Hintergrund

Amanda Knox zu Unrecht verurteilt?

Eine als ungenügend eingestufte DNA-Analyse deutet darauf hin, dass Amanda Knox zu Unrecht verurteilt wurde. Greg Hampikian, einer der führenden DNA-Experten, ist von ihrer Unschuld überzeugt.

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Greg Hampikian gilt als einer der besten DNA-Experten der USA. Er hatte als erster Zweifel an den DNA-Analysen im Tötungsfall von Meredith Kercher, einer jungen englischen Ausstauschstudentin in Perugia.

Kercher wurde im November 2007 ermordet – die mutmasslichen Täter, Amanda Knox und ihr damaliger Freund Raffaele Sollecito, wurden zu je 26 und 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Ebenfalls mitangeklagt war der von der Elfenbeinküste stammende Rudy Guede. In einem getrennten Schnellverfahren wurde Guede nach einem Teilgeständnis zu 16 Jahren Haft verurteilt. Auch er beteuert, Kercher nicht getötet zu haben, räumt aber ein, in der Tatnacht in dem Haus gewesen zu sein. Wichtigstes Beweisstück im berühmten Indizienprozess: Ein Küchenmesser, mit dem die junge Studentin angeblich ermordet worden sein soll.

Im November letzten Jahres wurde der Mordfall in einem Berufungsprozess neu aufgerollt. Und vieles deutet inzwischen darauf hin, dass Amanda Knox und Raffaele Sollecito zu Unrecht verurteilt worden sein könnten.

DNA-Analysen für ungültig erklärt

Greg Hampikian hatte bereits im Verlauf des ersten Prozesses die DNA-Analysen der italienischen Ermittler für ungenügend erklärt, doch sein Gutachten wurde für die Verteidigung nicht zugelassen. Anders im aktuellen Berufungsprozess, der Ende dieses Monats abgeschlossen werden soll. Die Richter hatten einer unabhängigen forensischen Untersuchung zugesprochen. Dieses Gutachten wurde nun Ende Juni von Stefano Conti und Carla Vecchiotti vom gerichtsmedizinischen Institut der Universität La Sapienza in Rom vorgelegt. Das Experten-Team hat die für die Verurteilung relevanten DNA-Analysen für ungenügend erklärt und kommt zu den identischen Schlüssen wie schon Hampikian vor zwei Jahren.

«Wir haben in unserem Labor Tests durchgeführt, die zeigen, dass eine dermassen geringe DNA-Menge auch ohne direkten Kontakt mit der Tatwaffe darauf hätte übertragen werden können», sagt Greg Hampikian auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Die italienischen Ermittler hätten ungenügende Vorgehensweisen für die Untersuchung der DNA benutzt und sich vor allem «nicht an international festgelegte Richtlinien der DNA-Analyse gehalten». Hampikian betont, dass «auf dem Messer keine Blutspuren nachgewiesen werden konnten und die Klinge zudem nicht mit der tödlichen Wunde am Hals übereinstimmt».

Hampikian hatte ursprünglich die Ergebnisse der DNA-Tests im Fall Knox zu Forschungszwecken angefragt und die spärliche Aussagekraft sofort bemerkt. Später wurde er von Amanda Knox' Familie kontaktiert, da Greg Hampikian nebst seiner Tätigkeit als Professor für Biologie und Strafrecht an der «Boise State University» in Seattle das «Idaho Innocene Project» (IIP) führt. Das Universitäts-Projekt hat er 2005 ins Leben gerufen, um Betroffenen von Justizirrtümern kostenlose Hilfe zu bieten.

Seit der Gründung konnten Hampikian und sein Team bereits acht Fälle aufklären. In mehr als 75 Prozent der untersuchten Justizirrtümer kam es zu falschen Identifizierungen durch Augenzeugen, in über 15 Prozent waren Falschaussagen von Informanten eine Ursache für das Fehlurteil. In fast 25 Prozent der Fälle legten die Beschuldigten im Verlauf des Verfahrens falsche Geständnisse ab, weil sie von den Ermittlungsbehörden unter Druck gesetzt wurden oder sich dadurch ein milderes Urteil erhofften.

Fehlerhaftes Verhalten seit Beginn der Ermittlungen

Ähnliches könnte sich auch im Fall von Amanda Knox abgespielt haben. Knox sei, rund eine Woche nach der Tat, die ganze Nacht durch während neun Stunden von der Polizei in Perugia verhört worden. Man habe ihr Essen und Trinken verweigert, mehrmals auf den Hinterkopf geschlagen und ihr einen Anwalt verweigert, obwohl ihr das rechtlich zugestanden hätte und die Studentin in besagter Nacht auch danach verlangt habe. Laut italienischem Strafgesetzbuch wäre Amanda Knox ein Dolmetscher zugestanden. Ein Recht, das ihr angeblich abgesprochen wurde. Ein weiterer Fehler, den die Ermittler machten: Das Verhör wurde nicht aufgenommen. Obwohl das italienische Gesetz ausdrücklich verlangt, dass jedes Polizeiverhör in einer Bild - oder Tonaufnahmen festgehalten werden muss. Amanda Knox' Eltern haben diese Ermittlungsdefizite in einem Interview mit der britischen «Sunday Times» erwähnt und mussten sich darum letzte Woche wegen Verleumdung vor dem Gericht in Perugia verantworten. Der Prozess wurde auf Januar 2012 verschoben.

