Fussball-EM

Brot und Spiele

Im ostukrainischen Kohlerevier Donbass besänftigt der Fussball die hart arbeitende Bevölkerung – und dient Rinat Achmetow, dem reichsten Mann des Landes.

Platz für 53'000 Zuschauer: Baustelle des neuen Schachtar-Stadions in Donezk (November 2008).

Platz für 53'000 Zuschauer: Baustelle des neuen Schachtar-Stadions in Donezk (November 2008). Bild: Keystone

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Freitagnachmittag, 15.30 Uhr, Schichtwechsel in der Zeche Oktjabrski im ostukrainischen Donezk. Die ausgefahrenen Arbeiter sitzen auf Holzbänken vor dem Waschraum, rauchen und schweigen. Andere trinken Schnaps und versuchen zu scherzen. Hinter ihnen reckt sich düster der Förderturm in den blassblauen Himmel. Es sind kräftige Männer mit müden Augen. In ihren Lidern hat sich Kohlenstaub festgesetzt. Die schwarzen Ränder heben sich schroff von den fahlen Wangen ab.

Von der Zeche führt ein kurzer Weg zu einer Wendeschleife. Busse warten dort auf die Arbeiter. Es ist die Endstation aller Linien, die nach Oktjabrski hinausfahren. Nicht nur das Bergwerk heisst so. Auch der Stadtteil im Nordwesten von Donezk ist nach der Oktoberrevolution benannt. Der Umsturz von 1917 sollte den Sieg des Proletariats bringen. Doch längst ist das sowjetische Experiment gescheitert. Die einstige Vorzeigegrube Oktjabrski gehört heute dem unabhängigen ukrainischen Staat. Sie ist nahezu bankrott. Seit zwei Monaten warten die Arbeiter auf ihren Lohn. Wenn das Geld kommt, werden es umgerechnet kaum 400 Euro sein.

Alkohol, Tabak und Schweiss

Oktjabrski mit seinen Schächten und Schloten ist zwar ein typischer, aber nicht irgendein Stadtteil in Donezk. Rinat Achmetow ist dort aufgewachsen. Sein Vater war ein einfacher Kumpel. Der Sohn ist mit seinen 45 Jahren der reichste Mann der Ukraine. Auf 13,7 Milliarden Euro wird sein Vermögen derzeit geschätzt. Für 300 Millionen Euro hat Achmetow im Zentrum der Stadt die Donbass-Arena bauen lassen. Im Juni werden dort fünf Spiele der Fussball-Europameisterschaft ausgetragen, darunter ein Halbfinal. Doch an diesem Freitag interessiert das in Oktjabrski niemanden. 24 Stunden sind es noch bis zum Spiel der Spiele. Gegen den verhassten Hauptstadtclub Dynamo Kiew kämpft Schachtar Donezk um die ukrainische Meisterschaft. Auch der Verein gehört Achmetow.

Im Trolleybus Nummer 10 riecht es nach Alkohol, Tabak und Schweiss. Voll ist er nicht. Nur wenige Arbeiter fahren ins Stadtzentrum. Kaum jemand spricht. Das Scheppern der schlecht verankerten Türen übertönt die vereinzelten Wortwechsel. «Wir machen sie alle!», ruft ein Junge beim Aussteigen. Er trägt ein orange-schwarzes T-Shirt. Es sind die Farben von Schachtar. Der Club ist der Stolz einer ganzen Region. Borussia Dortmund und Schalke 04 kennen im Ruhrpott Konkurrenz. Im Stahl- und Kohlerevier Donbass gibt es nur Schachtar.

Ein Masterplan für die Menschen

Der Weg zum Stadion führt in eine weitläufige Senke. Die spitzen Hügel alter Abraumhalden durchbrechen die Horizontlinie. Ausgedehnte Parkanlagen umgeben die Arena mit ihrer gläsernen Fassade. Wenn es dunkel wird, leuchtet die Aussenhaut bläulich-violett wie ein Diamant. 45 prunkvolle VIP-Lounges gibt es hier. Joe Palmer ist dennoch davon überzeugt, dass dies «ein Stadion für die Menschen» ist. Der Brite ist Marketingdirektor bei Schachtar. Achmetow hat ihn vor einem Jahr aus London in die Ostukraine geholt. «Um eine Vision für den Verein zu entwickeln», wie Palmer sagt.

