Aus Despoten machte er Helden

Paul Manafort hat in der Ukraine Dutzende Millionen Dollar verdient. Er lobbyierte dort aber nicht für Russland, sondern für den Westen.

US-Präsidenten von Reagan bis Trump zählten genauso zu Paul Manaforts Kunden wie Diktatoren aus Afrika, Asien und Osteuropa. Foto: Win McName (Getty Images)

US-Präsidenten von Reagan bis Trump zählten genauso zu Paul Manaforts Kunden wie Diktatoren aus Afrika, Asien und Osteuropa. Foto: Win McName (Getty Images)

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Paul Manafort gilt als der Mann, der viel – oder zu viel – weiss über Donald Trump und dessen Verbindungen nach Russland. Er war Trumps Wahlkampfmanager, musste den Job aber bald wieder aufgeben, weil ihm vorgeworfen wurde, Geld aus Russland angenommen zu haben. Letzten Monat ist er wegen Finanzbetrug, Steuerhinterziehung und Verschwörung gegen die USA angeklagt worden. Dabei ging es jedoch nicht um Geld aus Russland, sondern aus der Ukraine. Bezahlt wurde es von Wiktor Janukowitsch, dem Präsidenten, der 2014 von der Maidan-Revolution aus dem Amt gejagt worden war.

Manaforts Engagement in der Ukraine begann bereits zehn Jahre vor diesem Aufstand. Der Kreml hatte 2004 in einer dilettantischen Wahlkampagne versucht, den russlandfreundlichen Janukowitsch zum ukrainischen Präsidenten zu machen. Es ging darum, den abtretenden Leonid Kutschma zu ersetzen und dessen Familiensilber zu retten. Wladimir Putin besuchte Janukowitsch, versprach Geld. Das Ziel Moskaus war klar: Man wünschte sich eine nähere Anbindung der Ukraine an die Eurasische Union, ein Prestigeprojekt Putins, in dem er möglichst viele ehemalige Sowjetrepubliken vereinen wollte. Zudem sollte Janukowitsch, eng verbandelt mit den Oligarchen in der Ostukraine, dafür sorgen, dass die Geschäfte der russischen Magnaten im Nachbarland nicht gestört werden.

Von den USA präparierte Orangen

Laut Wahlkommission gewann Janukowitsch die Präsidentenwahl 2004 mit gut 49 Prozent der Stimmen, doch ganz offensichtlich hatte es bei dem Urnengang Manipulationen gegeben. Ein Proteststurm brach los. Erst kamen Tausende, dann Zehntausende und zuletzt Hunderttausende Menschen auf den Unabhängigkeitsplatz. Sie wollten sich den Sieg gegen die alte, korrupte Garde nicht stehlen lassen. Die Orange Revolution war geboren.

Nach wochenlangen Protesten erklärte das ukrainische Verfassungsgericht die Wahl schliesslich für ungültig. Bei der Neuwahl gewann der Kandidat der Opposition, Wiktor Juschtschenko, klar gegen Janukowitsch, der auf dem Tiefpunkt seiner Karriere angekommen war. Er stand als Wahlfälscher da, der mit der kleptokratischen Elite gemeinsame Sache machte, ein ungebildeter Mensch, der sich selber als Professor bezeichnete, das Wort aber nicht fehlerfrei schreiben konnte. Ein Mann, der wegen Schlägereien im Gefängnis sass und wegen seiner russischen Muttersprache nicht mal richtig Ukrainisch spreche, höhnte die Opposition. Als seine Frau im ukrainischen Fernsehen erklärte, die Demonstranten in Kiew hätten mit Drogen präparierte Orangen aus dem USA gegessen, johlte das Land und war sich einig: Janukowitsch war politisch ein toter Mann.

Doch es kam ganz anders. Janukowitsch und seine in der russisch geprägten Ostukraine verwurzelte Partei der Regionen kehrten den Beratern aus Moskau den Rücken, die Janukowitsch ins Debakel geführt hatten, und heuerten eine amerikanische Beraterfirma an, angeführt von Paul Manafort, Trumps späterem Wahlkampfmanager. Der Amerikaner war Janukowitsch offenbar vom ostukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow empfohlen worden, damals der reichste Mann des Landes und Janukowitschs Financier. Manaforts Name wurde erst 2014 publik, als man die schwarze Kasse von Janukowitschs Partei fand, über die Manafort zumindest teilweise bezahlt worden war. 12 Millionen seien auf den US-Berater gebucht worden, hiess es damals. Heute wird die Zahl wesentlich höher veranschlagt. Manafort soll von Janukowitsch laut ukrainischen Geheimdienstinformationen bis zu 600 000 Dollar pro Monat bekommen haben.

