Blatters Breitseite gegen Merkel

Wegen der misslichen Arbeitsbedingungen in Katar musste Sepp Blatter viel Kritik einstecken. Der Fifa-Präsident reicht den Schwarzen Peter nun weiter. Doch die Beschuldigten lassen sich das nicht gefallen .

Wortgefechte: Sepp Blatter und Angela Merkel während der WM 2006 in Deutschland.

Wortgefechte: Sepp Blatter und Angela Merkel während der WM 2006 in Deutschland. Bild: AFP

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Die Negativmeldungen aus Katar reissen nicht ab. Es werden vor allem die misslichen Arbeitsbedingungen der Tausenden Wanderarbeiter beklagt, die zurzeit auf Hochtouren arbeiten, damit der Wüstenstaat im Jahr 2022 seine Fussball-WM durchführen kann. Von «moderner Sklaverei» ist die Rede. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International prangerte vor gut einer Woche die Zustände abermals an und machte in ihrem Bericht die einzelnen Kritikpunkte für die breite Öffentlichkeit sichtbar.

Der Druck auf Katar und die Fifa steigt. Amnesty International erwartet vom Weltfussballverband einen konkreten Plan zur Verbesserung der Situation. Fifa-Präsident Sepp Blatter ist denn auch bemüht, zu betonen, dass ihn die misslichen Umstände nicht kaltlassen: «Die Fifa ist bereit, mit allen zuständigen Stellen und Behörden zusammenzuarbeiten, um die Probleme zu bekämpfen», sagte Blatter gestern.

Blatter: «Unternehmen sind für die Arbeiter verantwortlich»

Doch Blatter möchte für die Misere nicht alleine die Verantwortung tragen: «Viele Leute sind hier verantwortlich – auch Firmen aus Europa.» Auch die Regierungen zweier Länder hat er im Fokus: Frankreich und Deutschland. Sie hätten letztlich Druck gemacht, «dass dieses Turnier in Katar stattfindet». Blatter verlangt von europäischen Politikern und Regierungen, sich zu den Bedingungen in Katar zu äussern. «Wir dürfen nicht vergessen, dass grosse europäische Unternehmen dort arbeiten, und diese sind für ihre Arbeiter verantwortlich.»

Die Regierung von Angela Merkel weist den Vorwurf nun entschieden zurück: «Ich kann für die Bundeskanzlerin hier nur ganz klar sagen, dass es zu keiner Zeit eine Empfehlung an ein deutsches Fifa-Exekutivmitglied gegeben hat, eine Stimme für eine Wahl Katars als Ausrichtungsort abzugeben», sagte gestern der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert.

Beckenbauer: Druck wurde nicht ausgeübt

Mit Franz Beckenbauer meldete sich auch ein ehemaliges Exekutivmitglied zu Wort: «Ich habe weder Druck auf mich noch auf meine Kollegen gespürt», sagte der FC-Bayern-München-Ehrenpräsident gegenüber dem TV-Sender Skynews. Beckenbauer war an der Abstimmung beteiligt, in der sich Katar gegenüber den USA mit 14:8-Stimmen als WM-Austragungsort durchsetzte. Der ehemalige deutsche Internationale hat sein Stimmverhalten bisher nicht offengelegt.

Während die beteiligten Parteien sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben, bleibt das gemäss Amnesty International «alarmierende Ausmass an Ausbeutung» bei Katars Arbeitsmigranten bestehen. Auch die UNO berichtete schon von Verhältnissen, die an «Zwangsarbeit» erinnerten. Viele Arbeiter erhielten demnach monatelang keinen Lohn und würden zur Arbeit gezwungen, indem ihnen mit Abschiebung oder einem kompletten Lohnausfall gedroht werde.

Pass für Lohnverzicht

In einem Fall beobachteten Amnesty-Beauftragte, «wie elf Männer erpresst wurden, im Beisein von Regierungsbeamten fälschlich ihren Lohnerhalt zu quittieren, damit sie ihren Pass zurückbekamen».

Zudem kritisierte Amnesty, die schlechten Arbeits- und Wohnbedingungen gefährdeten Leben und Gesundheit der Arbeiter auf den WM-Baustellen in dem Emirat. Häufig würden ihnen keine Schutzhelme und nicht genügend Trinkwasser zur Verfügung gestellt. In überfüllten Unterkünften lebten die Arbeiter zum Teil ohne fliessendes Wasser, sanitäre Anlagen oder Strom.

Umstrittenes Sponsorengesetz

Die Fehlentwicklungen sind laut Amnesty zum Teil auf das sogenannte «Sponsorengesetz» von 2009 zurückzuführen, das ausländische Arbeiter dazu verpflichtet, die Genehmigung ihres Arbeitgebers einzuholen, wenn sie diesen wechseln oder Katar verlassen möchten.

Die Fifa will das Geschehen derweil im Auge behalten: «Wir werden die Entwicklung bis im März beobachten. Dann werde ich dem Exekutivkomitee wieder rapportieren», so Blatter. Er verspricht: «Ich werde dem Komitee schon an der Sitzung in Brasilien am 4./5. Dezember über die Diskussionen berichten, die wir hatten.»

(mrs)

Erstellt: 26.11.2013, 10:08 Uhr

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