Als das türkische Fernsehen wegsah

Es sind die schwersten Proteste gegen die türkische Regierung seit Jahrzehnten. Doch die TV-Sender des Landes ignorieren den Aufstand. Das bekommen die Medien nun zu spüren.

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Dichte Wolken aus scharfem, beissendem Tränengas hingen über dem zentralen Platz der grössten türkischen Stadt – doch einer der grössten Privatsender des Landes zeigte Pinguine im Fernsehen. Die Dokumentation lief ohne Unterbrechung, während auf anderen Sendern Kochshows oder eine Dokumentation über Adolf Hitler zu sehen waren.

Als Istanbul von den schwersten Antiregierungsprotesten seit Jahrzehnten erschüttert wurde, schaute das Fernsehen einfach weg. Die regulären Nachrichtensendungen erwähnten die Demonstrationen nur kurz, um dann über andere Themen zu berichten. Kein Wort über die Gewalt, die vielen Verletzten und über das massive Eingreifen der Sicherheitskräfte, das sogar Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan als unnötig hart bezeichnete.

Nachrichten über Social Media

Das Volk ist erzürnt. Die verschiedenen Social-Media-Plattformen erlebten enormen Zulauf, Twitter und Facebook waren die einzigen Möglichkeiten, sich über die Entwicklungen in Istanbul zu informieren, wo Zehntausende Demonstranten sich Strassenschlachten mit der Polizei lieferten.

«Es gibt jetzt eine Bedrohung, und die heisst Twitter», erklärte ein erzürnter Erdogan am Sonntag, der extremistische Splittergruppen für die Proteste verantwortlich machte. «Das beste Beispiel für Lügen kann man da finden. Für mich ist Social Media die schlimmste Bedrohung unserer Gesellschaft.»

Als sich die Nachrichten über die Social-Media-Plattformen verbreiteten, strömten mehr und mehr Menschen auf den Taksim-Platz, wo am vergangenen Freitag die Proteste begannen – zunächst um gegen die Abholzung alter Bäume zu demonstrieren, die der Umgestaltung des Platzes und dem Neubau eines Einkaufszentrums weichen sollen. Doch letztlich machten die Menschen dabei auch ihrer Wut über die Regierung Luft. Von Istanbul sprangen die Proteste auf zahlreiche türkische Städte über.

Nichts Böses sehen, nichts Böses sagen

Am Ende war der Aufschrei zu laut, um ihn noch ignorieren zu können. Während des Wochenendes nahmen die Fernsehsender langsam die Berichterstattung auf, am Montagabend waren die Vorfälle dann nahezu überall Thema.

Doch der Schaden war schon passiert. Die anhaltenden Proteste richten sich mittlerweile auch gegen die Medien. Am Sonntag und Montag versammelten sich Demonstranten vor den Gebäuden der Privatsender NTV und Haber Turk. Sie warfen den Medien vor, ein Volk von 75 Millionen nicht angemessen informiert und die Proteste einfach ignoriert zu haben. Auf einem Transparent waren die drei Affen zu sehen, die sich Augen, Ohren und Mund zuhielten: Nichts Böses sehen, nichts Böses hören und nichts Böses sagen. Auf dem Taksim-Platz stürzten Protestierende einen NTV-Übertragungswagen um und demolierten ihn völlig.

In einem Land, in dem die Behörden wenig Skrupel haben, kritische Journalisten zu inhaftieren, sehen viele das Verhalten der Medien – insbesondere der TV-Sender – als Zeichen einer Selbstzensur. Der Vorwurf: Man übersieht einfach, was den Ärger der Regierung erregen könnte.

Medienkonzern Dogus entschuldigt sich

Das Fehlen der Berichterstattung wurde auch im Ausland registriert. Der Generalsekretär des Europarats, Thorbjörn Jagland, forderte eine Untersuchung der Vorwürfe wegen des extrem harten Vorgehens der Polizei und hielt die Medien dazu an, «vollständig und angemessen» über die Situation zu berichten.

Bei den türkischen Medien ist die Botschaft der Öffentlichkeit offenbar angekommen. Dogus, einer der bedeutendsten türkischen Mischkonzerne, zu dem neben dem Sender NTV auch Banken oder Versicherungen gehören, entschuldigte sich dafür, dass am ersten Abend der Krawalle nicht darüber berichtet worden sei.

«Unsere Zuschauer fühlen sich betrogen», räumte Dogus-Chef Cem Aydin am Dienstag nach einem Treffen mit der NTV-Belegschaft ein. Die Kritik sei «in weiten Teilen angebracht», sagte er. «Unser beruflicher Auftrag ist es, über alles zu berichten, so wie es passiert», fügte er hinzu.

Die Menschen machten ihrer Wut mit einem Boykott anderer Dogus-Unternehmen Luft. Etwa 1500 Kreditkarten-Kunden der Garanti-Bank gaben laut Generaldirektor Ergun Ozen ihre Karten zurück. «Sie sagen: ‹Ich bin seit 20 Jahren Kunde, ich habe keine Probleme mit der Bank. Es ist wegen dieser Vorfälle›», erklärte er. Zwar empfinde er den Boykott gegen die Bank als unfair, sagte Ozen, räumt aber auch ein: «Ich habe auch Verständnis für die Reaktion der Menschen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.06.2013, 23:04 Uhr

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