Barcelona sucht den Ausweg

Am Wochenende vor der angekündigten Unabhängigkeitserklärung rufen in der katalanischen Hauptstadt Hunderttausende dazu auf, den Konflikt nicht weiter eskalieren zu lassen.

Spanier und Katalane zugleich, das geht: Ein Demonstrant in Barcelona im Trikot der spanischen Fussball-Nationalmannschaft und mit der katalanischen Flagge. Foto: Gonzalo Fuentes (Reuters)

Spanier und Katalane zugleich, das geht: Ein Demonstrant in Barcelona im Trikot der spanischen Fussball-Nationalmannschaft und mit der katalanischen Flagge. Foto: Gonzalo Fuentes (Reuters)

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Die beiden alten Männer, die sich auf ihre Gehstöcke stützen und wortlos das Treiben beobachten, könnten auf jedem spanischen Dorfplatz sitzen. Aber sie sitzen hier am Eingang zur Rambla in Barcelona, wo vor einigen Wochen ein Wahnsinniger im Höllentempo in die Menge fuhr. Seither schützen zwei quergestellte Vans der lokalen Mossos d’Esquadra und der Guárdia Urbana vor einer ungebremsten Einfahrt neuer Wahnsinniger. Davor stehen Polizisten mit Maschinenpistolen im Anschlag.

Wird sich Katalonien am Dienstag für unabhängig erklären?

Der eine beginnt zu strahlen und wendet sich freudig dem Reporter zu: «Ja, ich hoffe darauf, es lebe die Unabhängigkeit!» Er komme jeden Tag ins Zentrum, und Katalane sei er schon sein Leben lang.

Der andere steht ärgerlich auf: «Ich kanns nicht mehr hören», sagt er und verwirft die Hände, «die sollen von mir aus machen, was sie wollen!»

«60 Prozent sind hier gegen die Unabhängigkeit», sagt der Verkäufer von Süssigkeiten, Chips und Taubenfutter an seinem kleinen Stand auf der benachbarten Plaça Catalunya. Hier fanden bis Wochenbeginn die grossen Demonstrationen der Katalanisten statt, mit Hunderttausenden von Teilnehmern, zuletzt am Dienstag während des Generalstreiks. Jetzt haben die Tauben und Touristen den Platz zurückerobert.

Es kommen weniger Touristen

Der 62-Jährige ist «neutral», nichts kann ihn mehr erschüttern: «Die Tauben sind die wahren Independistas», sagt er, «kaum waren die Demonstranten weg, sind sie in grosser Zahl zurückgekehrt.» Sie erhalten ihm ausserdem das Geschäft aufrecht, denn die Zahl der Touristen hat in den vergangenen Tagen deutlich abgenommen, seit sich die Unruhen in der Region in deren Herkunftsländern herumgesprochen haben. Viele Hotels im Zentrum haben ihre Übernachtungspreise im Vergleich zu den vergangenen Wochen halbiert.

Ausländische Touristen dominieren in ihren geführten Gruppen zwar noch immer das Stadtbild in der Innenstadt, auf der Rambla, vor dem Gaudí-Haus, der Kathedrale und der Sagrada Família – womöglich wird sich nun das Problem der übermässigen Belastung der Stadtbewohner von selber lösen.

An diesem Wochenende demonstrieren die Anhänger des Dialogs und die Gegner der Unabhängigkeit auf Barcelonas Strassen und Plätzen. Weiss ist ihre Kleidung, wie in den sozialen Medien vereinbart, weiss die selbst gebastelten Pappschilder und Transparente: «Miteinander sprechen», steht darauf in den vier Sprachen Spanisch, Katalanisch, Galicisch und Baskisch – mit diesem Hashtag wurde landesweit über Twitter und Facebook für den Dialog mobilisiert.

«Das Weiss steht dafür, dass wir gegenüber jeder Flaggenfarbe misstrauisch sind», sagen zwei Biologielehrerinnen. Sie drängen sich mit gut 1000 weiteren Demonstranten auf dem Platz hinter der Kathedrale zwischen Rathaus und Regierungssitz; die engen Gassen beim Eingang sind unpassierbar. Die Schar steht so dicht gedrängt, dass selbst Hochzeitspaare auf ihrem Gang zum Standesamt kaum durchkommen. Dabei wird jedes Paar mit einer Ovation empfangen, schliesslich tragen auch die Bräute Weiss.

Kuss unter Schwulen

Am grössten ist der Applaus der Menge aber für ein schwules Traupaar in schwarzen Smokings. «Qué se besen!» («Sie sollen sich küssen!»), skandiert die Menge, dieser Aufforderung kommen sie gerne nach. Und immer wieder lassen die Demonstranten tausendfach ihre Hände in die Höhe schiessen, ihre Fingerbewegungen deuten auf- und zugehende Münder an. «Wir sind eigentlich unpolitisch», sagen zwei Bankangestellte, «aber die Politiker sollen endlich miteinander reden, sonst ist es irgendwann zu spät.» Die beiden jungen Frauen arbeiten bei der Caixa, der drittgrössten Bank Spaniens, die am Freitag angesichts der Unabhängigkeitsdrohung den Umzug ihrer Zentrale nach Valencia bekannt gab. Für sie wird sich vorderhand nichts ändern, und wenn die Politiker endlich miteinander reden, sind sie optimistisch: «Die Caixa wird zurückkommen, sie ist in ihrer Geschichte so eng mit dieser Region verbunden.»

