte Respekt vor dem Berg haben. Und die Menschen sollten Respekt vor der Kohle haben. So sieht er das.

Als die Kohle auf dem Weltmarkt billiger wurde, begannen die Probleme. Der Staat entschied, deutsche Kohle zu subventionieren – allein im Jahr 2002 mit 2,6 Milliarden Euro. Im Jahr 2007 verabschiedete die Regierung dann das «Steinkohlefinanzierungsgesetz». Es regelte das Ende der Subventionen und damit das Ende des Steinkohlebergbaus.

Kurz vor den Drehtüren hält Ali Öztürk an. Hier dürfen nur Männer durch, die anfahren. Er weiss noch, wie er das erste Mal angefahren ist. Die Gittertür schloss krachend, der Förderkorb rauschte nach unten. Als er ausstieg, waren da nur Hitze, 34 Grad, Dunkelheit und der Lichtkegel seiner Stirnlampe. Er stolperte los. Im Berg hat er sich die Zehen gequetscht, die Rippen geprellt, einmal fiel ihm ein Brocken Kohle auf den Kopf, es blieb eine Narbe. «Gehört dazu», sagt er. Auch sonst hat er Glück gehabt. Für ihn beginnt die Anpassung, eine Art Rente vor der Rente, er sagt, er bekomme etwa 1500 Euro netto jeden Monat. Er muss keine Bewerbungen mehr schreiben, keine neue Arbeit mehr anfangen wie etwa 250 der jüngeren Kollegen.

Im Oktober haben die Kumpel den letzten Brocken Kohle gefördert. Gerade schrauben sie die Maschinen unter Tage auseinander. Auch das Öl und die Fette daran dürfen nicht im Boden bleiben. Dann verfüllen sie die Schächte mit Sand und Beton. Das salzige Grubenwasser werden sie auch in Zukunft abpumpen, damit es sich nicht mit dem Grundwasser vermischt. Diese Arbeiten kosten voraussichtlich 250 bis 300 Millionen Euro jedes Jahr. Auf ewig.

Was bleibt, sind Wahrzeichen

Öztürk wird von einem Kumpel gerufen, die beiden umarmen sich, schlagen sich mit der Hand auf die Schulter. Dann steigt Ali Öztürk in sein Auto. Er will noch etwas anderes zeigen. Zwanzig Minuten später steht er vor einem Berg aus Erde und Schotter. Am Wegrand ein Schild: «Was bleibt, sind Wahrzeichen». Ali Öztürk keucht ein bisschen, als er auf dem Berg angekommen ist. Das Wahrzeichen ist ein Tetraeder aus Stahl. Er schaut ihn nur kurz an, geht bis an den Rand der Aussichtsplattform. Vor ihm: kahle Baumwipfel, Birkenstämmchen, Gestrüpp. Auf den Hügeln Windräder.

Das Wahrzeichen von Bottrop: Der Tetraeder aus Stahl. Bild: Keystone

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 36 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewonnen. Der Anteil wächst von Jahr zu Jahr. Innerhalb der erneuerbaren Energien ist der Anteil der Windenergie am höchsten, 16 Prozent. Danach kommen Biomasse (7 Prozent), Sonnenenergie (6 Prozent), Wasserkraft (3 Prozent). Windenergie ist mittlerweile wichtiger als Strom aus Steinkohle und Atomstrom. Und sie soll noch wichtiger werden: Bis 2030 sollen 65 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen.

«Den Strom aus dem Norden können sie halt noch immer nicht in den Süden leiten.» Pause. «Aber gut, dafür wird Kohle jetzt importiert.» Pause. «Da frag’ ich mich, wat dat bringen soll.»

Seine grösste Sorge ist, dass die Menschen den Bergbau vergessen könnten. Dass sie irgendwann vor geklinkerten Reihenhäusern stehen und nicht mehr wissen, dass das mal Zechensiedlungen waren. Dass die Kohle noch stärker verflucht wird. Er weiss, wie stolz sein Vater damals war – und wie stolz er heute ist. Vielleicht wünscht er sich auch deshalb, dass der Bergbau in guter Erinnerung bleibt, weil Kohle für ihn immer mehr war als ein Energielieferant.

Er schaut noch einmal über das Land. Die Fördertürme. Die Schächte. All das Grün. Dann geht er zurück über die Plattform, den Berg hinunter. Ein paar Stunden später wird er sein Whatsapp-Bild ändern. Auf dem neuen Foto trägt er die Bergmannsjacke, das blau-weiss gestreifte Hemd, das Halstuch. Die Kleidung ist schwarz, die Hände, die Haut, der Kohlestaub hat sich in seinem Bart verfangen. Er sieht sehr schmutzig aus – und sehr zufrieden.

Am Tag, an dem der Bergbau in Deutschland endet, werden 500 geladene Gäste nach Bottrop kommen. Ali Öztürk nicht. Er hat keine Einladung bekommen. Können ja nicht alle da rumstehen, sagt er. «Is’ auch egal», sagt er. Aber wer soll ihm das glauben?

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.12.2018, 09:35 Uhr

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