Angelina Jolie hält Kriegsrat

Die US-Schauspielerin hat nach London geladen, und fast alle kamen: Über 100 Länder schickten ihre Gesandten, um der sexuellen Gewalt in bewaffneten Konflikten den Kampf anzusagen.

Alle Blicke waren auf sie gerichtet: Oscarpreisträgerin und UNO-Sondergesandte Angelina Jolie am Dienstag in London. Foto: Keystone

Alle Blicke waren auf sie gerichtet: Oscarpreisträgerin und UNO-Sondergesandte Angelina Jolie am Dienstag in London. Foto: Keystone

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Nicht die Politiker sind es, auf welche die Hundertschaften der Aktivisten in ihren roten Pullis im Konferenzzentrum in den Londoner Docklands an diesem Tag geduldig gewartet haben. Nicht die Experten, die Ärzte, die Minister, die Poeten – nicht einmal Cherie Blair, die in der schwarzen Richterrobe dem Treffen ihre viel bestaunte Aufwartung macht.

Nein, das Spalier, das sich in den riesigen Konferenzhallen plötzlich bildet, gilt der ungekrönten Königin der Veranstaltung, die ganz in Weiss durch eine Hintertür erscheint, die Reihen inspiziert, leise lächelt, sich ablichten lässt und an allerlei Ständen internationaler Frauen- und Menschenrechts-Organisationen mit deren Repräsentanten ein paar freundliche Worte wechselt.

Vom Foreign Office finanziert

Angelina Jolie wollen alle sehen. Sie ist der unbestrittene Star dieser Londoner Show. Nach ihr, nach der 39-jährigen US-Schauspielerin mit dem grossen Namen, recken sich alle Hälse. Ohne Jolie wäre diese Tagung nicht auf den Titelseiten der gesamten Londoner Presse gelandet. Der etwas kurz geratene, glatzköpfige britische Aussenminister William Hague, der stets an ihrer Seite auftaucht, hätte für sich genommen kaum dieselbe Anziehungskraft gehabt.

Zumal das Thema, das die Konferenz sich gesetzt hat, sehr spezifisch ist – und nicht gerade eines, dem der auf Hollywood-Prominenz fixierte Teil der Medien sonst viel Aufmerksamkeit widmen würde. Jolie will helfen, die sexuelle Gewalt in Kriegsgebieten zu beenden. Das ist ihr persönliches Anliegen, seit sie Sondergesandte des Flüchtlings-Hochkommissariats der UNO wurde. Millionen Opfer der Gewalt in aller Welt – vor allem Frauen – dürften nicht länger ignoriert werden, fordert sie. Ihre Botschaft an die Täter: «So wie bisher läuft es nicht länger. Jetzt kommen wir euch holen. Und zwar in gut organisierter Manier.»

Hehre Deklarationen

Zusammen mit Hague, der ihr den Zugang zum Regierungsapparat in London eröffnet hat, versucht Angelina Jolie, weltweit Unterstützung für eine entsprechende Kampagne zu finden. Die vom Foreign Office finanzierte Konferenz ist das erste Ergebnis dieser Anstrengung.

Ein ganzes Jahr an Vorbereitungen war nötig gewesen für die ungewöhnliche Versammlung. 117 Staaten und acht UNO-Organisationen haben Mitarbeiter an die Themse geschickt. Der Papst twitterte, er bete für alle Beteiligten. «Es ist», befand der Heilige Vater, «Zeit zu handeln.» Tausende von Fachleuten und Laien sind zu Jolies Kriegsrat angereist. Ziel des viertägigen Treffens ist es, hehre Deklarationen in ein konkretes Protokoll umzusetzen, in dem Regierungen sich und ihre Armee zur Übernahme bestimmter Regeln verpflichten.

Zunächst sollen Verhaltensnormen für Konflikte festgeschrieben werden, um die sexuelle Gewalt auszumerzen. Ausserdem soll es einfacher werden, Beweismaterial zu sammeln und Gewalt­täter strafrechtlich zu verfolgen. Auch die Unterstützung der Opfer müsse erleichtert werden. Soldaten aller Nationen und der UNO-Friedenstruppen sollen künftig ein besonderes Training erhalten.