Am Sonntag wird dann politisch demonstriert. Der lokale Flügel der Regierungspartei PP, die sie unterstützenden Cituadans und einzelne Vertreter der katalanischen Sozialdemokraten PSC haben zusammen mit Organisationen aus der Zivilgesellschaft im Bündnis «Societat Civil Catalana» zur Grossdemonstration aufgerufen. Der lange Zug mit katalanischen und spanischen Flaggen ruft zur Einheit auf; das Motto lautet «Prou! Recuperem el seny!» («Genug! Kommen wir zu Verstand!»). Ein straffer Ordnungsdienst sorgt dafür, dass keine franquistischen Symbole mitgetragen werden wie noch am Morgen beim Umzug von rechtsextremen Anhängern der Falange.

«Wir sind Katalanen und Spanier», sagt der Professor für Versicherungswirtschaft, der Handzettel an die Passanten verteilt. An der Schlusskundgebung rufen mehrere prominente Redner zur Einheit auf, darunter der Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Der Peruaner mit spanischem Pass warnt davor, dass Katalonien nach der Unabhängigkeit zum Drittweltstaat werden könnte. Vargas Llosa hat es sich mit den Independistas ohnehin verdorben, seit er sie in einer Kolumne als «taub» und «blind» bezeichnete.

Der angedrohte oder schon vollzogene Auszug katalanischer Banken und Firmen ist das grosse Thema an diesem Wochenende. Alle Medien griffen es am Samstag auf – die lokale «Vanguardia», die dem liberalen katalanischen Bürgertum nahesteht, am grössten und besorgtesten, denn genau auf diese Gefahr hatte sie stets hingewiesen. Gestern Sonntag drohte auch die Mediengruppe Planeta mit dem Umzug nach Sevilla oder Madrid, falls sich Katalonien für unabhängig erklärt.

Bereits beschlossen ist der Auszug der Bank Sabadell nach Alicante, der Konzern Gas Natural wird nach Madrid ziehen. Weitere Firmen, unter ihnen die Cava-Produzenten Freixenet und Codorniu, haben ebenfalls ihren Auszug im Fall der Unabhängigkeit angekündigt. Zusammen mit der Touristenflaute hat dieser Firmenexodus die Ängste um einen Konjunktureinbruch in der Region verstärkt. Sollten beide Seiten weiterhin auf Konfrontation setzen, so wird er nicht ausbleiben.

Ministerpräsident Rajoy hat keinen Zweifel offengelassen, dass er die Antworten auf neue katalanische Schritte Richtung Unabhängigkeit bereithält und je nach Grad der politischen Herausforderung «dosieren» wird: erst die Anrufung von Artikel 155 der Verfassung (er sieht für den Fall einer Staatskrise die Aufhebung der regionalen Autonomie vor), dann Ausnahmezustand, danach allenfalls sogar Kriegsrecht («estado de sitio») mit mehr Kompetenzen für die Armee. In diesem Fall stünden dann tatsächlich Panzer in Barcelona, wie es Falken unter den Ex-Militärs schon angedeutet haben.

Warten auf die Rede

Vorerst wartet man in wachsender Anspannung auf die Rede des katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont von morgen Dienstag. Angekündigt ist nicht, wie für Montag vorgesehen, die Unabhängigkeitserklärung im Parlament. Sie wurde vom spanischen Verfassungsgericht untersagt und würde von der Polizei verhindert. Angekündigt ist seine Rede ab 18 Uhr vor einem «Plenum» zur politischen Lage. Anhänger des Dialogs befürchten, dass sie zur Unabhängigkeitserklärung werden könnte. In diesem Fall wäre die Anrufung von Artikel 155 vonseiten Madrids gewiss.

«Ni 155, ni DUI» (weder Artikel 155 noch einseitige Unabhängigkeitserklärung) steht auf den Plakaten der Demonstranten vor dem Rathaus. Barcelona sucht nach einem Ausweg aus den Folgen der Eskalation: «Wir wissen nie im Voraus, was passieren wird», sagt ein Mann in der katalanischen Tracht vor der Kathedrale, «unsere Politiker haben stets improvisiert.»

Im Auftrag der Stadtverwaltung soll seine Gruppe mit Tänzen und Volksmusik den hier zahlreichen Touristen aus aller Welt die katalanische Kultur näherbringen. Turner schieben unter Holzgestellen Riesenfiguren in traditioneller Berufskleidung zu choreografisch inszenierten Tanzschritten übers Pflaster. Den «Gigants» aus dem Quartier Barceloneta, einst religiösen Ursprungs, schreibt man bis heute magische Kräfte zu. Puigdemont wird sie am Dienstag brauchen können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.10.2017, 21:28 Uhr

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