Bewegung im Brandherd der Republik

Als Reaktion auf die Charlie-Hebdo-Anschläge will die französische Regierung die Banlieue-Ghettos aufbrechen. Die berüchtigte Vorstadt Clichy-sous-Bois hat damit bereits begonnen.

Benachteiligte Banlieue: In Clichy-sous-Bois leben die meisten Bewohner unter der Armutsschwelle. Foto: Dominique Faget (AFP)

Benachteiligte Banlieue: In Clichy-sous-Bois leben die meisten Bewohner unter der Armutsschwelle. Foto: Dominique Faget (AFP)

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Vielleicht ist es ein Drogenhändler, der den auswärtigen Besucher verscheuchen will. Vielleicht erlaubt er sich auch nur einen Spass. Wie ein Stier in der Arena rast sein weisser Peugeot auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum auf den Fremdling zu. Haarscharf fährt er an ihm vorbei, durchs offene Wagenfenster laut lachend. Ein Senior schüttelt den Kopf: «Immer diese kleinen Delinquenten!»

Willkommen in der Wohnblocksiedlung Le Chêne Pointu, zu Deutsch «Die spitze Eiche». Hier im Zentrum von Clichy-sous-Bois, das gar kein richtiges Stadtzentrum hat, ragen statt Bäumen 15-stöckige Wohnblocks in den Himmel. Im Einkaufszentrum sind vor allem ­Billigprodukte erhältlich. Der Kiosk mit dem gelben Signet «Presse» verkauft seit Jahresbeginn keine Presse mehr, sondern Pferdewetten. Das ist der Zeitvertreib der älteren Bewohner, während Jugendliche an den Eingängen herumhängen. «Sie halten die Mauern», nennt das Lamy Monkachi, Sprecherin der Stadtbehörden. 40 Prozent Eichen-Bewohner sind hier ohne Job, 70 Prozent leben ­unter der Armutsschwelle.

Aber das soll nun anders werden. Le Chêne Pointu, ein Ensemble von Wohnblöcken, wurde hier in den Sechzigerjahren für die aus Nordafrika zuströmenden Arbeiter auf die grüne Wiese gepflanzt und gilt heute als eines der heissesten von 750 Problemvierteln Frankreichs, Zones Urbaines Sensibles (ZUS) genannt. Jetzt wird Le Chêne Pointu von Grund auf renoviert, wie Monkachi im Rathaus erzählt: 1500 Wohnungen in Gebäuden, in denen oft nicht einmal der Lift funktioniert, würden in den nächsten 15 bis 20 Jahren abgerissen oder aufgefrischt. Eine Herkulesarbeit.

Premierminister Manuel Valls hat nun ein Programm für die bessere «soziale Durchmischung» dieser Einwandererghettos vorgestellt und dafür eine Milliarde Euro locker gemacht.

An sich ist die Staatskasse leer, doch die Terroranschläge auf «Charlie Hebdo» und den jüdischen Supermarkt im Januar haben Frankreich aufgerüttelt. Valls meinte gar, die Banlieues würden von der übrigen Nation durch eine «geografische, soziale und ethnische Apartheid» getrennt. Deshalb will er reichere Gemeinden zwingen, auf ihrem Gebiet 25 Prozent Sozialwohnungen zu errichten.

Anschluss an die Aussenwelt

Clichy-sous-Bois hat nicht auf diese Ankündigung gewartet. Die Gemeinde lebt mit dem Stigma, die landesweiten Vorstadtkrawalle von 2005 ausgelöst zu ­haben. Damals waren zwei Jugendliche nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei durch Stromschläge in einem lokalen Trafo gestorben. Die französische Banlieue explodierte über Nacht, 10'000 Autos gingen in Flammen auf; die Regierung musste erstmals seit dem Algerienkrieg den nationalen Notstand ausrufen. Der sozialistische Bürgermeister von Clichy-sous-Bois, Claude Dilain, kämpfte seit langem für eine «urbanistische ­Revolution», wie er sagte. Nach der Banlieue-Revolte drang sein Aufruf bis in den 15 Kilometer nahen und doch so fernen Elysée-Palast. Heute verfügt Clichy über ein Arbeitslosenamt und eine Polizeiwache. «Heute sind die meisten Einwohner sehr froh über die regelmässigen Polizeipatrouillen. In fünf Jahren ist die Kriminalitätsrate stark zurückgegangen», meint Monkachi.

