Berlin feierte, Moskau schlief

Als vor 25 Jahren die Berliner Mauer fiel, sind die Mächtigen im Kreml nicht geweckt worden. Auch der sowjetische Botschafter in Ostberlin schlief in jener Nacht tief und fest. Zum Glück.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war die Nacht des Igor Maximy­tschew. Die Nummer 2 in der sowjetischen Botschaft in Ostberlin hatte vom 9. auf den 10. November 1989 Dienst. Noch heute kann er sich an das Geräusch jener Nacht erinnern. Es war gleichmässig und hielt bis weit nach 24 Uhr an: Tausende Ostdeutsche schritten an der Botschaft vorbei zum Brandenburger Tor – und damit in Richtung Westberlin. Die Botschaft lag ganz in der Nähe an der Paradestrasse Unter den Linden. Heute beherbergt das palastartige Gebäude mit Innenhof die russische Gesandtschaft.

Maximytschew war damals der ranghöchste, der noch wach war. Sein Chef, Botschafter Wjatscheslaw Kotschemassow, war früh zu Bett gegangen. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihn zu wecken, die Beamten wohnten am Arbeitsplatz. Doch den Botschafter, eigentlich Moskaus Prokonsul in der DDR, weckte man nur, wenn es um Krieg und Frieden ging. Das wusste Igor Maximytschew. Und die Menschen vor den Fenstern zogen ja nicht in den Krieg.

Putins Missfallen

Am Grenzübergang Bornholmer Strasse war um 21:20 Uhr den ersten Ostdeutschen erlaubt worden, nach Westberlin auszureisen. Nun schwoll der Strom an. Der Gesandte Maximytschew beriet sich mit den Mitarbeitern, die noch da waren, vor allem mit Wladimir Grinin, dem heutigen russischen Botschafter in Berlin. Darüber berichtet die amerikanische Historikerin Mary Elise Sarotte in ihrem neuen Buch über den Fall der Berliner Mauer. Für «The Collapse: The Accidental Opening of the Berlin Wall» hat sich Sarotte auch mit Igor Maximy­tschew unterhalten.

Moskau minütlich zu informieren, war allerdings nicht Aufgabe der Botschaft, sondern des KGB. Der Geheimdienst betrieb in Berlin-Karlshorst den grössten Posten ausserhalb der Sowjetunion. Allein hier arbeiteten mehr als tausend Beamte. Dazu kamen Aussenstellen in der gesamten DDR. Auch in Dresden, wo Ende der 80er-Jahre KGB-Agent Wladimir Putin im Einsatz war.

Der junge Putin erlebte aus nächster Nähe, wie das kommunistische Imperium zusammenbrach: Am Sonntagabend, dem 8. Oktober, knüppelten in Dresden Polizei und Stasi eine Demonstration nieder und verhafteten Hunderte Dissidenten. Trotzdem wurden darauf die Demonstrationen überall in der DDR immer grösser. Die Regimegegner skandierten «Wir sind das Volk», und sie riefen zu Putins Missfallen nach seinem Chef, nach «Gorbi, Gorbi, Gorbi». Michail Gorbatschow, der mächtigste Mann der kommunistischen Welt, sollte also den ostdeutschen Demonstranten helfen, das eigene kommunistische Regime zu entsorgen – aus Putins Sicht eine absurde Forderung.

Doch bis zum Oktober 1989 war klar geworden, dass der sowjetische Regierungschef friedliche Reformen im Ostblock anstrebte. Nicht so Erich Honecker, der oberste Genosse der DDR. Als Ungarn am 11. September 1989 – nach Absprache mit Moskau – seine Grenzen öffnete, brach beim Zentralkomitee in Ostberlin Panik aus. Zehntausende DDR-Bürger flohen via Ungarn in den Westen. Das ZK appellierte an Moskau, die Ungarn unter Druck zu setzen. Vergeblich.

Honecker war im Sommer 1989 erkrankt. Der 77-jährige Staats- und Parteichef konnte auf die Ereignisse in seiner DDR nicht mehr reagieren. Gorba­tschow war das nur recht. Intern habe er Honecker mehrfach als «Arschloch» bezeichnet, schreibt Historikerin Sarotte. Am 18. Oktober wurde Honecker dann tatsächlich abgesetzt, und zwar vom eigenen Politbüro. Mit Egon Krenz folgte jedoch ein linientreuer Genosse.

