Amour fou

Anne Sinclair strahlt im Schatten ihres untreuen Mannes: Dominique Strauss-Kahn. Er verdankt ihr alles. Eine Liebesgeschichte mit einem jäh gebremsten Karriereprojekt.

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Madonnenhaft. Wenn sie Schwarz trug, und das tat Anne Sinclair in den letzten drei Monaten auffallend oft, wirkte sie wie eine dramatische Figur. Wie eine Madonna, zwischen Trauer und Martyrium. Stumm und würdevoll, um sieben Kilo abgemagert, mit schweren Augenlidern. Bereit, ihren Sünder von einem Mann durch alle Täler hienieden zu tragen, von einem Gerichtstermin zum anderen, ihn zu schützen und zu stützen. Wie immer. Vor allem und vor allen. Oft auch vor sich selbst. Obschon dieser Mann sie so oft betrog, obschon er ihre unerschütterliche Treue nicht mit Treue vergalt.

Die Welt wundert sich über die scheinbar stoische Standhaftigkeit dieser Frau. Ihr Mann heisst Dominique Strauss-Kahn, überall nunmehr auch als DSK bekannt, als Chiffre einer global verhandelten Affäre. Er war einer der mächtigsten Männer der Welt, als er in einer New Yorker Hotelsuite stürzte – beim Sex mit einer Raumpflegerin. Sie nennt ihn «Domi».

Sexappeal und Intelligenz

Es gab eine Zeit, da war sie der Star des Paars, da nannte man ihn «Monsieur Sinclair». Anne Sinclair ist die Enkelin des Kunsthändlers Paul Rosenberg, Agent und Freund Picassos, der eine berühmte Galerie an der Rue de la Boétie in Paris betrieb, bevor er 1939 vor Krieg und Judenverfolgung nach New York floh. Dort kam neun Jahre später auch seine Enkelin zur Welt. Sie trägt den «Nom de Résistance» ihres Vaters – und erbte ein Vermögen in Gemälden, von denen sie immer wieder welche versteigerte – für viele Millionen. Wie gross ihr Reichtum genau ist, weiss man nicht. Anne Sinclair ist eine diskrete Reiche. Sie hätte wohl nie arbeiten müssen, wenn sie nicht gewollt hätte. Sie hätte sich damit begnügen können, den Nachlass zu verwalten und das Pariser Musée Picasso zu leiten. Doch sie studierte Jura, diplomierte in Politikwissenschaften und wurde Journalistin.

In den 80er- und 90er-Jahren moderierte sie eine erfolgreiche Fernsehsendung: «7 sur 7» hiess sie und lief immer Sonntagabend auf dem Sender TF 1. Anne Sinclair lud alle Mächtigen Frankreichs in ihre Sendung ein. Minister und Präsidentschaftsanwärter und manchmal auch Schauspieler interviewte sie hart, aber fair. Oft war sie besser als der Gast: gescheit, geistreich, charmant. Die Techniker leuchteten das Studio so aus, dass ihre blauen Augen unter dem schwarzen Haar noch blauer wirkten. In Umfragen schnitt sie jeweils als eine der begehrenswertesten Französinnen ab.

Die Türöffnerin

Es war wohl dieser Mix aus Sexappeal und Intelligenz, die den Ökonomen Dominique Strauss-Kahn, damals ein unbekannter Professor und Staatsdiener, anzog. Er lobbyierte lange, bevor sie ihn in einer kleineren Sendung empfing. Sein Charme wirkte bei ihr sehr schnell. 1991 heirateten sie; für beide war es die dritte Ehe. Sie hatte zwei Kinder, er vier. Eine grosse Patchworkfamilie. Gemeinsam sollten sie keine Kinder haben.

