«Armer Snowden – der Mann glaubt, er sei frei»

Wohnung, Job und ein Wiedersehen mit Vater und Freundin: Edward Snowdens Anwalt und russische Medien sagen Snowden eine schon fast rosige Zukunft voraus. Nicht alle sehen das so.

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Edward Snowdens Erleichterung muss gross gewesen sein, als er nun nach 39 ungewissen Tagen den Moskauer Flughafen Scheremetjewo verlassen konnte. Ein vom staatlichen Nachrichtensender Russia24 veröffentlichtes Bild zeigt denn auch, wie sich Snowden lachend zum Ausgang begibt.

Nach den Worten seines Anwalts Anatoli Kutscherena hat Snowden nun einigen Grund zur Zuversicht: Er soll sich nun frei bewegen dürfen, seinen Wohnort auswählen können und arbeiten dürfen. Sogar ein Jobangebot erhielt Snowden bereits: Der Gründer von V-Kontakte, der russischen Version von Facebook, lud Snowden ein, für sein Sicherheitsteam zu arbeiten. Auch ist laut «Russia Today» bereits ein Wiedersehen mit seinem Vater und womöglich seiner Freundin in Planung.

Snowden braucht einen Job

Doch was erwartet Snowden nun in Russland? Zuerst einmal stellt sich die Frage, wo Snowden sich aufhalten soll. Nach Angaben seines Anwalts Anatoli Kutscherena wurde Snowden an einen sicheren Ort gebracht, wo «neue Freunde, darunter auch Amerikaner» für seine Sicherheit sorgen sollen. Ob sich Snowden später tatsächlich seinen Wohnort in Russland frei aussuchen kann, wie dies Kutscherena andeutete, ist aber unklar.

Wie «Radio Free Europe» in einer Übersicht über die russischen Asylvarianten schreibt, müssen Personen, die wie Snowden temporäres Asyl erhalten, dort wohnen, wo sie ihr Gesuch gestellt haben. Allerdings soll es die Möglichkeit geben, einen Wohnortwechsel zu beantragen. Unklar ist zudem auch, wie lange Snowden seinen Aufenthalt in Russland finanzieren kann. Laut seinem Anwalt verfügt Snowden noch über gewisse, aber nicht allzu grosse Mittel.

Sollte Snowden das Geld ausgehen, bräuchte er entweder einen Sponsor – oder einen Job. Ob das Jobangebot von V-Kontakte ernst gemeint war, ist ungewiss. Im Internet und in den Medien werden Snowden zahlreiche weitere Anstellungen nahegelegt – er könne ja Russlands Internetsicherheit verbessern oder für eine NGO arbeiten. Dass Snowden für den russischen Staat arbeitet, scheint aber vorderhand unwahrscheinlich, schliesslich würde dies die USA wohl weiter erzürnen. Die Tätigkeit für eine NGO dürfte hingegen Russland ein Dorn im Auge sein.

Von Moskaus Gnade abhängig

So oder so bleibt Snowden von der Gnade der russischen Regierung abhängig. Russland hat Snowden nur eine Aufenthaltsbewilligung für zwölf Monate erteilt. Snowden kann danach zwar eine Erneuerung beantragen, doch könnte diese eben auch abgelehnt werden. Es dürfte zudem für Moskau ein Leichtes sein, Snowdens Unterstützer wie die Wikileaks-Mitarbeiterin Sarah Harrison oder auch seine erwähnten «neuen Freunde» aus dem Lande zu verweisen oder auch Snowdens Anwalt ausser Gefecht zu setzen.

Manche Beobachter sprechen sogar davon, dass Russland sehr genau kontrollieren werde, was Snowden mache. Der russische Sicherheitsspezialist Andrei Soldatow sagte beispielsweise dem Magazin «Daily Beast»: «Snowden wird höchstwahrscheinlich unter voller Kontrolle der russischen Geheimdienste bleiben und nicht frei zur Opposition oder zur unabhängigen Presse sprechen können.»