Seit Beginn der Demonstrationen in der DDR hatten KGB-Agenten wie Putin regelmässig an die Geheimdienstzentrale in Moskau berichtet. Weit wichtiger aber war, Gorbatschow und die Führung im Kreml zu informieren, und das war Sache der Botschaft, der wichtigsten sowjetischen Einrichtung in der DDR. Für Igor Maximytschew eine delikate Aufgabe, denn dafür musste er seinen mächtigen Vorgesetzten um Erlaubnis bitten. Doch der «schlief tief und fest in dieser Nacht»; der Botschafter hatte ein Schlafmittel genommen.

Strafpredigt für KGB-General

Dazu kam die Zeitverschiebung. Als klar wurde, was da gerade passierte, war in Moskau Mitternacht schon vorüber – auch der Kreml schlief, während Berlin feierte. Und den Kreml zu wecken, war noch heikler als den Botschafter. «Wir hatten alle eine diffuse Angst, was passieren könnte, wenn wir jemanden mitten in der Nacht mit unseren Neuigkeiten störten», sagte Maximytschew. Zudem hätte ein unerfahrener Beamter, der in Moskau Nachtschicht schob, «ein Wirrkopf in der dritten oder vierten Reihe», Massnahmen ergreifen können, «welche wir später sehr bereut hätten».

Er ging davon aus, dass sich Moskau sofort von Politbüro zu Politbüro an Ostberlin gewandt hätte. Dabei war die ostdeutsche Kopie dogmatischer als das russische Original. Als etwa KGB-Offizier Leonid Schebarschin im April 1989 Ostberlin besucht hatte, musste er sich eine stundenlange Strafpredigt von Politbüromitglied Erich Mielke anhören. Der Stasi-Chef beklagte sich über die unentschlossene Reaktion auf die «feindlichen Attacken», womit er die Sympathien meinte, welche die Führer Polens und Ungarns Gorbatschow entgegenbrachten. Als Stalinist Mielke endlich innehielt, stellte Genosse Generalmajor Schebarschin konsterniert fest, er werde ja behandelt wie ein Angeklagter.

Mielke hatte für die Montagsdemonstranten die «chinesische Variante» gefordert: Die ostdeutsche Demokratiebewegung sollte niedergeschlagen werden wie jene auf dem Tiananmen-Platz im Juni. In der Nacht des 9. November schien die Gelegenheit gekommen, vorausgesetzt, Mielke bekam einen sowjetischen Hardliner ans Telefon. Ausserdem sprachen die ostdeutschen Apparatschiks nicht so gut Russisch. Während einer Krise mitten in der Nacht konnte dies fatale Folgen haben, gewollt oder ungewollt.

Kurz: Maximytschew kam zum Schluss, besser nichts tun als etwas, das leicht ausser Kontrolle geraten konnte. Rückblickend glaubt er, dass «ein einzelner Schuss in jener Nacht» zu einer weltweiten Katastrophe hätte führen können. Die Gefahr eines Blutbades sei sehr real gewesen, meinte ein führender KGB-Agent in Ostberlin. Auch Helmut Kohl schrieb später in seinen Memoiren, er habe erfahren, Gegner von Gorba­tschows Reformen im KGB und in der Stasi hätten das Chaos in Berlin als Vorwand benutzen wollen, die Rote Armee in Marsch zu setzen, um die Grenze wieder zu schliessen. In der DDR standen 380 000 sowjetische Soldaten.

Maximytschew tat also nichts. Weder er noch sonst jemand weckte den Botschafter. Und er telefonierte auch nicht mit dem Kreml. Umso mehr erwartete er, am Morgen von der Zentrale zu hören. So war es dann auch. Das halbe offizielle Moskau habe persönlich angerufen, erinnerte sich Maximytschew. Und alle Anrufer hätten dieselbe Frage gestellt: «Haben wir all das bewilligt?» Und er habe stets wahrheitsgetreu geantwortet: «Nicht wir. Aber vielleicht ihr in Moskau?»

Konfusion im Kreml

Inzwischen war Botschafter Wjatscheslaw Kotschemassow aufgewacht und übernahm die Kontrolle. Zunächst verlangte er von Egon Krenz, sofort zu rapportieren, was da passiert sei, und zwar nicht nur der Botschaft, sondern auch direkt nach Moskau. Der beflissene Krenz telegrafierte umgehend an Gorbatschow, seit 6 Uhr morgens sei die Grenze wieder unter Kontrolle. Das Gegenteil war der Fall: Menschenmassen strömten nach Westen, die Trabis stauten sich in Berlin und an der innerdeutschen Grenze. Das Regime war zusammengebrochen. Vollständig.