«In einer zivilisierten Welt kann es keinen Platz für Leute geben, die sich ­sexueller Gewalt schuldig gemacht haben», mahnte US-Aussenminister John Kerry in London. «Die Kultur der Straflosigkeit» müsse beendet werden, sagte Justin Welby, der Erzbischof von Canterbury, der Oberhirte der Anglikaner.

Vergewaltigungen in Kriegen seien «nicht etwas Unvermeidliches», sondern «eine Kriegstaktik», die unterbunden werden müsse, erklärten Angelina Jolie und Aussenminister Hague die eigene Zielsetzung. Scham und soziales Stigma führten oft dazu, dass die Opfer kein Zeugnis abzulegen wagten: «Dieses mächtige Tabu erklärt, warum das Ausmass und die Schwere von Vergewaltigungen in Kriegsgebieten oft gar nicht richtig verstanden werden.»

Auf Dutzenden von Veranstaltungen in den Konferenzhallen wird so der Schleier des Tabus nach Kräften gelüftet. Dokumentarfilme, vor allem aus Afrika und dem Balkan, haben Statistiken in greifbare Schicksale verwandelt. Theatergruppen bringen Zeugenaussagen auf improvisierte Bühnen. Reporterinnen und Reporter aus Kriegsgebieten erläutern Hindernisse im Umgang mit Opfern und beim Aufspüren der Täter.

Regierungsvertreter geloben, mehr Druck auf Grosskonzerne und deren skrupellose Privatarmeen in gewissen Regionen der Welt auszuüben. Ein ­kenianischer Pädagoge berichtet von seinem Projekt, Knaben ein neues Männerbild, ein anderes Selbstverständnis beizubringen. Schüler spielen UNO-­Sicherheitsrat, um sich der Problematik anzunehmen. Und Cherie Blair, wie ­gesagt, hat sich die Richterrobe übergeworfen. Ein Tribunal, bei dem alle Zuhörer die Jury bildeten, soll unter ihrem Vorsitz darüber befinden, ob die UNO-Schutzresolution 1325 sich als wirklich geeignet erwiesen habe, um Gewalttaten einzudämmen – das, urteilt eine Mehrheit, habe sie nicht.

Minister Hague am Pranger

An den Pranger gestellt fand sich übrigens am Mittwoch zu seinem sichtlichen Unbehagen auch der Mitveranstalter der Konferenz, Minister Hague. Dessen Regierung, bemängelte der Britische Flüchtlingsrat, pflege Opfer der Gewalt, die in England Zuflucht suchten, «schäbig» zu behandeln und ihnen keinen Glauben zu schenken. Die Position Londons sei darum «reinste Heuchelei».

Hague versprach, mit seiner Kollegin vom Innenressort, Theresa May, ein Wörtchen zu reden. Und Angelina Jolie kündigte an, in London Flüchtlingsfrauen aus Sri Lanka treffen und sie nach ihren Erfahrungen befragen zu wollen. Gerade in jüngster Zeit sollen nach London geflüchtete Tamilinnen zunehmend zurück nach Sri Lanka deportiert worden sein, obwohl die Frauen beteuern, in ihrer Heimat vergewaltigt worden zu sein und nach der Rückverfrachtung dort weiter in Gefahr zu schweben.

Unbeirrt versucht Angelina Jolie als UNO-Sondergesandte derweil das Thema, dem sie zu solcher Beachtung verholfen hat, weiter voranzutreiben. «Dies ist nur der Anfang», erklärt sie. An wirklichen Fortschritt werde sie erst glauben, «wenn ich echte Strafverfolgung sehe und wenn ich sehe, wie Beweismaterial gesammelt und vor Gericht verwendet wird, und wenn die Betroffenen selbst sehen, dass die Leute, von denen sie missbraucht wurden, für ihre Verbrechen bezahlen».

Erstellt: 12.06.2014, 02:44 Uhr

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