Folgt man der Argumentationslinie von Soldatow und weiteren Beobachtern, hielt es Moskau unter dem Strich für die bessere Lösung, Snowden Asyl zu gewähren, und will nun möglichst viel Profit aus dessen Anwesenheit ziehen. Die Behörden könnten Snowden zum Beispiel an offiziellen Treffen oder in TV-Shows im Kreml-treuen Sender Russia Today auftreten lassen, sagte Soldatow.

Andere Beobachtern haben allerdings eine andere Lesart der russischen Absichten: Der ehemalige britische Botschafter Andrew Wood schreibt in einem Beitrag für CNN, die Handlungen von Regierungen liessen sich häufig eher als «Durchwursteln» erklären denn als fein ausgearbeitete politische Strategien. Wood schätzt Moskaus Handeln denn auch als zögerlich ein. Das temporäre Asyl für Snowden sei keine Lösung, sondern erschwere es Moskau am Ende nur, Snowden wieder loszuwerden.

Kritische Blogger

Snowdens Ankunft sorgt in Russland abseits der staatlich kontrollierten Medien teilweise für bissige Kommentare. Die «New York Times» listet eine Reihe von Tweets auf, darunter folgenden: «Armer Snowden – der Typ glaubt, er sei frei.»

Auch der russische Anwalt Mark Feygin, der die drei Mitglieder der Band Pussy Riot vor Gericht verteidigte, schrieb: «Snowden hat nicht ganz verstanden, dass sein Akzeptieren von Asyl in Russland das Gleiche ist, wie eine von einem nigerianischen Anwalt per E-Mail angebotene Erbschaft anzunehmen.»

Etwas weniger drastisch drückte sich Wladimir Varfolomeyew, Radiomoderator bei Echo Moskau aus. Er schrieb, die russische Regierung habe die richtige Entscheidung getroffen, man könne Snowden nicht den USA ausliefern. Der Asylsuchende habe sich aber eine «sehr seltsame Zufluchtsstätte» ausgesucht.

Erstellt: 02.08.2013, 16:10 Uhr

Kommentare aus der Presse

«Frankfurter Allgemeine»: «Nun ist es ausgerechnet Wladimir Putin, der mit unverhohlener Freude die Rolle des Anwalts von Meinungsfreiheit und Menschenrechten spielt und den Amerikaner für vorerst ein Jahr aufnimmt. Derselbe Putin hat aber auch reichlich Freude daran, politische Gegner mit fadenscheinigen Anschuldigungen aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Aleksej Nawalnyj, der prominenteste unter ihnen, wurde gerade zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt. Sein Vergehen: Er hatte Korruption in russischen Behörden und Staatsunternehmen aufgedeckt.»

«Die Welt»: «Alles hat seinen Preis. Das gilt auch für das vorläufige Asyl, das Edward Snowden in Putins Russland gewährt wird. In Geheimdienstkreisen muss man liefern, um etwas zu bekommen. Abgesehen von allen Irrungen des 30-jährigen IT-Fachmanns bleiben Fragen, auf die jede Antwort schwerfällt. Am wichtigsten, wie zu verhindern ist, dass die technischen Fertigkeiten auf immer den moralisch-politischen Fähigkeiten davoneilen. Es wird ja, was möglich ist, früher oder später auch Wirklichkeit – allen frommen Wünschen zum Trotz.»

«Süddeutsche Zeitung»: «Vertauschte Rollen also: Amerika als böser Bube, der im Westen wegen seines Überwachungswahns am Pranger steht. Und Russland als rettende Oase für einen Gehetzten, den der Westen zwar irgendwie mutig findet, aber doch lieber nicht bei sich haben will. Doch Snowden wird einen Preis zahlen müssen. In Russland mag er sicher sein, aber nicht frei. Der Amerikaner dürfte scharf kontrolliert werden. Und er wird wohl nur äußern können, was Moskau international nicht schadet. Sonst könnte Russland ihn schnell rauswerfen.» (AFP)

Bildstrecke

Russland gewährt Snowden Unterschlupf. (Video: Reuters )

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