Alltag in der Geisterstadt

Ein Jahr Krieg hat die ostukrainische Wirtschaftsmetropole Donezk in ein Armenhaus verwandelt. Für die Misere machen die Bewohner die ukrainische Regierung verantwortlich. Doch auch Moskaus Stern sinkt.

Leben unter prekären Umständen: Zerbombtes Gebäude am Stadtrand von Donezk. Foto: Reuters

Leben unter prekären Umständen: Zerbombtes Gebäude am Stadtrand von Donezk. Foto: Reuters

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Es ist auffallend ruhig im Stadtzentrum der früheren Millionenstadt Donezk. Selbst an Wochentagen fahren nur wenige Autos, in der gesamten Innenstadt findet man geschlossene Läden und ­Cafés. Vereinzelt haben kleine Lebensmittelgeschäfte geöffnet. Die Preise sind hoch, die Auswahl ist dürftig.

Der Grossteil der Einwohner überlebt ohnehin nur dank Lebensmittelspenden. Auch Tatjana erhält seit Oktober vergangenen Jahres Hilfspakete. Die 55-Jährige arbeitet als Freiwillige bei der Nahrungsmittelausgabe der Rinat-Achmetow-Stiftung, gegründet vom reichsten Ukrainer und Wirtschaftskönig von Donezk. «Von Montag bis Freitag zwischen 10 und 15 Uhr verteile ich Nudeln, Haferflocken und Dosenfleisch», sagt die blonde Frau. Vor dem modernen ­Bürogebäude hat sich auch an diesem regnerischen Vormittag eine Menschenschlange gebildet. Zwei Männer lassen jeweils nur fünf Personen auf einmal eintreten. Vor dem Krieg hatten hier ­verschiedene Firmen ihre Büros. Die grosszügige Ausstattung lässt erahnen, dass es gute Arbeitsplätze waren.

«Ohne diesen Krieg wäre unsere junge Republik schon viel weiter», sagt Tatjana trotzig. Diese Meinung ist in ­Donezk weit verbreitet. Fast jeder Bewohner, mit dem ein Gespräch möglich ist, schiebt die Verantwortung für die missliche Lage auf die Kiewer Zentral­regierung. Doch auch Russlands Stern ist gesunken. Ein Mann, der sich ebenfalls bei der Achmetow-Stiftung seine ­Lebensmittelration abholt, sagt: «Wir sind komplett auf uns alleine gestellt. In Kiew sitzen Verräter, die mit uns nichts zu tun haben wollen, und Russland hilft auch nur halbherzig.»

Täglich Schüsse und Verletzte

In diesen Tagen werden gerne und oft Parallelen zum Jahr 1945 gezogen. Auch damals habe man sich «mit eigener Kraft aus grosser Not befreit», sagt Tatjana, «so wird es dieses Mal wieder werden».

Es gibt aber auch andere Stimmen. Wadim Opoprijenko ist stellvertretender Direktor der Klinik für Traumatologie – eines der wenigen Krankenhäuser, die ihren Betrieb noch nicht eingestellt haben. Am Ende des Gesprächs überreicht Opoprijenkos Mitarbeiterin eine Liste mit Medikamenten und Medizintechnik. «Diese Produkte werden dringend benötigt, das müssen Sie in Europa erzählen», gibt der Verwaltungschef seinen Besuchern mit auf den Weg. Die Klinik ist voll belegt. Täglich werden Verletzte eingeliefert. «Seitdem der Waffenstillstand vereinbart wurde, ist es zwar ruhiger geworden, aber ich sehe jeden Tag Schussverletzungen», sagt Dmitri Medwedew, er leitet die Akutabteilung.

Der 46-Jährige trägt ein ­Eisengestänge am linken Oberarm. Im letzten September schlug ein Geschoss im Hof seines Wohnhauses ein. «Mein Sohn, mein Schwager und ich waren im Garten, als es plötzlich einen ohren­betäubenden Knall gab», sagt Medwedew. Sekunden später fühlte er, wie sein linker Arm «wegrutschte». Er habe instinktiv seine rechte Hand unter den Ellenbogen gedrückt. Heute sind mehrere Narben auf Oberarm und Brust sichtbar. «Meinem Schwager hat es die Lunge zerrissen, er hat den Angriff nicht überlebt», sagt der grauhaarige Mann und blickt zu Boden. Auch heute noch ist die Wohngegend, in der seine Familie lebt, unsicher. «Sie liegt am Flughafen von Donezk, dort wird nach wie vor jeden Tag geschossen», sagt er. Selbst in der Innenstadt sind die Schüsse zu hören. Sobald es dunkel wird, beginnt das Grollen.

Der Anführer auf Krücken

Plötzlich fahren schwarze Gelände­wagen vor die Klinik. Soldaten springen heraus und sichern die Umgebung. Alexander Sachartschenko, der Anführer der «Volksrepublik Donezk», bahnt sich auf Krücken gestützt den Weg zum gepanzerten Wagen. Er hat eine Verletzung am Fuss, die er sich im Februar beim Kampf um die Stadt Debalzewe zugezogen haben soll. Auf die Frage, wie er sich fühle, antwortet er: «Wir werden siegen.»