Alles andere war ab sofort ein Gemeinschaftswerk – mit «Domi» im Zentrum. Anne Sinclair machte ihn gross, sie machte ihn zu DSK. Ihr Vermögen, ihr politisches und kulturelles Netzwerk, ihr Coaching in Kommunikationsfragen – sie öffneten Dominique Strauss-Kahn alle Türen. Und als er 1997 Industrieminister im sozialistischen Kabinett wurde, gab sie auch ihre Sendung auf und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Alles für ihren Mann, den sie für den brillantesten Politiker seiner Generation hielt, dem sie eine ganz grosse Karriere prophezeite, womit sie ja beinahe recht bekam. Sie verzichtete auf ihren Ruhm, damit möglichst viel Licht auf ihn fiel und damit man ihnen keine Interessenkonflikte vorwerfen konnte. Wenn sie von seiner Intelligenz sprach, so erzählt es ihr Biograf Renaud Revel, leuchteten ihre Augen «wie jene einer Zwanzigjährigen».

Wutausbrüche

Liebe und Verehrung in einem – und alles sehr passioniert: eine Amour fou, wie die Franzosen treffend sagen, eine «verhängnisvolle Liebe». Eine Liebe, die blind macht, die nicht sehen will. Trotz der vielen Gerüchte und Affären, die es um DSK immer gab und die in den Kreisen, in denen Anne Sinclair verkehrte, stets ein Thema waren. Sie soll jeweils wütend aufgestanden sein, die Serviette auf den Tisch geschmissen haben, wenn man sie bei Diners auf die «faiblesse» ihres Mannes ansprach – auf diese obsessive Art, jeden Rock zu jagen, den Charme überall zu testen, impulsiv und zuweilen nahe an der sexuellen Belästigung. Sie wehrte sich, gekränkt in ihrer Ehre und stolz auf ihren «Domi», der wohl wieder das Opfer von Neidern war, vielleicht sogar von einem politischen Komplott.

Doch das Projekt Aufstieg, dieses Gemeinschaftswerk, nahm seinen Lauf. 2006 lancierte Anne Sinclair ihren Mann erstmals als Präsidentschaftskandidaten. Dafür mietete sie ein schönes Hauptquartier im Zentrum von Paris. Es reichte nicht: DSK unterlag schon in den Primärwahlen der Sozialisten. Er hatte nie eine sonderlich gute Stellung in der Partei. Er galt als allzu wirtschaftsliberal. Und seine offenkundige Faszination für Geld und Glamour passte schlecht zum Image einer Partei, die um die Gunst der Arbeiter buhlte. Eine Promotion gab es dann aber dennoch – eine, die dem polyglotten Ehepaar wunderbar bekam: Strauss-Kahn wurde Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. Mitten in der Finanzkrise. Sie kaufte eine Villa mit Blick auf den Potomac – für 4 Millionen Dollar. Und DSK jettete um die Welt, immer eine Hand im Hosensack.

«Oui, j’ai merdé»

Sie begleitete ihn, so oft es ging. Wahrscheinlich auch aus Furcht, «Domi» könnte seiner Schwäche erliegen. Ein Politiker aus der Entourage von Strauss-Kahn sagte einmal: «Er hat leider zwei grosse Schwächen: die Kohle und den Sex.» Einmal war Anne Sinclair nicht dabei: in Davos, am Weltwirtschaftsforum 2008. Da betrog «Domi» sie mit einer blonden ungarischen Ökonomin: Piroska Nagy, beim IWF zuständig für Ghana. «Oui, j’ai merdé», soll er seinem ungläubigen Kommunikationsberater gesagt haben, als die Affäre aufflog: «Ja, ich habe Scheisse gebaut.»

Beim Fonds vergab man ihm, doch er musste sich offiziell entschuldigen und Besserung geloben. Und Anne? Sie vermerkte in ihrem Blog: «Jeder weiss, dass das Dinge sind, die vorkommen. Wir haben das Kapitel abgeschlossen. Darf ich anfügen, dass wir uns lieben wie am ersten Tag?» Bei anderer Gelegenheit sagte sie: «Mich macht seine Verführungskraft stolz. Verführung ist wichtig für einen Politiker. Solange ich weiss, dass ich ihn verführe und er mich verführt, reicht mir das.»

