Baby-Kurz fährt auf der Überholspur

Der Wahlkampf von Sebastian Kurz läuft alles andere als rund. Nun sorgt auch noch eine allzu freundliche Biografie für Spott und Hohn.

In Umfragen zu den Wahlen vom 29. September liegt die ÖVP klar in Front: Sebastian Kurz, der alte und vermutlich künftige Kanzler Österreichs.

In Umfragen zu den Wahlen vom 29. September liegt die ÖVP klar in Front: Sebastian Kurz, der alte und vermutlich künftige Kanzler Österreichs. Bild: Keystone

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So stellt sich Österreichs ehemaliger Kanzler Sebastian Kurz selbst gern dar: als Denker, der manchmal so sehr auf das Wohl der Bürger und des Landes konzentriert ist, dass er alles rund um sich herum vergisst. Und so sieht ihn auch die Autorin der ersten «offiziellen Biographie», wie der Titel lautet.

Die Wiener Journalistin Judith Grohmann begegnet Kurz zum ersten Mal, als er Aussenminister ist. Während eines Termins bei seinem Pressesprecher sieht sie ihn in der Tür stehen, «vertieft und in Gedanken versunken (...) Vielleicht dachte er ja über die aktuelle Politik in Österreich nach oder über eine Bemerkung aus den eigenen Reihen, die er erst verdauen musste (...) Es war ein besonderer Augenblick für mich. Denn ich sah einen Politiker bei seiner täglichen Arbeit, versunken in Gedanken über die beste Strategie.»

Aus dem ersten Eindruck von vor mindestens zwei Jahren ist ein ganzes Buch geworden. Jetzt kommt «Sebastian Kurz – die offizielle Biographie» in den Buchhandel. Aber wie so manches im Wahlkampf der Österreichischen Volkspartei ist auch dieses Projekt aus dem Ruder gelaufen. Statt Bewunderung oder wenigstens wohlwollende Aufmerksamkeit sorgt Grohmanns Kurz-Biografie schon vor dem Erscheinen für beissenden Spott. In den sozialen Medien kursieren an die Bastei-Liebesromane angelehnte Cover-Versionen, Kabarettisten planen eine Lesung mit den kitschigsten Zitaten.

Selbst der ÖVP soll das Buch peinlich sein

Ganz unschuldig ist der Münchner MVG-Verlag an dieser Negativwerbung nicht. Er verschickte in den vergangenen Wochen an ausgewählte Journalisten als Leseprobe ausgerechnet eine besonders bizarre Stelle, in der die Autorin die ersten Monate im Leben des Sebastian Kurz schildert, als «Baby, das auf der Überholspur fuhr. Denn Kurz war in seiner Entwicklung anderen Kindern um Längen voraus. Während die meisten Babys mit 12 bis 18 Monaten das Laufen erlernten, konnte Sebastian Kurz bereits mit 10 Monaten gehen. (...) Aber damit nicht genug: Die ersten kompletten Sätze sprach der kleine Sebastian Kurz bereits mit einem Jahr und stellte damit viele andere Kinder in den Schatten.» Selbst der ÖVP sei das Buch peinlich, weiss der «Standard» zu berichten.

Wahlkampf in Österreich: Sebastian Kurz im ORF-Sommergespräch. Quelle: Youtube/SebastianKurz

Grohmann will während der Arbeit an der Biografie sehr viel über Kurz gelernt haben. Bei so viel Nähe hätte sie sicher interessante Antworten auf wichtige Fragen liefern können: Warum verehren so viele Österreicherinnen und Österreicher den jungen Mann wie einen Heiland? Was will Kurz wirklich, ausser Macht? Grohmanns Antworten könnten auch aus der Medienzentrale der ÖVP kommen.

Dazu ein Zitat aus Grohmanns Kurz-Biografie: «Politik ist für ihn kein Job, sondern eine Berufung. Etwas, was ihn zur Gänze ausfüllt, vom Aufstehen am Morgen bis tief in die Nacht hinein. Sebastian Kurz ist kein typischer Machtmensch, sondern vielmehr ein bodenständiger Mann, der seine Arbeit als seine Raison d’être sieht.» Auch diese Einschätzung findet sich im ganz auf Kurz zugeschnittenen Wahlkampf der ÖVP wieder: «Einer, der am Boden bleibt» steht auf den Wahlplakaten.