Im Westen rieb man sich die Augen ob der Überraschung, die Öffnung der Mauer wurde offiziell, wenn auch ungläubig begrüsst. Weltweit war Gorba­tschow der Held des Tages. Nur aus ­Moskau hörte man nichts. Im Kreml herrschte Konfusion. Fest stand einzig: Falls es eine Entscheidung gegeben hat, die Mauer zu öffnen, dann waren weder die sowjetische Führung noch deren Botschaft in Ostberlin daran beteiligt.

Was Gorbatschow nun beunruhigte, waren seine konservativen Widersacher in den sowjetischen Geheimdiensten und beim Militär. Diese Hardliner schienen entschlossen, mit Gewalt ihre Rechte in Ostdeutschland zu verteidigen. Als Folge des Zweiten Weltkriegs betrachteten sie ihre Präsenz in der DDR als legitim.

Gleichzeitig standen sich an der innerdeutschen Grenze Truppen der Nato und des Warschauer Pakts gegenüber. Auf beiden Seiten waren die nuklearen Mittelstreckenraketen startbereit. Gorbatschow liess deshalb noch am 10. November dem deutschen Bundeskanzler ausrichten, er solle ihm doch bitte beistehen, damit die unerwarteten Ereignisse in Berlin «nicht ausser Kontrolle gerieten». Helmut Kohl ging in sein Büro im Bonner Kanzleramt und griff zum Hörer. Die folgenden Stunden verbrachte er am Telefon, abwechslungsweise mit Gorbatschow und dem amerikanischen Präsidenten George H. W. Bush.

Michael Gorbatschow erhielt 1990 den Friedensnobelpreis. In seiner Heimat werfen ihm Kritiker bis heute vor, er habe die Sowjetunion untergehen lassen.

KGB-Agent Wladimir Putin ging nach Hause, voller Bedauern, dass «die Sowjetunion ihre Stellung in Europa verloren hat». Er begann seine politische Karriere, getrieben vom Wunsch, das untergegangene Imperium als russische Grossmacht wieder aufzurichten.

Auch Igor Maximytschew kehrte nach Moskau zurück. Er schrieb Bücher über europäische Politik. Putins aggressive Aussenpolitik heisst er ausdrücklich gut.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2014, 09:56 Uhr

Video


SED-Regime ändert Ausreisebestimmungen, Bürger überrennen Grenze: 3-minütige Dokumentation «1989 Mauerfall – Der 9. November» (Video: Gedächtnis der Nation/Youtube)

Bildstrecke

Früher Grenzwall, heute Ausstellungsstück:

Früher Grenzwall, heute Ausstellungsstück: Am Sonntag wird der Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren gefeiert. Aus diesem Anlass haben Reuters-Fotografen Bilder von Mauerstücken in aller Welt gemacht, die zum Symbol der Freiheit geworden waren.

Bildstrecke

Die Mauer löst sich in Luft auf

Die Mauer löst sich in Luft auf Die einstige Grenze in Berlin war für ein Wochenende wieder sichtbar.

Igor Maximy­tschew

Wladimir Putin

Artikel zum Thema

«Ich untersuchte diskret meinen Hosenladen»

Wie erlebten Schweizer Schriftsteller und Musiker in Berlin den Tag des Mauerfalls? Klar ist: Nicht allen war die historische Tragweite des Ereignisses bewusst. Mehr...

Berlin feiert den Mauerfall

Vor 25 Jahren ist die Mauer gefallen. Die deutsche Hauptstadt feiert am Wochenende mit einer riesigen Lichtinstallation, viel Prominenz – und Bratwurst fürs Volk. Mehr...

Das Erbe der DDR entzweit Deutschland

25 Jahre nach dem Mauerfall soll erstmals ein Politiker der Linken Ministerpräsident eines Bundeslandes werden. Der Fall erregt die Gemüter. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Flexibel einen Volvo nach Wahl fahren

Weil nicht alle ein eigenes Auto besitzen können oder wollen, bietet Volvo Car Rent «den Fünfer und das Weggli».

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Haben sich an ihren Lebensraum angepasst: Vier ausgewachsene Antilopen und ein Junges laufen in der Wüste Rub Al-Khali in Saudiarabien über den trockenen Boden. (19. Dezember 2018)
(Bild: VALDRIN XHEMAJ) Mehr...