Das klang recht libertär, ein bisschen nach 68. Es gab auch Medien, die sich in die Paarpsychologie vorwagten und fragten, ob Anne Sinclair wohl gar eine dunkle Freude empfinde am Fremdgehen ihres Mannes. Ihre mitteilsamen Freunde zeichnen in den Medien ein ganz anderes Bild. Und diesen zumeist berühmten Freunden aus dem kultivierten, halb linken und halb grossbürgerlichen Paris sollte man zuhören, wenn man ihr Wesen verstehen will. Sie leide unter den Seitensprüngen, sagen sie, vergebe ihm aber immer gleich und werde ihm immer vergeben, weil er der Mann ihres Lebens sei und weil sie es gemeinsam weit bringen wollten.

«Der Sarko-Slayer»

Amour fou – und ein scharfer Fokus auf die Karriere also. Die Affäre Prioska Nagy war bald überstanden, öffentlich archiviert von der betrogenen Ehefrau. Und DSK machte eine gute Falle als IWF-Chef. Er verhalf der ungeliebten Institution zu einem besseren Image, trat in der Krise mit klaren Voten auf. Für die US-Zeitschrift «Newsweek» war er plötzlich «The Top Guy». Das britische Wirtschaftsmagazin «The Economist» machte ihn zum «Sarko-Slayer», zu «Sarkozys Killer» – eine makabre Metapher für Strauss-Kahns Chancen, Frankreichs amtierenden Staatspräsidenten in den Wahlen 2012 zu schlagen. Die Umfrageresultate machten ihn zum grossen Favoriten. «Domi» wurde endlich die Achtung zuteil, die er in Anne Sinclairs Augen verdient hatte.

Sie trat in einer französischen TV-Sendung auf, strahlend und souverän, und gab einen Vorgeschmack darauf, wie das Élysée aussähe, wenn sie und «Domi» die jetzigen Bewohner ersetzten. Das Magazin «Paris Match» führte schnell eine Umfrage zur Popularität der beiden Gattinnen durch: Anne Sinclair vs. Carla Bruni – 65 Prozent zu 31 Prozent. Eine Vorentscheidung. Das Projekt stand vor der Vollendung. Bis «Domi» wieder «Scheiss baute» – am 14. Mai in New York.

Sie habe viel geweint, als sie davon erfuhr. Sagen ihre Freunde. Einen Tag lang. Dann eilte sie zu ihm, nach New York. Um ihn zu stützen. Ihr Haus in Washington musste sie als Kaution geben, damit ihr Mann in den Hausarrest entlassen wurde. Sie mietete eine Villa in Tribeca – drei Stöcke, Kino im zweiten, einen Fitnessraum im Keller, 50 000 Dollar im Monat.

Eine schwarze Liste

Und sie schwieg. Stoisch, lächelte nur knapp in die Kameras, die sie jeden Tag vor der Haustüre empfingen. «Keine Sekunde» glaube sie an die Anschuldigungen gegen ihren Mann, schrieb sie in einem Communiqué. Man nahm es kaum zur Kenntnis, so überzeugt traten die New Yorker Strafverfolger auf. Als sich dann im Juli die Wende im Fall abzeichnete, da schrieb Anne Sinclair ihren Freunden ein SMS: «Wir hatten recht, nie zu zweifeln. Und wir werden jene nicht vergessen, die uns ins Gesicht gespuckt haben.» Es soll eine schwarze Liste geben von ehemaligen Freunden und politischen Weggefährten, denen sie die Boshaftigkeiten nachtragen will.

Es heisst, sie habe alles gelesen, was über sie und ihren Mann geschrieben wurde, alles gehört, was in den vergangenen drei Monaten in den Talkshows gesagt wurde. Es heisst auch, Anne Sinclair sei zwar geprüft vom «Albtraum», der sie im vielleicht besten Moment ihres Lebens ereilte. Aber ungebrochen. Die Madonna hat Lust auf Revanche und auf Rehabilitierung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2011, 11:29 Uhr

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