Nobelpreis für Anti-Atomwaffen-Kampagne mit Sitz in Genf

Den diesjährigen Friedensnobelpreis empfängt die Internationale Kampagne Ican zur Abschaffung von Atomwaffen.

Berit Reiss-Andersen, Mitglied des Norwegischen Nobelpreiskomitee gab bekannt, dass Ican mit Sitz in Genf erhält den Friedensnobelpreis erhält. (Video: Tamedia/AFP)

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Die Kampagne zur atomaren Abrüstung (Ican) mit Sitz in Genf erhält den diesjährigen Friedensnobelpreis. Damit würdigt das norwegische Nobelkomitee die Ican für ihren jahrzehntelangen Kampf für eine atomwaffenfreie Welt.

Die Ican habe auf die katastrophalen Konsequenzen für die Menschheit durch den Gebrauch von nuklearen Waffen aufmerksam gemacht. Auch wurde sie gewürdigt für ihre Anstrengungen zum Erreichen eines vertraglich festgelegten Verbotes solcher Waffen.

Der Preis ist mit neun Millionen schwedischen Kronen (1,08 Millionen Franken) dotiert. Die Jury hatte sich in diesem Jahr unter 318 Anwärtern entscheiden müssen – 215 Personen und 103 Organisationen waren für den Preis vorgeschlagen.

Gegründet 2010

Das Ican-Büro in Genf besteht nur aus vier Leuten, alle unter 35 Jahre alt. Das Bündnis selbst ist deutlich grösser: 450 Friedensgruppen und Organisationen, die sich seit Jahren für Abrüstung engagieren.

Vor zehn Jahren kamen sie zusammen, um sich gemeinsam für einen Vertrag gegen Atomwaffen einzusetzen. Treibende Kraft waren nicht Regierungen, sondern Zehntausende Aktivisten in mehr als 100 Ländern. Im Juli 2017 wurde das Vertragswerk unterzeichnet.

Es verbietet Herstellung, Besitz, Einsatz und Lagerung von Atomwaffen und kam gegen den Widerstand der Atommächte und den mit ihnen verbündeten Staaten zustande.

Botschaft an Atomwaffenstaaten

Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen sieht sich durch den Gewinn des diesjährigen Friedensnobelpreises in ihrer Arbeit bestätigt. Die Auszeichnung sende eine Botschaft an alle Staaten, die im Besitz von Atomwaffen sind, sagte Ican-Direktorin Beatrice Fihn heute in einer ersten Reaktion auf die Bekanntgabe des Norwegischen Nobelkomitees.

In Feierlaune: Ican-Chefin Beatrice Fihn präsentiert in ihrem Genfer Büro ein Plakat mit dem Ican-Logo.

Es sei inakzeptabel, darauf zu vertrauen, dass Atomwaffen Sicherheit bedeuteten, sagte Fihn. «Wir können nicht damit drohen, wahllos Hunderttausende Zivilisten im Namen der Sicherheit zu schlachten. So baut man keine Sicherheit auf.»

Fihn sagte, Ican habe wenige Minuten vor der offiziellen Bekanntgabe einen Anruf erhalten, in dem erklärt worden sei, dass die Organisation den Preis gewonnen habe. Sie habe gedacht, dass es sich um einen Scherz gehandelt habe, sagte die Ican-Chefin – geglaubt habe sie es erst, als der Name der Kampagne in Oslo gefallen sei.

Ican mobilisiert die Welt gegen Atomwaffen

Jahrzehntelang reden viele über Atomabrüstung, aber es tut sich wenig. Dann kommt die Kampagne Ican auf den Plan. Sie mobilisiert Aktivisten in aller Welt und bringt einen internationalen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen zustande.

Ican – die Abkürzung für «Internationale Kampagne für die Abschaffung von Atomwaffen» – klingt auf Englisch nach Action: «I can» (ich kann). Das erinnert an den Wahlkampfschlachtruf von Barack Obama, mit dem er vor seiner ersten Wahl die Massen mobilisierte. Und Ican sieht sich auch als Massenmobilisierer.