Für Hampikian ist es unverständlich, dass Knox und Sollecito als Mörder verurteilt wurden, da die einzigen am Tatort gefundenen DNA-Spuren – in Merediths Schlafzimmer – von Rudy Guede stammen. «Mit Guede übereinstimmende DNA wurde auf und in ihrem Körper festgestellt», sagt Hampikian. Ebenso auf ihrem Büstenhalter, ihrem Portemonnaie und einem blutigen Handabdruck. Die Polizei hat Dutzende Gegenstände am Tag nach dem Mord am Tatort beschlagnahmt und konnte einzig Guedes DNA nachprüfen. «Beim Opfer wurde nichts von Amanda Knox oder Raffaele Sollecito gefunden.» Die mutmassliche Tatwaffe – auf der keine Blutspuren waren – wurde später, nach der Verhaftung von Knox in einer Küchenschublade in Sollecitos Wohnung gefunden. Auf diesem Messer haben die italienischen Ermittler DNA-Spuren von Amanda Knox nachgewiesen. «Das war auch zu erwarten, weil sie das Messer benutzte, um jeweils bei Raffaele zu kochen.»

Amanda Knox ein Bauernopfer?

Es gibt viele Ungereimtheiten im Tötungsfall von Perugia. Die Polizei von Perugia hatte laut Hampikian ein Bauchgefühl, dass Amanda und Raffaele die Mörder von Meredith seien - diese Vorahnung hatten sie «bevor die DNA-Spuren verarbeitet wurden». Die Polizei hatte zum damaligen Zeitpunkt keine Ahnung, dass Guede (der nach der Tat nach Deutschland floh und später dort verhaftet wurde) in irgendeiner Weise in den Fall verwickelt war, bis ihnen die DNA-Analysen vorlagen. Bei der Routinesuche in ihrer Polizei-Database wurde die Polizei fündig: Die DNA-Analysen stimmten mit einer Person überein, Rudy Guede. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte «den Polizisten klar sein sollen, dass ihr ursprüngliches Bauchgefühl völlig falsch gewesen war und sie Amanda und Raffaele auf freien Fuss hätten setzen sollen». Stattdessen bastelten sie sich «völlig bizzare Geschichten zusammen, die aufzeigen sollten, wie Amanda und Raffale mit Guede verbunden seien».

Die Medien – allen voran die italienische Presse – hatten ihrerseits ebenfalls ein Bauchgefühl und berichteten wochenlang mit immer pikanteren Details über das bizarre Sexualleben von «Foxy Knoxy», ihren angeblichen lesbisch-satanistischen Neigungen, den Drogen, den vielen sexuellen Abenteuern. Die Story des mordenden «Eiskalten Engels von Perugia» war bei weitem spannender als allfällige Fehler der Ermittler. So spannend, dass der Fall, sehr zum Missfallen der Verteidigung, inzwischen sogar schon verfilmt worden ist: Der Fernsehfilm «Amanda Knox: Murder on Trial in Italy» wurde im Februar dieses Jahres ausgestrahlt.

«Amanda ist eine starke, junge Frau»

Ein ganz anderes Bild der verurteilten Mörderin zeichnet der italienische Politiker Rocco Girlanda in seinem Buch, das kurz vor dem Berufungsprozess erschienen ist. Girlanda, der die verurteilte Knox mehrere Male im Gefängnis besucht hat und ihre Gespräche unter dem Titel «Io vengo con te – colloqui in carcere con Amanda Knox» (Ich komme mit dir – Gespräche im Gefängnis mit Amanda Knox) veröffentlicht hat gibt sich auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet sehr vorsichtig und diplomatisch auf die Frage nach allfälligen Justiz- und Ermittlungsfehlern, spricht aber auch «von etwaigen voreiligen Schlüssen im Prozessablauf». Zur Frage nach Amandas Unschuld gibt sich der Politiker und Autor direkter: «Wie ich bereits abschliessend in meinem Buch über Amanda geschrieben habe, denke ich – nachdem ich sie im Verlauf der vielen Gesprächen kennengelernt habe – nicht, dass sie die ihr vorgeworfenen Taten begangen hat.» Zu dieser Aussage stehe er heute noch. «Amanda ist eine sehr starke junge Frau, voller Hoffnung, die eine sehr schwierige Lebensprüfung mit grossem Mut und Zuversicht hinter sich bringt.»

Am vergangenen Samstag hat Amanda Knox mit ihrem Anwalt Luciano Ghirga ihren 24. Geburtstag gefeiert. Bei einem Cappuccino hat der Anwalt seiner Mandantin im Gefängnis von Perugia gratuliert und ihr laut Nachrichtenagentur ANSA gewünscht, dass «sie ihren nächsten Geburtstag bei sich zu Hause in Seattle feiern werde». Ob dieser Glückwunsch in Erfüllung gehen wird, wird sich am 25. Juli zeigen, dann findet eine weitere Anhörung im Fall Knox statt und mit den neu beurteilten DNA-Befunden deutet vieles darauf hin, dass Amanda Knox und Raffaele Sollecito freigesprochen werden könnten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.07.2011, 18:18 Uhr

Dr. Greg Hampikian: Der berühmte DNA-Experte ist Professor für Biologie und Strafrecht an der «Boise State University» und zudem Direktor des «Idaho Innocence Project», einer US-amerikanische Non-Profit-Organisation, die sich um die Aufklärung von Justizirrtümern bemüht.

Radio-Interview

Hampikian im Interview mit dem US-Radiosender KIRO FM über den Fall Amanda Knox.

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