Von der Ukraine nach Syrien – aus Langeweile

Wenn Waffen schweigen, haben Kämpfer wenig zu tun. Vor allem Kommandeure der prorussichen Rebellen suchen sich einen neuen Konflikt.

Wenn Krieg zur Routine wird: Ein Kämpfer der prorussischen Separatisten in der Ostukraine. (28. Februar 2015)

Wenn Krieg zur Routine wird: Ein Kämpfer der prorussischen Separatisten in der Ostukraine. (28. Februar 2015) Bild: Reuters

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Seit mehr als einem Monat schweigen in der Ostukraine die Waffen – und bisherige Kämpfer der prorussischen Separatisten machen sich Gedanken über ihre Zukunft. Sie fragen sich, ob der bewaffnete Konflikt wieder aufflammen könnte, ob sie in ein ziviles Leben zurückkehren oder aber sich als Söldner in Syrien verdingen sollten.

«Es gibt keine Kämpfe mehr – nun sind einige gelangweilt», sagt der bärtige Rebellenkämpfer Turok, zu Deutsch «der Türke», der Nachrichtenagentur AFP. «Die Jungs schlagen mir vor, nach Syrien zu gehen, dort ist es warm», fügt er hinzu.

Die Kämpfe zwischen Separatisten und der Armee in der Ostukraine wurden nach 18 Monaten Anfang September eingestellt. Vorwürfe Kiews und des Westens, dass Moskau die Rebellen mit Waffen und Soldaten unterstütze, weist Moskau seit jeher zurück. Allenfalls seien freiwillige Kämpfer vor Ort, heisst es. Seit Ende September fliegt Russland Angriffe in Syrien – angeblich wie die US-geführte Militärallianz auf die Jhihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Der Westen bezweifelt dies aber und gibt an, dass vor allem andere gegen die Regierung kämpfende Rebellen bombardiert werden.

Unterstützung für Assad

Turok sagt, es seien bereits zahlreiche Kämpfer nach Syrien gereist, um die russische Armee und die Truppen von Staatschef Bashar al-Assad zu unterstützen. Unter ihnen sei auch der bekannte Rebellenkommandeur und gebürtige Russe Motorola, der im April angab, er habe 15 gefangene ukrainische Soldaten getötet. «Jeder weiss, dass Motorola nach Syrien gegangen ist, weil er in der Volksrepublik Donezk wegen der Zerstörung des Flughafens gesucht wird», sagt Turok. Örtliche Medien bestreiten dies jedoch. Motorola selbst äussert sich auf AFP-Anfrage nicht.

Soll auch in Syrien sein: Arsene Pavlov (l.), besser bekannt unter seinem Nom de Guerre Motorola, bei einer Parade im Donetsk im Mai. (Foto: EPA, 2015)

Offiziell bestätigen die Separatisten Berichte über die Abreise von Kämpfern nach Syrien nicht. Auch von unabhängigen Beobachtern liegen dazu keine gesicherten Erkenntnisse vor. Russland selbst schliesst einen Einsatz von Bodentruppen in Syrien bislang aus. Der Vorsitzende des parlamentarischen Verteidigungsausschusses in Moskau, Wladimir Komojedow, rechnet jedoch mit prorussischen Söldnern aus der Ostukraine am Boden. Laut der Nachrichtenagentur Interfax hält er eine solche Entwicklung sogar für «sehr wahrscheinlich».

Kein «massenhafter» Exodus

Der russische Militäranalyst Pawel Felgenhauer beurteilt dies allerdings skeptisch. Selbst wenn einige Rebellenkämpfer aus der Ostukraine nach Syrien gingen, sei nicht mit einem «massenhaften» Exodus zu rechnen. Es sei «unwahrscheinlich, dass es im Donbass Schiiten gibt, die nach Syrien gehen und dort gegen Sunniten kämpfen». Söldner aus der Ostukraine würden in Syrien als «christliche Kreuzfahrer» angesehen und wären dort «allen in den Konflikt verstrickten Parteien verhasst», sagt Felgenhauer.

Turok gibt zu, dass sich bislang vor allem Kommandeure aus den Reihen der prorussischen Rebellen verabschiedet hätten. Einfache Kämpfer werden nach seiner Einschätzung eher nicht nach Syrien reisen. «Leute von hier kehren ins zivile Leben zurück und suchen sich Arbeit in der Stadt», sagt Turok. Er selbst glaube ohnehin, dass die Waffenruhe nur vorübergehend sei «und wir hier noch weiter kämpfen müssen». «Solange die Volksrepublik Donezk nicht die gesamte Donezker Region kontrolliert, wird der Kampf fortgesetzt», ist er überzeugt.

Klar ist jedoch, dass Moskaus militärisches Vorgehen in Syrien derzeit den Konflikt in der Ostukraine in den russischen Medien überlagert. «Alle haben genug vom Donbass, die Aufmerksamkeit gilt nun Syrien», sagt auch Rebellenkämpfer Konstantin. Vielleicht werde sich dies aber auch wieder ändern, immerhin sei weiter russische Unterstützung vor Ort. Grosse Sorgen bereitet den Rebellen in Donezk derzeit ein ganz anderes Problem. «Viele Kämpfer fangen an zu trinken», sagt der Kämpfer Andrej und ergänzt: «Die Russen wollen zwar die Disziplin bewahren, aber das gefällt nicht allen.» (spu/AFP)

Erstellt: 10.10.2015, 20:00 Uhr

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