Kopf des Tages

Breiviks Richterin

Die 52-jährige Wenche Elizabeth Arntzen gab dem grössten Terrorprozess in Norwegens Geschichte ein souveränes Gesicht.

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Breivik-Prozess - Vor dem Gericht in Oslo

">Breivik-Prozess: Vor dem Gericht in Oslo. (Livestream N24)

Breivik-Prozess: Vor dem Gericht in Oslo. (Livestream N24) Bild: Keystone

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Höchst konzentriert hat sie vom Podest im Osloer Amtsgericht aus den zehnwöchigen Prozess gegen Anders Behring Breivik geleitet, den 77-fachen Mörder und Rechtsextremisten. Als junge Überlebende von den schrecklichen Stunden auf der Insel Utöya erzählten, wischte sie sich ab und an Tränen von der Wange. Wenn der geständige Attentäter vom Thema abkam und sich in abstrusen Begründungen einer multikulturellen Weltverschwörung verlor, griff sie jedoch resolut ein: «Bleib bei der Sache, Breivik», sagte sie kurz und bestimmt – und der Mann, der sich mit seinen grausamen Taten zum Herrn über Leben und Tod aufschwingen wollte, gehorchte wie ein kleiner Bub und sank in sich zusammen.

Wenche Elizabeth Arntzen, 52, zweifache Mutter, gab dem grössten Rechtsfall der norwegischen Nachkriegsgeschichte ein souveränes Gesicht. Mit ihrer ebenso bestimmten wie milden Art gab die Amtsrichterin von der ersten bis zur letzten Minute des Marathonprozesses den Ton an und verhinderte damit, was viele Norwegerinnen und Norweger am meisten gefürchtet hatten: dass der 33 Jahre alte Terrorist den Gerichtssaal als Propagandabühne für seine Überzeugen missbrauchte.

Seitenblick auf den Angeklagten

Geschickt navigierte Arntzen den Fall an den zahlreichen Hürden vorbei, welche ihr und dem fünfköpfigen Gericht nicht nur durch den Täter selbst, sondern auch durch Zeugen, Anwälte, Medien und Publikum immer wieder in den Weg gestellt wurden.

Als sich ein rechtsextremer Gesinnungsgenosse Breiviks im Zeugenstand darüber beschwerte, dass seine Aussagen nicht live im Fernsehen gesendet würden, antwortete die weisshaarige Dame in der schwarzen Robe mit Seitenblick auf den Angeklagten: «Da befinden Sie sich in guter Gesellschaft.»

Auch ihr Ehemann ist Jurist

Dass der studierten Philosophin und Juristin der Jahrhundertprozess anvertraut wurde, ist kein Zufall: Als Vorsitzende des Kontrollausschusses der norwegischen Geheimdienste und langjährige Amtsrichterin gehört die Osloerin zu den juristischen Spitzenkräften des Landes. Zudem stammt Arntzen aus einer Familie mit entsprechender Tradition: Ihr Grossvater sorgte nach dem Zweiten Weltkrieg dafür, dass der norwegische Naziführer Vidkun Quisling als Landesverräter hingerichtet und der Dichter Knut Hamsun, der mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatte, für den Rest seines Lebens in einer psychiatrischen Klinik verwahrt wurde. Ihr während des Breivik-Prozesses verstorbener Vater, Andreas Arntzen, verteidigte auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs den norwegischen Sowjetspion Arne Treholt – und auch ihr Ehemann ist Jurist.

Bei aller Unmenschlichkeit, die Breivik bei seinen Taten und seinen Aussagen im Prozess offenbarte, schaffte es Wenche Elizabeth Arntzen, nicht nur die Ordnung und Würde des Prozesses auf einem sehr hohen Niveau zu halten. Mit ihren Aussagen regte die Gerichtspräsidentin auch immer wieder zum Schmunzeln und zu Gelächter im Gerichtssaal an. Vor allem aber sorgte sie dafür, dass den Opfern, Überlebenden und Angehörigen des Doppelanschlags vom 22. Juli 2011 der notwendige Raum gegeben und Respekt entgegengebracht wurde – ohne dass das in der Öffentlichkeit umstrittene Rederecht des Massenmörders beschnitten wurde.

Arntzen wird als menschenrechtliches Gewissen des Landes in die norwegischen Annalen eingehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2012, 19:25 Uhr

Nach Angaben seiner Anwälte will Breivik in Revision gehen, sollten ihn die Richter für unzurechnungsfähig erklären. (Video: Reuters )

Schaffte es, Ordnung und Würde im Prozess hoch zu halten: Wenche Elizabeth Arntzen im Gerichtssaal in Oslo.

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