Analyse

Aufstand gegen die Elite

Von Politikern zu Unternehmern wie Glasenberg, Hoeness oder Vasella: Die smarte Elite in Europa muss sich warm anziehen. Den Füchsen aus dem Gleichnis von Politphilosoph Isaiah Berlin sitzen die Igel im Nacken.

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Die Androhung Ivan Glasenbergs, die Schweiz bei einer Annahme der 1:12-Initiative mit seinem Rohstoffkonzern Glencore allenfalls zu verlassen, hat auf Onlineportalen einen Proteststurm ausgelöst. Allein bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet haben sich über 400 Kommentare angesammelt. Es zeichnet sich ein Phänomen ab, das der politische Philosoph Isaiah Berlin beschrieben hat: der Kampf von Igeln gegen Füchse.

Berlin gilt als einer der einflussreichsten liberalen Denker des 20. Jahrhunderts. Was hat er mit seinem Vergleich von Igeln und Füchsen gemeint? Die wichtigsten Merkmale von Igeln: Sie glauben an eine grosse Idee, an ein einziges Prinzip oder Gesetz, das die Gesellschaft beherrscht. Ein typischer Igel war beispielsweise Karl Marx mit seiner Theorie des Klassenkampfes. Die Füchse hingegen erklären die Welt mit einer Vielzahl von kleinen Theorien. Sie sind toleranter gegenüber anderen Meinungen, gehen auf die Komplexität ein, können sich aber auch sehr opportunistisch verhalten. Kurz: Igel sind Jäger, die stets auf der Suche nach der ganz grossen Trophäe sind, Füchse hingegen sind Sammler, die mitnehmen, was gerade verfügbar ist.

Die Igel sind auf dem Vormarsch

Nach dem Untergang der totalitären Systeme von Faschismus und Kommunismus haben die Füchse lange das Feld beherrscht. Jetzt sind die Igel wieder auf dem Vormarsch. In der Wirtschaft richten sie ihre Wut gegen die Abzocker. Daniel Vasella oder Ivan Glasenberg entfachen den Volkszorn mit hohen Löhnen und Boni, um danach noch, mit voreiligen Drohungen, die Schweiz zu verlassen, Öl ins Feuer zu giessen.

Ein solches Verhalten stachelt die Verfasser von Onlinekommentaren an, Überzeit zu leisten. In einem solchen Proteststurm ist die Vernunft das erste Opfer. Es geht nicht mehr um eine rationale Diskussion, eine Diskussion, die im Fall von Glasenberg sehr angebracht wäre. Wollen wir in der Schweiz überhaupt Rohstoffkonzerne? Wie sollen sie besteuert werden? Welche Regeln sollen sie befolgen? Solche Fragen gehen in einer angeheizten Diskussion unter.

Der gemeinsame Hass auf die EU

Das jüngste Beispiel eines Erfolges der Igel in der Politik ist der Triumph der UK Independence Party (Ukip) in Grossbritannien. Die Partei von Nigel Farage wurde selbst vom konservativen Premierminister David Cameron noch vor kurzem als eine «Bande von Spinnern und Idioten» bezeichnet. Jetzt hat sie bei den Lokalwahlen fast ein Viertel aller Stimmen erhalten, nicht viel weniger als die Tories. Die Ukip ist keine Ausnahme: In Italien hat Beppe Grillo mit seiner Fünf-Sterne-Bewegung ebenfalls 26 Prozent der Stimmen erhalten, die griechische linksextreme Partei Syriza liegt in der Wählergunst auch auf diesem Niveau. In Frankreich kann Marine Le Pen und ihr Front National auf bald 20 Prozent der Stimmen zählen, genauso wie die Wahren Finnen in Finnland.

Die grosse Idee der neuen Generation von politischen Igeln in Europa ist schnell zusammengefasst: Es ist der Hass auf die EU. Die vermeintlich schlauen Füchse mit ihren vielen Theorien und komplexen Erklärungen haben die Lage nicht mehr im Griff. Staaten, die nicht mehr über eine eigene Währung und eigene Grenzen bestimmen können, sind verloren. Sie werden von Asylanten überrannt und werden bald in einer Hyperinflation ertrinken. Deshalb müssen die vermeintlich schlauen Füchse wieder von den Schalthebeln der Macht vertrieben und die EU zerschlagen werden. Nur so kann das Abendland noch gerettet werden.

Der Protest gegen die Elite ist gleichzeitig verständlich. Abzocker in der Wirtschaft und elitäre Technokraten in der Politik werden zu Recht kritisiert. Doch der Entrüstungssturm gegen die Füchse hilft nicht weiter. So verführerisch die grossen Ideen der Igel sein mögen, sie lösen kein einziges Problem, weder in der Wirtschaft noch in der Politik.

Erstellt: 06.05.2013, 13:39 Uhr

Philipp Löpfe ist Autor im Ressort Wirtschaft von Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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