«Kurz macht es Freude, seinem Land zu dienen»

Sie sei «kein Kurz-Groupie», versichert Grohmann im Gespräch mit dieser Zeitung. Für ihre Arbeit an der Biografie sei es wichtig gewesen, «ein Gefühl für Menschen zu haben und realistisch zu bleiben». Dabei wirken ihre Beschreibungen des Politikstars so, als kämen sie direkt aus der Medienzentrale der ÖVP. Sie beschreibt den Ex-Kanzler nicht nur als guten Zuhörer («was alle bestätigen, die ihn je trafen»), sondern auch als «selbstkritisch, selbstironisch, selbstreflexionsfähig». Das sind jedoch Charakterisierungen des jungen Altkanzlers, die man ausserhalb der ÖVP selten hört.

Nach dem Ibiza-Skandal funktioniert die Message-Control der ÖVP nicht mehr so perfekt wie zuvor.

Im Gespräch zählt die Autorin die Leistungen von Kurz als Kanzler auf: Schuldenpolitik beendet, Steuerlast für Kleinverdiener reduziert, Erfolge im Kampf gegen die illegale Migration. Zufällig steht das auch genau so auf der Website des Spitzenkandidaten Kurz. Und so erzählen es auch die Fans auf seinen Wahlkampfveranstaltungen. Kurz sei «ein Politiker, dem es grosse Freude macht, seinem Land dienen zu dürfen», sagt Grohmann. «Er möchte etwas tun für die Menschen. Kurz ist kein Wichtigtuer.»

Beurteilungen von Kurz durch Oppositionspolitiker, kritische Journalisten oder Vertreter nicht staatlicher Organisationen blendet Grohmann weitgehend aus. Der von Kurz von der Spitze der ÖVP mit eiskalter Präzision verdrängte ehemalige Vizekanzler Reinhold Mitterlehner hat über seine Entmachtung ein ganzes Buch geschrieben. Das kommt in der «offiziellen Biographie» nur am Rande vor.

Kurz’ «besondere Beziehung» zu den Medien

Die Kritik des ehemaligen Journalisten Helmut Brandstätter, der nun für die Partei Neos kandidiert, hält die Autorin für «kindisch». Brandstätter schrieb auch ein Buch über den ehemaligen Kanzler und den ehemaligen FPÖ-Innenminister Herbert Kickl. In «Kurz & Kickl» beschreibt er massive Interventionen der Medienstellen der Politiker bei Redaktionen. Das sei «Blödsinn», sagt Kurz-Biografin Grohmann. «Kurz ist der letzte Politiker, der auf einer Redaktion anruft und sich beschwert. Es ist nicht gut, Leute zu denunzieren, wie es Brandstätter in seinem Buch macht.» Überhaupt habe Kurz «eine besondere Beziehung zu allen österreichischen Medien».

«Unser Weg hat erst begonnen» lautet ein Wahlslogan der ÖVP: Sebastian Kurz bei einem Wahlkampfauftritt in Ried. Foto: Reuters

Die Wochenzeitung «Falter» präsentierte kürzlich eine angeblich geheime doppelte Buchführung der ÖVP. Um das gesetzlich vorgeschriebene Limit der Wahlkampfkosten nicht zu überschreiten, wurden etliche hohe Posten einfach rausgenommen und allgemeinen Kosten zugeordnet. Die Enthüllung war für die ÖVP ziemlich unangenehm, weil sie schon zuvor der Lüge um ihr Wahlkampfbudget 2017 überführt worden war und zudem hohe Spenden der Milliardärswitwe Heidi Horten aufgetaucht waren – in kleine Beträge gestückelt, um eine offizielle Meldung zu vermeiden.

Die ÖVP reagierte wie immer bei Enthüllungen mit einer Vorwärtsstrategie und enthüllte ihrerseits an einer Medienkonferenz einen angeblichen Hackerangriff, bei dem Daten gestohlen und manipuliert worden seien. Die «besondere Beziehung» zu den Medien zeigte sich in diesem Fall durch einen Ausschluss der «Falter»-Journalistin von der Medienkonferenz.