Vor allem aber setzte der kürzlich verstorbene Bürgermeister durch, dass die ältesten Wohnblöcke im Ort geschleift werden. In der Siedlung mit dem bukolischen Namen Frettière (Försterei) ist ein Grossteil der Türme bereits gefallen. Nur wenige stehen noch – wie gigantische Tempelsäulen in einer antiken Ruinenlandschaft. Die Fenster sind zugenagelt, die Sprengung geplant. Sie wird auch das letzte Graffiti «Forest Favelas» beseitigen, aus einer Zeit, als der Aldi-Markt mit vorwiegend orientalischem Angebot noch der einzige soziale Treffpunkt der Siedlung war. Jetzt ist zwischen den Grossbaustellen nur eine Metzgerei übrig geblieben, deren Halal-Produkte «von der Moschee in Lyon genehmigt» sind, wie eine Tafel verkündet.

Südlich davon bringen Arbeiter den letzten Schliff an drei- und vierstöckigen Gebäuden an. Sie sind getüncht und weisen sogar etwas Grünfläche auf. Hunderte von Forestière-Bewohnern werden hierhin umgesiedelt. Der Wohnraum ist nicht grösser, aber wie eine Anwohnerin mit Kopfschleier sagt: «Es verschafft ein wenig Luft. Man fühlt sich nicht mehr wie ein Huhn in Käfighaltung.»

Wie viel die Renovation der Forestière kostet, weiss wohl nicht einmal der Staat, der dafür über diverse Budgetposten ­aufkommt. «Hundert Millionen Euro», schätzt Mehdi Bigaderne vom lokalen Verein «AC le feu» (frei übersetzt: genug vom Feuer). Der junge Kämpfer für Migrantenrechte begrüsst das Bauprogramm. Noch wichtiger findet es der junge Maghrebiner, dass Clichy endlich Anschluss an die Aussenwelt erhält. Derzeit hat die Vorstadtenklave weder eine Schnellstrasse noch eine Zuglinie. Wer in Paris arbeitet, nimmt morgens um 4.57 Uhr den vollgestopften Bus der Linie 601 in den Nachbarort und braucht gut zwei Stunden für den Weg. Das hält auf die Dauer niemand durch. Nun haben die Bauarbeiten für eine Tramlinie begonnen, die Clichy-sous-Bois ab 2018 an das Schienennetz im Grossraum Paris knüpfen wird. «Viele Einwohner werden erstmals eine Chance erhalten, andernorts einen Job zu finden», meint Bigaderne.

An eine bessere soziale Durchmischung glaubt er hingegen kaum. «Valls will die Mittelklasse nach Clichy bringen. Wenn auch nur eine Pariser Familie hierher kommt, würde mich das aber sehr wundern.» Wie auch das Umgekehrte. Laut einer Studie verlassen 22 Prozent der Migranten-Kids ihr Banlieue-Viertel nicht einmal für die Ferien. «Wie sollen diese armen Familien in bürgerliche Orte umziehen, wenn sie ihre Kinder nicht einmal in die Ferien schicken können?», fragt Bigaderne. Trotz allem begrüsst er die Massnahmen, um die Banlieue-Viertel aufzubrechen. Bauliche Massnahmen genügten aber längst nicht: «Auch die Diskriminierung der Jugendlichen bei der Job- und Wohnungssuche muss bekämpft werden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2015, 18:34 Uhr

Vorstadtkrawalle

Zwei Polizisten vor Gericht

Zehn Jahre nach den schweren Vorstadtkrawallen in Frankreich beginnt heute Montag der Prozess gegen zwei Polizisten, die am auslösenden Ereignis der Unruhen beteiligt waren. Am 27. Oktober 2005 erhielt die Polizei Meldung von einer verdächtigen Präsenz auf einer Baustelle in Clichy-sous-Bois. Bei ihrer Ankunft flüchteten drei Jugendliche in ein Elektrizitätswerk; zwei von ihnen, die aus der Siedlung Le Chêne Pointu stammenden Bouna (15) und Zyed (17), starben dort durch einen Stromschlag. Das war der Auftakt zu wochenlangen Ausschreitungen in Clichy und bald ganz Frankreich. Jetzt stehen zwei Polizisten wegen «unter­lassener Hilfe gegenüber gefährdeten Personen» vor Gericht – zur Sicherheit weit weg vom einstigen Brandherd Clichy. Der Prozess findet in der westfranzösischen Stadt Rennes statt. (brä)

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