Neuer Haarschnitt und Ukrainischkurse

Doch der amerikanische Berater dürfte für Janukowitsch jeden Dollar wert gewesen sein, denn der abgehalfterte Politiker machte rasch eine erstaunliche Wandlung durch. Manafort schickte den hölzernen und gänzlich uncharismatischen Mann zum Haareschneiden, in den Ukrainischkurs und in die Rhetorikschulung. Janukowitsch sprach nun immer öfter Ukrainisch, er gab sich amerikanisch locker und ging langsam zu Moskau auf Distanz. Er versprach den Wählern plötzlich, gegen die Korruption der Kutschma-Ära anzukämpfen, den Anschluss an den Westen zu suchen, und stilisierte sich zum Garanten der Stabilität.

In den USA besorgte Manafort politische Unterstützung für seinen Mann in Kiew. «Ich bin nicht nur für die Wahlen hier», sagte er damals der «New York Times», «ich versuche eine konstruktive Rolle bei der Demokratisierung des Landes zu spielen. Ich helfe dabei, eine politische Partei aufzubauen.» Janukowitschs Partei der Regionen, «lange ein Sammelbecken für Donezker Gangster und Oligarchen», werde gerade einem «extremen Imagewechsel» unterzogen, schrieb der US-Botschafter John Herbst 2006 nach Washington, wie sich auf Wiki­leaks nachlesen lässt. Die «Schönheitsoperation» werde von Manafort und seinen Leuten ausgeführt.

Die Verwandlung des Wiktor Janukowitsch kam bei den Wählern an: Seine Partei der Regionen gewann 2006 die Parlamentswahlen, der Verlierer von einst wurde Premierminister und gewann 2010 schliesslich die Präsidentenwahl und schlug Julija Timoschenko und Wiktor Juschtschenko, seine Herausforderer der Orangen Revolution. Juschtschenko hatte ebenfalls eine amerikanische PR-Firma angeheuert, geführt von Stan Greenberg, dem Ex-Wahlkampfchef von Bill Clinton. Doch Manafort war ganz offensichtlich effektiver. Der Wahlsieg Janukowitschs war eine Demütigung sondergleichen für Juschtschenko, Timoschenko und alle, die 2004 auf dem Maidan gestanden hatten. Nach der Wahl blieb Janukowitsch beim von Manafort ausgearbeiteten Kurs. Er führt die Verhandlungen mit der EU für ein Assoziierungsabkommen weiter. Damit hatte Manafort Putins Mann in Kiew praktisch von Osten nach Westen gedreht, dem Kreml kann das nicht recht gewesen sein.

Manafort hat Putins Mann in Kiew von Osten nach Westen gedreht, dem Kreml kann das nicht recht gewesen sein.Source

Als der ukrainische Präsident 2010 seine Widersacherin Julija Timoschenko verhaften liess, bügelte Manafort den Schaden so gut wie möglich aus. Bei einer New Yorker Anwaltskanzlei wurde laut ukrainischen Informationen ein «unabhängiger» Bericht bestellt, für den die Ukraine über schwarze Kassen bis zu vier Million Dollar bezahlt haben soll. Das Papier stellte Janukowitsch und der ukrainischen Führung einen Persilschein aus: Das Verfahren gegen Timoschenko sei nicht politisch motiviert.

Doch als es Ende 2013 darum ging, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen, das eine Annäherung an Russland explizit ausschloss, knickte Janukowitsch ein. Der Druck aus Moskau war kurz vor Verhandlungsabschluss massiv gestiegen. Es dürfte auch Drohungen gegeben haben: Etwa, dass man Unruhen im EU-kritischen Osten schüren werde, wie sie dann nach der Maidan-Revolution tatsächlich ausbrachen. Alle hätten Janukowitsch bestürmt, den «verdammten Vertrag» zu unterzeichnen, sagt ein einstiger Mitarbeiter Manaforts in Kiew. Doch der Präsident hörte nicht mehr auf seinen Berater und liess nach tagelangen Strassenschlachten auf die Demonstranten schiessen. Über hundert Menschen starben. Der Präsident flüchtete über Nacht nach Russland, und die neue Riege übernahm die Macht in Kiew. Der Kreml nutzte die Instabilität für sich und annektierte im März 2014 die ukrainische Halbinsel Krim.