Nimbus des Unbesiegbaren ist verschwunden

Die Kurz-Biografie war wohl als Begleitmusik zu einer langen und glorreichen Kanzlerschaft gedacht. Ein Geschenk für den riesigen PR-Apparat, den Kurz im Kanzleramt aufgebaut hatte. Doch Kurz ist nicht mehr Kanzler, und seine PR-Berater sind nicht mehr im Dienst. Nach dem Ibiza-Skandal funktioniert die Message-Control der türkisen ÖVP nicht mehr so perfekt wie zuvor. Kurz tourt wie schon 2016 durch die Festzelte und Messehallen des Landes, steigt mit seinen Fans auf Berggipfel und besucht sie in den Altersheimen. Tausende jubeln ihm zu, tragen Gewand in der Parteifarbe Türkis, lackieren ihre Fingernägel türkis, stellen sich für Selfies mit dem Kandidaten an. «Fast einen Personenkult» nennt das die Kommunikationsexpertin Nina Hoppe in einem Essay: Kurz gebe den Takt vor, «er ist die Bildersprache der Partei, ohne ihn funktioniert die neue Volkspartei nicht».

Mit dem Ende der Kurz-Regierung nach nur 525 Tagen ist der Nimbus des unbesiegbaren, perfekten Kanzlers verschwunden. Im Wahlkampf passieren taktische Fehler, interne Informationen zu den Parteifinanzen dringen nach aussen. Kurz muss sich rechtfertigen, warum er Transparenz gelobte, aber dann millionenschwere Wahlkampfspenden verschwieg. Die Inszenierung seiner öffentlichen Auftritte gerät ab und zu ausser Kontrolle. Wenn sich Kurz nun von einem selbst ernannten Prediger segnen lässt oder sich bei Rentnern etwas zu kumpelhaft erkundigt, ob sie schon zu Mittag gegessen hätten, dann gibt das höhnisches Gelächter in den sozialen Medien.

Aufgepeppte Biografie der Autorin

Auch die neue Biografie dürfte der ÖVP eher Kopfschmerzen bereiten. Besonders, seit herausgekommen ist, dass Autorin Grohmann den eigenen Lebenslauf auf ihrer Website ziemlich beschönigt hat: Dort stellt sie sich nicht nur als die jüngste Investigativjournalistin des Landes dar, sondern auch als ehemalige Redaktorin in leitenden Funktionen beim Wochenmagazin «Profil» und bei der Tageszeitung «Die Presse». Beide Medien dementieren: Grohmann sei lediglich eine Zeit lang freie Mitarbeiterin gewesen. Auf Nachfrage verteidigt sich die Autorin: «Wir befinden uns mitten im Wahlkampf. Kurz ist der Spitzenkandidat der stärksten Partei. Offenbar versucht eine Gruppe, das Buch und Kurz abzuwerten. Daraus resultiert auch der Versuch, meine wahre Biografie zu desavouieren.» Die ÖVP wollte zur Angelegenheit keine Stellung nehmen. Offensichtlich haben die Partei und ihr Vorsitzender die Biografie autorisiert, ohne die Selbstdarstellung der Autorin zu hinterfragen.

Die ÖVP kommt zurzeit auf 35 Prozent, hat also einen Vorsprung von über 14 Prozent auf SPÖ und FPÖ.

Freilich: In den Umfragen zu den vorgezogenen Parlamentswahlen am 29. September wirkt sich das alles kaum aus. Kurz liegt in der Kanzlerfrage unangefochten an der Spitze. Seine ÖVP kommt zurzeit auf 35 Prozent, hat also einen Vorsprung von mehr als 14 Prozent auf SPÖ und FPÖ. Je stärker der Druck von aussen, desto geschlossener steht die Kurz-Partei zusammen: Der Spitzenkandidat stilisiert sich nun zum Opfer einer Schmutzkübelkampagne. «Alle gegen Kurz», heisst es nun in der Partei.

Die ÖVP nimmt damit Anleihen bei Jörg Haider, der sich ebenfalls als Opfer des Mainstreams darstellte: «Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist.» Sie – das sind die Parteien, die Journalisten, die Elite. Ihr – das ist das Volk. Kurz ist ein gelehriger Schüler: «Das Parlament hat bestimmt, das Volk wird entscheiden», liess er nach der Abwahl seiner Regierung plakatieren. Und Kurz hat noch einen weiteren, typisch populistischen Slogan von Haider eins zu eins übernommen: «Einer, der unsere Sprache spricht».

Autorin Grohmann sagt, sie wisse nun sehr, sehr viel über Kurz. «Ich könnte mehrere Bücher schreiben.» Aber das findet sie dann selbst ein wenig übertrieben.

Erstellt: 10.09.2019, 16:36 Uhr

«Ich bin kein Kurz-Groupie»: Judith Grohmann, Journalistin aus Wien, ist Autorin des Buchs «Sebastian Kurz. Die offizielle Biografie», Münchner Verlagsgruppe (MVG), München.

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