Böse Gutmenschen

Verfeindete Hooligans schliessen sich zusammen und demonstrieren gegen Salafisten. In Deutschland wird befürchtet, Rechtsradikale könnten sie instrumentalisieren.

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Demonstranten lieferten sich mit Polizisten in Köln Strassenschlachten. Sie gingen gestern auf die Strasse, um gegen radikale Salafisten zu demonstrieren. Diese gelten als Sympathisanten oder gar Unterstützer der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS). Salafisten griffen in Deutschland Kurden an, die gegen die Gräueltaten des IS demonstrierten. Die Ablehnung der radikalen Islamisten ist in westlichen Staaten gross. Gegen sie zu protestieren, stösst deshalb bei einer grossen Mehrheit der Bevölkerung auf viel Sympathie.

Doch die Skepsis ist gross gegenüber dem plötzlichen Gutmenschentum von Leuten, die bisher vor allem als Schläger und Krawallmacher in Erscheinung traten. Während sie sich normalerweise gegenseitig die Köpfe einschlagen, prügelten sie in Köln Seite an Seite auf Polizisten ein. Der Aufmarsch gegen Salafisten scheint auch dem Bild des unpolitischen Hooligans zu widersprechen.

Nur Streitlust oder Politik?

Der Chef der Polizeigewerkschaft (GDP) in Nordrhein-Westfalen, Arnold Plickert, glaubt nicht an die politische Mission der «Hooligans gegen Salafisten» (HoGeSa), wie sich die Allianz selber nennt. «Hier geht es um Gewalt und sonst nichts», sagte er. Andreas Grau vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld ist da nicht so sicher. Er nimmt zwar an, dass die zur Feindgruppe erkorenen Salafisten für die Hooligans austauschbar sind. «In sechs Monaten wenden sie sich vielleicht gegen eine andere Gruppe», erklärt Grau gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Vor allem die Beteiligung rechtsextremer Parteien bereitet ihm jedoch Sorgen, auch wenn zurzeit noch nicht klar ist, wer bei der HoGeSa die Fäden zieht. «Es gibt grosse Überschneidungen zwischen Alt-Hooligans und der rechtsextremen Szene», gibt er zu bedenken. Er glaubt deshalb, dass Rechtsextreme nicht nur nebenher laufen, sondern «erheblich mitmischen». Sie könnten das grosse Mobilisierungspotenzial abschöpfen, das im Protest gegen die Salafisten liegt – und so anschlussfähig werden zur Mehrheitsbevölkerung.

Furcht vor einer neuen rechten Bewegung

Den Organisatoren der Kölner Veranstaltung ist es auf jeden Fall gelungen, auf sich aufmerksam zu machen. Bis zu 4500 Personen nahmen an der Veranstaltung teil, das Medienecho war gross. Beobachter fürchten deshalb laut der linken Berliner «Tageszeitung» (TAZ), dass die Kölner Ereignisse den Auftakt zu einer neuen rechten Bewegung darstellen könnten. Konfliktforscher Andreas Grau will das nicht ausschliessen. Er rechnet damit, dass das Bündnis weitere Veranstaltungen organisieren wird. Er zweifelt aber, ob sie dann so viel Zulauf erhalten wie in Köln, und vor allem, ob daraus eine wirkliche politische Bewegung wird.

Einige Experten warnen auch vor Verallgemeinerungen: In Köln habe «eine Gruppe demonstriert, die aus ganz unterschiedlichen Strömungen besteht – nämlich gewaltbereite Hooligans, dann Hooligans mit Überschneidungen zur rechten Szene», sagte der Leiter des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, Burkhard Freier, heute im Radiosender WDR. «Aber es haben sich zu dieser Versammlung auch Rechtsextreme angesammelt, und zwar gewaltbereite Rechtsextremisten aus dem ganzen Bundesgebiet.»

Rechtsextremes Werben um Fussballfans

Offenbar versuchen Rechtsextreme in Deutschland in jüngster Zeit verstärkt, die Hooligan-Szene zu unterwandern. Laut dem aktuellen Jahresbericht der polizeilichen Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) stammten unter den deutschlandweit registrierten «Gewalttätern Sport» bisher jedoch nur 3,3 Prozent aus der rechtsextremen Szene. Die Zahl der gewaltbereiten und gewaltsuchenden Störer im Umfeld von Fussballspielen insgesamt beziffert die ZIS auf gut 17'500 – verteilt auf die Clubs der Bundesliga, der Zweiten Bundesliga, der Dritten Liga bis hinab zu den fünf Regionalligen.

Das Bündnis von Hooligans und Rechtsextremen hatte auch schon in den Wochen vor den Kölner Krawallen die Sicherheitsbehörden auf den Plan gerufen. «Wir beobachten diese Szene – und zwar, weil wir die Rechtsextremisten beobachten, nicht die Hooligans», sagte Freier. Denn Hooligans seien nicht das Ziel von Beobachtungen des Verfassungsschutzes.

Es handele sich um «eine gewaltbereite Hooligan-Gruppe mit Rechtsextremisten in ihrem Sprengel», betonte Freier. «Aber es ist im Moment nach der Einschätzung der Sicherheitsbehörden keine rechtsextreme, sondern eine gewaltbereite Hooligan-Szene.»

(Mit Material der Nachrichtenagentur AFP) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2014, 16:47 Uhr

Die Kölner Polizei verteidigt ihren Einsatz. (Video: Reuters )

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