«Die Folgen eines Atomschlags sind so verheerend, dass kaum einer darüber nachdenken will», sagte Beatrice Fihn, die 34-jährige Geschäftsführerin von Ican in Genf, vor der Preisverkündung.

«Politiker sagen: 'Ihr Aktivisten versteht davon nichts, bei den Atomwaffen geht es um strategische Sicherheit'. Aber wir haben Atomwaffen mit diesem Vertrag wieder zu einer humanitären Frage gemacht», umschreibt sie ihre Arbeit.

Nach Fihns Lesart ist die Sache ganz einfach: Ist es akzeptabel, Hunderttausende Menschen umzubringen oder nicht? Wenn nicht, müssten Atomwaffen verboten werden.

Ican ist ein Bündnis von rund 450 Mitgliedsorganisationen in aller Welt. Seit 2007 kämpft das Bündnis gegen den Widerstand der Atommächte und vieler anderer Länder dafür, Atomwaffen per internationalem Vertrag zu verbieten.

Die Kampagne mobilisiert Atomwaffengegner in aller Welt, bearbeitet Regierungen und schafft das kaum für möglich Gehaltene: Im Juli 2017 wird in New York der Internationale Vertrag zum Verbot von Nuklearwaffen beschlossen. Er verbietet Herstellung, Besitz, Einsatz und Lagerung von Atomwaffen.

Glück gehabt bis jetzt

UNO-Generalsekretär António Guterres feierte ihn als Meilenstein. Im September kommen die Unterschriften unter das Abkommen. Der Vertrag tritt in Kraft, wenn mindestens 50 Länder ratifiziert haben. Fihn hofft, dass das bis Ende nächsten Jahres der Fall ist.

Fihn kennt das Argument, Atomwaffen seien zur Abschreckung nötig. «Haben Atomwaffen im Kalten Krieg den Frieden bewahrt? Das ist nicht beweisbar», sagt Fihn. Vielleicht sei das auch der Verdienst der Vereinten Nationen.

Eins sei aber klar, dass es jede Menge Beinahe-Zwischenfälle gegeben hatte. «Bislang haben wir Glück gehabt. Aber wenn es weiter Atomwaffen gibt, wird uns das Glück eines Tages verlassen. Das Vertrauen der ganzen Menschheit, dass nichts passiert, liegt in den Händen sehr weniger Individuen», sagt Fihn.

Die Atommächte sind bei dem Vertrag nicht dabei: die USA, Russland, Grossbritannien China, auch nicht Indien, Pakistan oder Israel. Ebenfalls fehlen die Nato-Länder. Die Militärallianz meint, der Vertrag gefährde die Abrüstung und würde die Staatengemeinschaft in schwierigen Zeiten spalten. Der Nato-Rat stellte klar: «So lange es Atomwaffen gibt, wird die Nato ein nukleares Bündnis sein.»

Druck der Öffentlichkeit

So ein Vertrag sei der Beginn einer Bewegung, das entwickle Eigendynamik, und kleinere Länder könnten die Grossen damit unter Druck setzen, glaubt Fihn. Wie bei anderen internationalen Verträgen etwa zum Verbot von Landminen, Streumunition oder chemischen Waffen setzt Ican auf die Wirkung internationaler Ächtung. So ein Vertrag bringe nicht unterzeichnende Regierungen unter Rechtfertigungsdruck.

Ihr erbitterter Widerstand zeige schon, wie wirkungsvoll so ein Vertrag sei. «Die Atommächte müssen plötzlich verteidigen, warum sie so verheerende Massenvernichtungswaffen für sinnvoll halten», sagt Fihn.

Die Kampagne will die Daumenschrauben nun weiter anziehen: sie mobilisiert Menschen, ihre Banken, Versicherungen und Rentenkassen dazu zu bringen, nicht mehr in Unternehmen zu investieren, die Komponenten für Atomwaffen produzieren.

Dass Druck funktioniert, zeige der internationale Vertrag zum Verbot von Streubomben. Den hätten die USA zwar nicht unterzeichnet. Aber der letzte US-Streubombenhersteller Textron stellt nun die Produktion ein. Das Geschäft läuft nicht mehr. (nag/sda)

Erstellt: 06.10.2017, 11:03 Uhr

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