Der junge Mann arbeitet hart dafür. Mitte dreissig mag er sein. Frau und Kinder haben Donezk nach einer kurzen Probezeit wieder verlassen. «Im Winter ist es im Donbass unwirtlich», sagt Palmer. Er sitzt in einem kleinen Büro unter dem Dach der Arena und organisiert in Eigenregie ein Fanfest für den Samstag. Vor dem Schlager gegen Kiew will er einen Heissluftballon aufsteigen lassen. Eine Spielemeile soll Familien anlocken. Bergarbeiter aus den Kohleminen der Achmetow-Holding System Capital Management erhalten Freikarten. «Schachtar ist für die Menschen da», wiederholt Palmer.

Hinter der Marketingstrategie steht ein Masterplan. «Achmetow will sich und sein Geld reinwaschen», sagen jene, die es wissen können und nicht genannt werden möchten. Der Multimilliardär sponsert nicht nur Schachtar. Er hat eine Stiftung ins Leben gerufen, die krebskranken Kindern hilft, ukrainische Künstler unterstützt und Mustertierheime für Strassenhunde finanziert. Seinen Arbeitern zahlt er die vierfachen Löhne dessen, was die Kumpel in der staatlichen Zeche Oktjabrski bekommen. «Er tut viel Gutes. Und er ist hiergeblieben. Er atmet die gleiche miserable Luft wie wir», sagen die Menschen auf der Strasse. Sie verehren ihn.

Zäher Smog über den Städten

Über den Städten des Donbass, wie das Kohlerevier Donezkbecken kurz heisst, hängt meist zäher Smog. Der Rohstoffreichtum lockte einst die Schwerindustrie an. 36 Millionen Tonnen Stahl produzieren die Hütten im Donbass jährlich. 40 Millionen Tonnen Kohle werden gefördert. Die grössten Zechen der Welt stehen hier. Hinzu kommt die Ausbeutung illegaler Minen. Die moderneren Werke gehören Achmetow. Doch seine SCM-Holding umfasst auch Investmentfirmen, landwirtschaftliche Betriebe sowie Telekommunikations- und Medienunternehmen. Im vergangenen Jahr kaufte Achmetow für 156 Millionen Euro die teuerste Wohnung Londons – als Geldanlage, denn der rotblonde Muslim mit den tatarischen Wurzeln lebt lieber in Donezk und atmet die dreckige Luft, in der er gross geworden ist.

Rückblick: In Oktjabrski beginnt der junge Achmetow seine Karriere als Boxer. Böse Zungen berichten von Zuhälterei. Als die Sowjetunion zerfällt, studiert er Wirtschaftswissenschaften und gründet eine Bank. Es ist die Zeit, in der die berüchtigten Oligarchen das Volkseigentum unter sich aufteilen. Auftragsmorde sind an der Tagesordnung. Oktjabrski gilt in den 90er-Jahren als Zentrum der ostukrainischen Mafia. Achmetow steigt zur rechten Hand des Donezker Paten Achat «Alik» Bragin auf. 1995 explodiert unter dessen Sitz im alten Schachtar-Stadion eine Bombe. Sein Zögling, der sonst kein Spiel versäumt, ist diesmal nicht auf der Tribüne. Achmetow übernimmt das Bragin-Imperium, inklusive des Fussballvereins. In Oktjabrski lässt er zu Ehren Bragins eine Moschee bauen.

Der grosse Stratege

«Heute ist SCM ein hoch professionell gemanagtes Unternehmen. Achmetow ist ein begnadeter Stratege. Er stellt sich europäisch auf. Schachtar und die Stiftung sollen ihm zu dem nötigen Ansehen verhelfen», sagt einer, der den Oligarchen aus der Nähe beobachtet. Unter Achmetow wird Schachtar im neuen Jahrtausend zum ukrainischen Serienmeister. Grossen Anteil daran haben brasilianische Spieler, die der Multimilliardär kauft. Der Aufstieg des Clubs festigt Achmetows Position in Donezk, jener Stadt, aus der auch der ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch stammt. Achmetow unterstützt und finanziert ihn seit langem. Als Schachtar 2009 den Uefa-Cup gewinnt, steht Janukowitsch bei der Siegesfeier vorn auf der Bühne. Im Hintergrund hält Achmetow den Pokal in Händen.

