Aufstand in Gallifa

Ein kleines Dorf in Katalonien hat genug von der spanischen Wirtschaftskrise. Ab sofort werden dem Staat keine Steuern mehr bezahlt.

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Über dem Rathaus von Gallifa weht die katalanische Fahne. Das kleine Bergdorf in der Nähe von Barcelona ist nur eines von rund 170 Dörfern, die sich im Herbst dieses Jahres zum freien katalanischen Territorium zusammengeschlossen haben – ohne Zustimmung aus Madrid. Doch der gestern offiziell erklärte Bescheid Gallifas, ab sofort der spanischen Regierung keine Steuergelder mehr zu überweisen, ist einzigartig.

«Offizielle Steuerverweigerung»

Federführend in dieser rebellischen Aktion ist Bürgermeister Jordi Fornes. Im Namen der 204 Bewohner des Dorfes hat er gestern dem katalanischen Parlament den Entscheid der Steuerverweigerung mitgeteilt. Wobei die Verweigerung nur den spanischen Staat tangiert. Denn, wie Fornes gegenüber der Nachrichtenagentur AFP sagte, werde man wie bis anhin die Steuern bezahlen. Mit dem Unterschied, dass die Gelder nicht wie bisher an die Regierung in Madrid, sondern direkt dem katalanischen Finanzamt überwiesen werden. Dies hat Fornes in einem ersten Schritt bereits getan: Gestern überwies er dem Amt die Steuerbeiträge seiner Angestellten für das letzte Trimester dieses Jahres. «Wir verlieren sehr viel Geld an die spanische Regierung – ohne jeglichen Nutzen. Das soll sich endlich ändern.» Fornes ist überzeugt, dass «das unabhängige Katalonien früher oder später von der EU anerkannt werden wird». Und dann, endlich, «wird auch die Wirtschaft florieren».

Der rebellische Politiker ist nur einer von rund acht Millionen Katalanen, die eine staatliche Unabhängigkeit anstreben. Zwar besitzt Katalonien schon seit 1978 den Status einer autonomen Gemeinschaft, aber vor allem seit der Wirtschaftskrise wird der Wunsch nach einem eigenen Staat immer lauter, nicht zuletzt, weil Katalonien die wirtschaftsstärkste Region Spaniens ist. So dürfte am kommenden Sonntag eine grosse Mehrheit der Katalanen bei den vorgezogenen Regionalwahlen für die nach Unabhängigkeit strebenden Nationalisten von Regierungschef Artur Mas (CiU) stimmen – auch gegen den Willen Madrids.

Frei und unabhängig

Wie stark dieser Wunsch nach Unabhängigkeit ist, zeigt der Fall der Kleinstadt Sant Pere de Torelló: Am 3. September dieses Jahres gaben sich die Stadträte den Status eines freien katalanischen Territoriums. Etliche Dörfer folgten dem Beispiel. So auch Gallifa. Am 28. September rief Bürgermeister Fornes zur Abstimmung auf: «Bei einer Wahlbeteiligung von 51 Prozent sprachen sich 82 Prozent für die Unabhängigkeit aus, zehn dagegen.» Somit gilt auch Gallifa – inoffiziell – als frei und unabhängig. Der kommende Sonntag könnte diesen Status ändern, denn das Parlament der autonomen spanischen Region Katalonien wird im Anschluss an die Regionalwahlen über das Unabhängigkeits-Referendum abstimmen.

Erstellt: 22.11.2012, 12:58 Uhr

Bürgermeister der Rebellen

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