«Unser Geld ist Blutgeld»

Doch nicht einmal von diesen dramatischen Entwicklungen liess sich Manafort beeindrucken: Nach dem Machtwechsel zimmerte er aus den Trümmern von Janukowitschs Partei einen Oppositionsblock, der bei den Parlamentswahlen 2014 wider Erwarten 10 Prozent der Stimmen machte. Doch auch die Gegenseite soll er bedient haben: Laut ukrainischen Berichten hat Manafort die Wahlkampagne des Kiewer Bürgermeisters und einstigen Boxweltmeisters Witali Klitschko begleitet. So soll etwa der Auftritt Klitschkos mit der Mütze der neuen Kiewer Polizei, deren Uniform ganz den amerikanischen Cops nachempfunden ist, seine Idee gewesen sein. Klitschko bestreitet die Zusammenarbeit.

Anfang Jahr wurde das Handy von Manaforts Tochter Andrea gehackt und ihre Mails aufs Dark­net gestellt. «Lass dir nichts vormachen», wird aus einem Brief von Andrea an ihre Schwester Jessica zitiert, «unser Geld ist Blutgeld.» Ihr Vater habe Menschen getötet in der Ukraine. Doch Janukowitsch war keineswegs Manaforts einziger schwieriger Kunde. Der Amerikaner arbeitete für den Kleptokraten Ferdinand Marcos auf den Philippinen, der sein Volk um rund zehn Milliarden Dollar betrogen hat, Zehntausende foltern und Tausende töten liess. Manafort stilisierte ihn in Washington zum Demokraten. Auch dem Despoten Mobutu Sese-Seko im damaligen Zaire hat Manafort das Image poliert. Als durchschnittliches Honorar verbuchte er eine Million Dollar pro Jahr.

Ein besonders zentrale Rolle spielte Manafort in Angola. Er machte in Washington rund 40 Millionen Dollar für politische und militärische Unterstützung für den Warlord Jonas Savimbi locker. Im Kalten Krieg war Angola ein Spielball der Supermächte: Die Sowjetunion unterstützte die marxistische Regierungspartei, die USA stellten sich auf die Seite der oppositionellen Unita. Nach dem Untergang der Sowjetunion fanden 1992 die ersten freien Wahlen statt, welche die Regierungspartei gewann. Doch Manaforts Schützling anerkannte den demokratischen Entscheid nicht und kehrte zu den Waffen zurück. Dennoch verkaufte der Lobbyist Savimbi, dem massive Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden, als antikommunistischen Freiheitshelden. Kritiker in Washington sagen, Manafort sei persönlich für die Verlängerung des blutigen Krieges in Angola verantwortlich, weil er immer neue Waffenlieferungen organisiert und so Friedensverhandlungen torpediert habe. Der Krieg endete erst mit dem Tod Savimbis 2002.

«Er hat keinen moralischen Kompass», schreibt Riva Levinson, eine ehemalige Mitarbeiterin Manaforts, in der «Washington Post». Die Welt sei für ihn nur ein «strategisches Spiel», Kollateralschäden interessierten ihn nicht. «Ausländische Regierungen und andere politische Interessengruppen waren bereit, Millionen zu zahlen, um mit den USA verbündet zu sein. Wir haben alles gemacht», schreibt Levinson. Manafort habe Kongressdelegationen und Staatsbesuche seiner Schützlinge in Washington organisiert, für prominente Berichterstattung in den Medien gesorgt. «Was immer nötig war.»

Dabei konnte Manafort in Washington auf sein dichtes Beziehungsnetz zurückgreifen. Denn er hat eine ganze Reihe prominenter Republikaner beraten, unter ihnen auch US-Präsidenten: Gerald Ford, Ronald Reagan, George H. W. Bush. Und natürlich Donald Trump, der nur lobende Worte für Manafort hat und ihn als «guten Mann» bezeichnet.

Erstellt: 16.11.2017, 18:08 Uhr

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