«Die Schusswechsel dauern an»

Im Osten der Ukraine wachsen die Spannungen: In Donezk und anderen Städten besetzen oder beschiessen Bewaffnete Polizeizentralen. Die Regierung in Kiew kündigt eine «sehr harte Reaktion» an.

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Die Spannungen im Osten der Ukraine sind nach Regierungsangaben in Kämpfe zwischen prorussischen Aktivisten und Sicherheitskräften umgeschlagen. Prorussische Bewaffnete hätten in der Region Donezk Verwaltungs- und Polizeigebäude angegriffen, teilte Innenminister Arsen Awakow mit. Die Polizei habe zurückgeschossen. Awakow warf Russland eine «Aggression» vor. Präsident Alexander Turtschinow berief eine Sitzung des nationalen Sicherheitsrates ein.

Nach Angaben Awakows fanden in mehreren ostukrainischen Städten Kämpfe statt, vor allem in Kramatorsk und Krasnyi Lyman. Demnach griffen prorussische Bewaffnete in Kramatorsk ein Verwaltungsgebäude an. «Die Polizei hat zurückgeschossen», erklärte der Innenminister. «Die Schusswechsel dauern an.» Awakow zufolge griffen zudem «bewaffnete Kämpfer» in Krasnyi Lyman die Polizei mit «AK100-Waffen russischer Herstellung» an, die es «nur bei den russischen Streitkräften» gebe.

«Russland! Russland!»

«Die ukrainischen Behörden betrachten die Ereignisse des heutigen Tages als eine externe Aggression der Russischen Föderation», schrieb Awakow im Online-Netzwerk Facebook. Übergangspräsident Turtschinow berief für 21.00 Uhr Ortszeit (20.00 Uhr MESZ) den nationalen Sicherheitsrat ein.

Prorussische Bewaffnete stürmten in den vergangenen Tagen im Osten der Ukraine zahlreiche öffentliche Gebäude. Prorussische Bewaffnete übernahmen dann praktisch die Kontrolle über die Stadt Slawjansk. Dem Innenministerium zufolge besetzten Angreifer in Kampfanzügen am Morgen unter «Russland! Russland!»-Rufen dutzender Zivilisten das Polizeikommissariat und den Sitz des Geheimdienstes SBU. Sie stiessen auf keinerlei Widerstand. Polizei war in der Stadt nicht zu sehen.

Ein vermummter Wächter sagte der Nachrichtenagentur AP, sie hätten «nur eine Forderung: ein Referendum und den Beitritt zu Russland». Sie hätten das Gebäude besetzt, weil sie es vor radikalen Nationalisten aus der westlichen Ukraine und vor «der Junta, die die Macht in Kiew übernahm», schützen wollten.

Keinerlei Widerstand

Innenminister Awakow kündigte anschliessend eine «scharfe Reaktion» an. Demnach wurden «Spezialeinheiten» entsandt. «Bewaffneten Terroristen» werde mit «null Toleranz» begegnet, erklärte er.

AFP-Reporter sahen in Slawjansk mehrere bewaffnete und maskierte Männer in Kampfanzügen vor der Polizeiwache. Abzeichen trugen sie nicht, jedoch hatten sie Bänder in den russischen Nationalfarben bei sich. Auf Fragen von Journalisten antworteten sie nicht. In den Strassen rund um das Polizeigebäude errichteten die Angreifer Barrikaden. In der Stadt Donezk stürmten gestern Nachmittag rund 200 prorussische und mit Knüppeln bewaffnete Demonstranten das Hauptquartier der Polizei. Dabei stiessen sie auf keinerlei Widerstand, wie AFP-Reporter berichteten.

Die Bürgermeisterin von Slawjansk, Nelja Schtepa, sagte, die Männer, die die örtliche Polizeistelle eingenommen hätten, forderten ein Referendum über Autonomie und einen möglichen Anschluss an Russland. Einem Reporter der Nachrichtenagentur AP sagte sie, sie habe mit den Besetzern der Polizeiwache gesprochen und wisse, dass es keine Russen, sondern Anwohner der Stadt seien. Sie «wollen gehört werden, wollen einen Dialog mit den Verantwortlichen in Kiew», sagte sie.

Angliederung an Russland

Kiews Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk hatte den prorussischen Demonstranten gestern bei einem Besuch in der Ostukraine versprochen, ihren Regionalverwaltungen noch vor der Präsidentschaftswahl in sechs Wochen mehr Rechte zuzugestehen.

Mit Unterstützung von Moskau fordern prorussische Gruppen in der Ostukraine jedoch eine Angliederung an Russland nach dem Vorbild der Krim oder zumindest ein Referendum über mehr Autonomie der Region. Ein von der Regierung gestelltes Ultimatum zur Räumung der öffentlichen Gebäude liessen sie gestern verstreichen.

Eine Lösung des Konfliktes

Wegen der Spannungen in der Ostukraine wächst seit Tagen die Sorge vor einer russischen Invasion. Moskau hatte Kiew davor gewarnt, die Proteste prorussischer Aktivisten gewaltsam niederzuschlagen. Nach Angaben der Nato hat Russland 40'000 Soldaten in der Nähe der russischen Grenze in der Ostukraine abgestellt. Moskau bestreitet dies.

Das US-Aussenministerium bestätigte einen Termin für Vier-Parteien-Gespräche zur Ukraine-Krise. Demnach sollen am Gründonnerstag in Genf US-Aussenminister John Kerry, sein russischer Kollege Sergei Lawrow, die EU-Aussenbeauftragte Catherine Ashton und der ukrainische Aussenminister Andrei Deschtschyzja gemeinsam über eine Lösung des Konfliktes beraten. (mw/ajk/AFP/AP)

Erstellt: 12.04.2014, 10:52 Uhr

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