Auf der Abschussliste

Elwira Nabiullina ist die Chefin der russischen Zentralbank. Um ihren Job ist die Ökonomin im Moment nicht zu beneiden.

Landesverräterin, Verbrecherin oder Verschwenderin: Die Gegner von Elwira Nabiullina sparen nicht mit Kritik. Foto: Reuters

Landesverräterin, Verbrecherin oder Verschwenderin: Die Gegner von Elwira Nabiullina sparen nicht mit Kritik. Foto: Reuters

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Sie hat einen Job, um den sie nun wirklich nicht zu beneiden ist: die Chefin der russischen Zentralbank. Der Rubel ist diese Woche im Sturzflug auf ein neues Rekordtief gefallen. Obwohl in Russland alle wissen, dass daran insbesondere der dramatisch tiefe Ölpreis und die fast komplette Abhängigkeit Russlands von Öl und Gas verantwortlich sind, schieben alle die Schuld an der Krise Elwira Nabiullina zu. Ihre Gegner im Parlament, in der Regierung und den Medien nennen sie abwechslungsweise eine Landesverräterin, eine Verbrecherin oder eine Verschwenderin. Sie sei die «teuerste Frau in der Geschichte Russlands», schimpfen etwa die Kommunisten und suggerieren damit, die 51-Jährige verprasse leichtfertig die sauer verdienten Devisenreserven des Landes. Dabei hat sie einfach kein Mittel gefunden, um den Rubel zu retten.

«Insgesamt handelt die Zentralbank adäquat», erklärte Präsident Wladimir Putin am Donnerstag zwar. Doch Beobachter sind überzeugt, dass die Frau ihren Posten los ist, sobald ein erstes Bauernopfer notwendig werden sollte. Nabiullina sei wie ein menschliches Schutzschild für den russischen Präsidenten, heisst es in Moskau. Und eigentlich passt sie sowieso nicht in die russische Führungsriege – nicht nur, weil sie die einzige Frau auf einem hohen Staatsposten ist.

Nabiullina gehört zum Kreis der russischen Wirtschaftsliberalen. Diese lehnen den immer allmächtigeren Staat ab, den Putin baut, und haben deshalb in den letzten Jahre fast allen Einfluss eingebüsst. Als Putin 2001 an die Macht kam, waren sie mit Wirtschaftsminister German Gref noch prominent vertreten, Nabiullina arbeitete damals als dessen Stellvertreterin an einem Reformprogramm mit. Ihr Förderer und Übervater war Jewgeni Jasin, Wirtschaftsminister unter Präsident Boris Jelzin und später Leiter der Higher School of Economics in Moskau, die fest dem Liberalismus verpflichtet ist. Heute ist Nabiullinas Ehemann Rektor des renommierten Instituts.

Schneller Aufstieg

Das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» bezeichnet die Notenbankchefin heute als die einflussreichste Russin. Dabei stammt Nabiullina nicht aus der alten Nomenklatura. Sie ist Tatarin und kommt aus Ufa, der Hauptstadt der russischen Republik Baschkirien, ihre Eltern waren einfache Arbeiter. Die Tochter erwies sich als Wunderkind, bereits die Primarschule schloss sie mit lauter Goldmedaillen ab. Der Aufstieg in Moskau erfolgte schnell und im Staatsdienst. Nabiullina gilt als fähige und konsequente Ökonomin, die auch Konflikte mit einflussreichen Wirtschaftsbossen nicht scheut.

Allerdings wird ihr eine Schwäche für Wladimir Putin nachgesagt, dem sie als Ministerin und als Beraterin diente, bevor er sie im Sommer 2013 völlig überraschend zur Zentralbankchefin machte. Sie habe zu wenig politisches und auch persönliches Gewicht, um sich gegen den Kreml zu stellen, heisst es. In der Tat wirkt Nabiullina eher wie ein braves Schulmädchen denn als erste Frau an der Zentralbankspitze –nicht nur von Russland, sondern aller führenden Industrienationen (G-8). Die russische Bevölkerung bringt ihr kaum Sympathie, dafür viel Spott entgegen. So ist zu hören: Sie sehe in ihren schwarzen und grauen Kostümen und mit dem dunklen Haar aus wie die Zukunft der russischen Wirtschaft – wirklich düster.

Erstellt: 19.12.2014, 22:55 Uhr

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