Barcelona demonstriert weiter

Dass die Proteste vom Wochenende friedlicher waren, offenbart, wie zerstritten das Lager der Separatisten ist.

Solidarität mit verurteilten katalanischen Politikern in Barcelona. Foto: Jeff J. Mitchell (Getty Images)

Solidarität mit verurteilten katalanischen Politikern in Barcelona. Foto: Jeff J. Mitchell (Getty Images)

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Auch am Wochenende hielten in Barcelona die Solidaritätskundgebungen für die zu langen Haftstrafen verurteilten Führer der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung an. Doch erlebte die katalanische Metropole zwei unterschiedliche Nächte: Während es in der Nacht zum Samstag zu einer heftigen Strassenschlacht zwischen mehreren Hundert vermummten Demonstranten und der Polizei gekommen war, verliefen die Kundgebungen am folgenden Abend weitgehend friedlich.

Auch in Madrid fanden sich am Samstag mehrere Tausend Personen zu einer Protest­demonstration gegen die drakonischen Urteile des Obersten ­Gerichts ein, das neun führende Separatisten wegen der Organisation des Referendums über die staatliche Unabhängigkeit der wirtschaftsstärksten Region Spaniens am 1. Oktober 2017 zu Haftstrafen zwischen neun und dreizehn Jahren verurteilt hatte.

Unruhige Nacht

In der Nacht zum Samstag hatte eine kleine Gruppe gewalttätiger Demonstranten Müllcontainer zu Barrikaden zusammengeschoben und angezündet. Die Ordnungshüter setzten Schlagstöcke ein, auf sie prasselten harte Gegenstände aller Art nieder, darunter kleine Eisenkugeln, die von Schleudern abgeschossen wurden. Erstmals kamen Wasserwerfer zum Einsatz.

Doch kam es auch zu Schlägereien unter Demonstranten, Verfechter der Unabhängigkeit Kataloniens prügelten sich heftig mit spanischen Nationalisten. Es war die unruhigste Nacht, seitdem am vergangenen Montag das oberste Gericht im fernen Madrid die Strafen für die führenden Separatisten verkündet hatte.

Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska sprach von rund 400 Gewalt­tätern, 54 von ihnen seien festgenommen worden. Die Krawalle hätten einen viel geringeren Umfang gehabt als befürchtet. Grande-Marlaska wies auch darauf hin, dass die Zahl der Teilnehmer an der vorangegangenen Kundgebung deutlich kleiner gewesen sei als bei Massenveranstaltungen der Separatisten noch vor wenigen Jahren. Der katalanische Regionalpräsident Quim Torra, einer der führenden Köpfe des Separatismus, sprach von einer «kleinen Zahl von Gewalttätern», die die Katalanen in Misskredit bringen wollten; bei einem beträchtlichen Teil handle es sich um «angereiste Provokateure».

Mit gefälschten Flugtickets und Fahrkarten, die über Netzwerke der Separatisten verbreitet wurden, sind Separatisten durch die Kontrollen vor den Gebäuden gelangt.

Bei der Kundgebung am Samstag kam ein Ordnungsdienst aus mehreren Hundert Freiwilligen zum Einsatz, die sich zwischen die Masse der Demonstranten und die Poli­zeieinheiten stellten. Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung mussten am Wochenende einräumen, dass die Aufrufe zu einem Generalstreik in Katalonien am Freitag nicht das erhoffte Echo gefunden hätten.

Viele Geschäfte waren geöffnet, der öffentliche Nahverkehr hatte einen Notdienst eingerichtet, die meisten Menschen waren an ihren Arbeitsplätzen erschienen. Auch waren die Behörden dieses Mal besser vorbereitet als zu Beginn der Woche: Am Dienstag hatten katalanische Aktivisten vorübergehend den Flug­hafen von Barcelona sowie die grossen Bahnhöfe der Region lahmgelegt, obwohl dort starke Polizeikräfte rechtzeitig Stellung bezogen hatten.

Die Aktivisten waren mit gefälschten Flugtickets und Fahrkarten, die über Netzwerke der Separatisten verbreitet wurden, durch die Kontrollen vor den Gebäuden gelangt. Die gewaltsamen Ausschreitungen zeigten indes, dass im Lager der Separatisten keine Einigkeit über das weitere Vorgehen herrscht. Während der katalanische Regionalpräsident Quim Torra mit Verweis auf die Massenkundgebung von Freitag, an der nach Angaben der Stadtpolizei von Barcelona 525'000 Menschen teilgenommen hatten, erklärte, seine Regierung werde am Unabhängigkeitskurs festhalten, rief Parlamentspräsident Roger Torrent die katalanischen Politiker dazu auf, für die Stabilität der Region zu sorgen.

Haftbefehl für Puigdemont

Torra gehört der erst im Januar gegründeten liberalkonservativen Partei «Ruf für die Republik» (CNxR) an, er gilt als Vertrauter des nach Belgien geflüchteten früheren Regionalpräsidenten Carles Puigdemont.

Torrent hingegen ist Mitglied der traditionsreichen Republikanischen Linken Kataloniens (ERC). Deren Vorsitzender Oriol Junqueras, der als Hauptorganisator des verbotenen Referendums zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hatte erklärt, für das Ziel der staatlichen Unabhängigkeit sei «die Zeit noch nicht gekommen». Die ERC ist darüber in einen Konflikt mit der Gefolgschaft Puigdemonts geraten. Die spanischen Behörden haben in der vergangenen Woche erneut einen internationalen Haftbefehl für Puigdemont ausgestellt, der derzeit in Waterloo bei Brüssel wohnt. Die belgischen Behörden haben darüber zu entscheiden.

In Madrid liess der sozialistische Premierminister Pedro Sánchez erklären, er sehe keinen Anlass, derzeit mit der katalanischen Regionalregierung unter Quim Torra über die Lage zu beraten. Torra müsse sich erst eindeutig von den Gewalttaten distanzieren. Dieser wiederum entgegnete, dass er nie Gewalt befürwortet habe.

Erstellt: 20.10.2019, 20:50 Uhr

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