«Anders als beim Lockdown will man eine rasche Normalisierung»

Taschenkontrollen und Verkehrschaos: Korrespondent Stephan Israel über die Lage und Stimmung am Tag nach den Anschlägen in Brüssel.

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Wie trauert Brüssel um die vielen Toten der gestrigen Anschläge?
Die Place de la Bourse war gestern Abend der Ort der Trauerkundgebungen. Ein sehr gemischtes Publikum ist dort spontan zusammengekommen. Einige schrieben dort mit Kreide Sätze auf den Asphalt, die Mut machen sollten. Dort sind jetzt vielsprachige Liebeserklärungen an Brüssel zu lesen. Im Laufe des Abends kamen auch Belgiens Ministerpräsident Charles Michel und EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker auf den Platz. Er fühle sich heute mehr denn sonst als Belgier und Brüsseler, sagte der Luxemburger dort.

Welche Sofortmassnahmen haben die Behörden ergriffen?
Die Präsenz von Polizei und Militär wurde noch einmal deutlich verstärkt. Rund tausend Soldaten unterstützen die Sicherheitskräfte an Bahnhöfen und vor öffentlichen Einrichtungen. Nur bestimmte Eingänge zu den Bahnhöfen sind offen. Dort gibt es jetzt Taschenkontrollen. Der Zugang zum Flughafen und der Strassenabschnitt bei der Metrostation Maelbeek sind nach wie vor blockiert.

Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?
Alle sind natürlich sehr besorgt. Viele fragen sich, ob das nur der Anfang war und ob die latente Angst vor Anschlägen nun Teil des Alltags werden wird. Für Mittag war eine Schweigeminute angesetzt, und überall sind die Fahnen auf halbmast. Es gibt aber auch viel Trotz und Wut. Man will sich nicht unterkriegen lassen und zumindest den Anschein einer gewissen Normalität schnell wiederherstellen.

Gibt es neben Trauer und Wut auch Kritik an den Behörden?
Bisher nicht. Dafür ist es wahrscheinlich zu früh und die Kenntnislage noch zu diffus. Das könnte sich aber in den nächsten Tagen ändern. Allerdings haben viele damit gerechnet, dass Brüssel nach Paris, London oder Madrid eines Tages Ziel eines Anschlags sein könnte.

Wie haben die Leitmedien die Anschläge kommentiert?
Der Tenor ist auch hier: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Zwischen den Zeilen steckt aber auch die Angst, dass der Anschlag nur ein Anfang war und dass das Leben in Brüssel nie mehr so sein wird wie vor dem gestrigen Tag. «Der Tag, den jeder fürchtete» titelte die flämische Zeitung «De Standaard» unter einem Bild von flüchtenden Passagieren im Metrotunnel. Andere haben einfach nur das Datum des Anschlags auf dem Titelblatt. Der 22. März wird als schwarzer Tag in die Geschichte der Brüsseler und Belgier eingehen

Was empfehlen die Behörden den Menschen?
Anders als beim Lockdown vor Weihnachten, als Brüssel nach den Anschlägen in Paris stillstand, will man diesmal offenbar eine rasche Rückkehr zu einer gewissen Normalität. Im November blieben damals die Schulen geschlossen, Trams und Metro verkehrten nicht. Die Behörden hätten überreagiert, lautete die Kritik damals. Diesmal sind die Schulen offen, ebenso die Restaurants und Läden. Auch die Metro verkehrt, abgesehen vom Abschnitt im Europaviertel, wo es den Anschlag gab. Dort verkehren Ersatzbusse. Viele dürften aber trotzdem mit dem Auto zur Arbeit gefahren sein. Das Verkehrschaos war in der Innenstadt grösser als sonst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2016, 12:24 Uhr

Stephan Israel ist Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Brüssel.

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