Am Montag wird es ernst für Kanzler Kurz

Der Bundeskanzler muss sich im Parlament dem Misstrauensvotum stellen. FPÖ und SPÖ schliessen nicht aus, gegen ihn zu stimmen.

Die Protagonisten des Polit-Dramas in Österreich: Kanzler Sebastian Kurz sowie die gestürzten Heinz-Christian Strache und Herbert Kickl. (Archiv)

Die Protagonisten des Polit-Dramas in Österreich: Kanzler Sebastian Kurz sowie die gestürzten Heinz-Christian Strache und Herbert Kickl. (Archiv) Bild: Reuters

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Nach dem Zusammenbruch der Koalition in Wien infolge der Ibiza-Affäre entscheidet sich am Montag das politische Schicksal von Kanzler Sebastian Kurz: Der konservative Regierungschef muss sich im Nationalrat einem Misstrauensvotum stellen, wie Parlamentspräsident Wolfgang Sobotka am Dienstag mitteilte. Die sozialdemokratische SPÖ und Kurz' bisheriger Koalitionspartner, die rechtspopulistische FPÖ, haben nicht ausgeschlossen, gegen Kurz zu stimmen. Damit droht ihm nach nur anderthalb Jahren das Aus als Kanzler.

Der Misstrauensantrag war von der kleinen Oppositionspartei Jetzt eingereicht worden. Sollten SPÖ und FPÖ ebenfalls gegen Kurz stimmen, würde er vor den geplanten Neuwahlen im September sein Amt verlieren. Beide Parteien haben sich aber noch nicht festgelegt, ob sie den Antrag unterstützen wollen.

Es gebe noch keine Entscheidung zu diesem Thema, sagte ein FPÖ-Sprecher am Dienstag der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Die Tageszeitung «Österreich» hatte zuvor berichtet, Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) habe sich bereits festgelegt, dem Misstrauensantrag gegen Kurz zuzustimmen. «Wer Vertrauen gibt, erhält Vertrauen. Wer Misstrauen gibt, kriegt Misstrauen», sagte Kickl der Zeitung.

Es wäre eine Premiere in der Geschichte des Landes

Seitens der FPÖ hiess es gegenüber APA, Kickl sei von dem Blatt missinterpretiert worden. Kickl habe lediglich gesagt, dass derjenige, der der FPÖ misstraue, auch das Misstrauen der FPÖ habe. Das heisse aber nicht, dass über das Abstimmungsverhalten schon definitiv entschieden sei.

Video: FPÖ reagiert auf Kickl-Freistellung

Die Regierungskrise in Österreich geht munter weiter. (Video: AFP/Reuters)

Ein Kanzler kann in Österreich vom Parlament mit einfacher Mehrheit abberufen werden. Es wäre das erste Mal in der österreichischen Geschichte. Im Nationalrat mit seinen insgesamt 183 Sitzen hat die konservative ÖVP 61 Stimmen, die SPÖ 52, die FPÖ 51, die Neos 10, die Liste Jetzt 7 Abgeordnete. Ausserdem sind zwei Parlamentarier fraktionslos.

Der Ruf nach Stabilität und Staatsräson

Die oppositionellen Neos kündigten derweil an, den Misstrauensantrag nicht zu unterstützen. «Es braucht jetzt eine Verantwortung gegenüber dem Land», sagte die Chefin der liberalen Partei, Beate Meinl-Reisinger, dem Radiosender Bayern 2. «Die Menschen erwarten sich einen Weg aus dieser Krise und nicht Politiker, die Österreich noch mehr in eine Krise stürzen.» Es seien jetzt «Stabilität» und «Staatsräson» gefragt.

Die Regierungskoalition in Wien war nach der Veröffentlichung eines Enthüllungsvideos rund um Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache auseinandergebrochen. Nachdem Kurz am Montagabend die Entlassung von Innenminister Kickl gefordert hatte, machte dessen Partei ihre Drohung war und kündigte den Rückzug all ihrer Minister aus der Koalition mit Kurz' ÖVP an.

Die Kritik von Juncker

In dem auf Ibiza heimlich aufgenommenen Video hatte sich Strache vor der Parlamentswahl 2017 bereit gezeigt, als Gegenleistung für verdeckte Wahlkampfgelder öffentliche Aufträge an die angebliche Nichte eines russischen Oligarchen zu vergeben. Strache trat am Wochenende nach Veröffentlichung der Aufnahmen von seinen Ämtern als Vizekanzler und Parteichef zurück.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker übte am Dienstag bei einem Besuch in Wien scharfe Kritik am Verhalten des Ex-FPÖ-Chefs. «Die Vorstellung, dass man ein Land so auf dem silbernen Tablett anderen vorsetzt, damit die sich bedienen können, entspricht nicht meinem patriotischen Grundgefühl», sagte Juncker bei einer Gewerkschaftskonferenz in der österreichischen Hauptstadt. Er rief die Österreicher auf, die Europawahl am Sonntag zu nutzen, «um der Gefahr von rechts den Rücken zu kehren».

Aussenministerin Karin Kneissl (Mitte) bleibt laut Bundespräsident Alexander van der Bellen (rechts) im Amt. Im Bild: Auf Besuch in Sochi mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. (15. Mai 2019) Bild: Alexei Druzhinin/Sputnik/Kremlin/AP/Keystone

Mit Blick auf den von der FPÖ angekündigten Rückzug ihrer Minister aus der Regierung kündigte Bundespräsident Alexander van der Bellen an, die parteilose Aussenministerin Karin Kneissl werde im Amt bleiben. Kneissl erklärte, sie fühle sich als «unabhängige Expertin» verpflichtet, «gerade jetzt weiterhin zur Verfügung zu stehen». Zugleich bat van der Bellen den Bundeskanzler um Vorschläge, welche Fachleute die ausgeschiedenen FPÖ-Minister ersetzen könnten.

Die Ministerien sollen bis zur vorgezogenen Wahl im Herbst von Experten und Spitzenbeamten besetzt werden. Neue Kabinettsmitglieder müssen von Kanzler Kurz vorgeschlagen und von van der Bellen ernannt werden.

(cpm/fal/afp/sda)

Erstellt: 21.05.2019, 13:55 Uhr

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