Wie in Moskau fand auch in Donezk am Wochenende eine Parade zum 70. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland statt. Sachartschenko erinnerte an den «Sieg über die braune Seuche». Und blickte voraus: «Die Sieger ­haben unsere Fahne über den Trümmern des Faschismus ­gehisst. Auch wir werden die Faschisten besiegen.» Bei Regen hatten sich mehrere Tausend Menschen versammelt. Panzer und andere schwere Waffen, dazu mehrere Hundert Soldaten zogen am Lenin-Denkmal im Stadtzentrum vorbei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2015, 20:34 Uhr

Überleben ohne Geld

Die «Volksrepublik Donezk» befindet sich nicht nur im Krieg mit der Ukraine, sondern hat auch mit den Folgen massiver Abwanderung von Wirtschaft und Industrie zu kämpfen. Genaue Zahlen fehlen. Die Sprecherin der Separatistenregierung gibt sich zugeknöpft. Immerhin ist zu erfahren, dass einige Metallurgie-unternehmen und ein paar Bergwerke noch arbeiten. Deren Kunden sitzen in Russland. Etliche ihrer Produkte sind ausschliesslich dort absetzbar.

«Seit dem Kriegsausbruch vor einem Jahr ist der Dienstleistungssektor praktisch vollkommen zum Erliegen gekommen», sagt ein ehemaliger Unternehmer, der anonym bleiben will. Nun planen die Separatisten, einen eigenen Bankensektor aufzubauen. Die neu gegründete Zentralbank hat ihren Sitz in einem Büroturm in der Donezker Innenstadt. Eine Mitarbeiterin der Zentralbank-Leitung bittet darum, sämtliche Journalistenfragen schriftlich einzureichen. Die Pressesprecherin sei derzeit nicht erreichbar, das Haupthandynetz ausgefallen, einen Festnetzanschluss könne sie nicht nennen. Die Fragen, wie weit der Aufbau des Bankensektors der Volksrepublik fortgeschritten sei, welche Währung der neue Staat einmal haben solle und ob dereinst auch ausländische Banken Niederlassungen in Donezk eröffnen könnten, bleiben unbeantwortet.

Derzeit läuft die Versorgung der meisten Einwohner über Naturalien. Mehrere private Hilfsorganisationen und die russische Regierung liefern Grundnahrungsmittel. Die wenigen Geschäfte, die noch geöffnet haben, nehmen überwiegend russische Rubel an, noch lieber allerdings Dollars. Sämtliche Banken und Geldautomaten sind geschlossen beziehungsweise ausser Betrieb.

Kein unbeschädigtes Gebäude

Für Walentina ist die Lage problematisch. Die Rentnerin ist verwitwet, ihre Familie lebt in Russland. «Als die Banken noch geöffnet waren, haben sie mir Unterstützung überwiesen, doch das ist vorbei», klagt die alte Frau. Sie spricht Ausländer vor dem früheren Amtssitz des Gouverneurs von Donezk an und bittet um Geld. Es stellt sich heraus, dass sie auf Medikamente angewiesen ist, die es in Donezk nur gegen Bares gibt.

Die Kämpfe der vergangenen Monate haben in der Stadt auch erhebliche Schäden an der Infrastruktur angerichtet. Acht Stadtviertel sollen unbewohnbar sein. Eines von ihnen ist der Kiewer Bezirk, dort haben bis vor einem Jahr rund 84 000 Menschen gelebt. Nun ist das Quartier in der Nähe des Flughafens von Donezk ohne Strom und Gas. Es gibt kein Gebäude, das unbeschädigt geblieben ist. Aus Fenstern wehen Gardinen, Balkontüren stehen offen, überall sind zersplitterte Fenster zu sehen, bei mehreren Häusern fehlt das ganze Dach.

«Es gibt nicht genug Baumaterial, um die Schäden auszubessern», sagt Wiktor. Der alte Mann ist im Bezirk geblieben. Auf dem Hof einer ausgebombten Schule hat er sich einen provisorischen Ofen gebaut, dort kocht er Wasser auf und bereitet sich sein Essen zu. Er lebt von Lebensmittelspenden.

Zurück an den Staat

Zum ersten Jahrestag des Referendums – am 11. Mai 2014 wurde über die Unabhängigkeit der Region Donezk abgestimmt – startet die Regierung von Anführer Alexander Sachartschenko die «Zurück-an-den-Staat-Kampagne». Neben der Schwerindustrie sollen auch das Transportsystem sowie der Dienstleistungssektor verstaatlicht werden. Ein erstes sichtbares Beispiel für dieses Vorhaben sind die «republikanischen Supermärkte». In den Filialen der ukrainischen Supermarktkette ATB ist eine neue Zeit angebrochen. Gefilmt werden darf nur vor den Geschäften, das Warenangebot erinnert stark an die Sowjetära. Im Kühlregal finden sich zwei Käsesorten, der Rest der Fläche ist mit russischer Mayonnaise in Plastiksäcken bestückt. In den Regalen finden sich meterweise Angebote von Soda oder Sardinen in Konserven. Ausser Orangen gibt es kein frisches Obst.

Die Preise sind für die meisten Donezker nicht bezahlbar. Ein Kopf frischer Weisskohl kostet umgerechnet fast zwei Franken, für ein Kilo Kartoffeln müssen fast drei Franken bezahlt werden. An den Kassen wird die Kundschaft aufgefordert, die Rechnung für ihre Einkäufe in Rubel zu begleichen.

(Tages-Anzeiger)

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