«Fussball ist für die Menschen in Donezk eine Religion», sagt Marketingchef Palmer. Und so strömen an diesem Samstag der Entscheidung auch jene blassen Männer ins Stadion, deren Lohntüte zuletzt leer blieb. Es ist ein kühler Frühlingstag, an dem Schachtar und Dynamo um die Meisterschaft kämpfen. Auf der Tribüne muss dennoch niemand frieren. Wohlige Wärme legt sich über die Zuschauer. Unter dem Stadiondach sind 550 Infrarot-Heizstrahler angebracht. Bei Schachtar sollen die Menschen die Kälte des Landes nicht spüren.

Im gut geheizten Tollhaus

Der Stadionsprecher heizt den Fans mit martialischen Rufen ein. «Dies ist mehr als ein Spiel, es ist eine Schlacht!», tönt er. Über die Videoleinwände flimmert eine Werbung, die zwei römische Gladiatoren mit Schwertern zeigt. Wild zum Kampf entschlossen, starren sie einander in die Augen. «Ave Imperator!», ruft ein Journalist auf der Pressetribüne und lacht. Das «Heil dem Kaiser» könnte auch dem Herrscher von Donezk gelten. Doch Achmetow ist hinter den Glasscheiben der VIP-Lounges nicht zu erkennen. Der Videoclip enthüllt ungewollt das Machtprinzip des Oligarchen. Brot und Spiele bietet er den Menschen im Donbass – eine Stiftung, gute Löhne und einen Fussballverein. Dafür akzeptieren sie seinen Reichtum und lieben ihn.

Viele Zuschauer rüsten sich mit Bier für die Schlacht. In Viererträgern aus Karton schleppen sie die Plastikbecher herbei. Flaschen und Gläser, die als Wurfgeschosse dienen könnten, sind verboten. Warum das so ist, wird schnell nach dem Anpfiff klar. 53'000 Zuschauer schreien und pfeifen wie im Tollhaus. Gemeinschaftliche Gesänge und Anfeuerungsrufe gibt es kaum. Die Männer in ihren schwarzen Lederjacken schleudern stattdessen ihre Fäuste in die Luft. Wut und Freude beleben ihre farblosen, zerfurchten Gesichter.

Am Abend werden diese Männer wieder hinausfahren in den Stadtteil Oktjabrski, dorthin, wo alle Buslinien enden. Am Montag werden sie nach Schichtschluss vor der Zeche stehen, rauchen und trinken. Möglich, dass sie dann über das Spiel gegen Dynamo reden und dabei lächeln. Bleich werden sie dennoch sein, ihre Lider kohlenschwarz. An diesem Samstagnachmittag aber in der Donbass-Arena ist die Müdigkeit aus ihren Augen verschwunden. Schachtar gewinnt 2:0 und wird zum siebten Mal ukrainischer Meister. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2012, 16:23 Uhr

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Donezk kompakt

Donezk mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern ist eine junge Stadt, deren Geschichte eng mit der industriellen Erschliessung des rohstoffreichen Donezkbeckens (Donezki Bassejn/Donbass) verbunden ist. 1869 gründete der walisische Ingenieur und Geschäftsmann John Hughes mit einer Konzession des russischen Zaren die Stadt Jusowka (Hughesowka), die 1924 in Stalino und 1961 in Donezk umbenannt wurde. Der Ort lebte von Anfang an von der Ausbeutung der Kohle- und Metallvorkommen. Je 40 Prozent der Einwohner sind Russen und Ukrainer, hinzu kommen vor allem Griechen, Tataren und Araber. Neben Zechen und Abraumhalden prägen viele Grünanlagen die auf dem Reissbrett entworfene Arbeiterstadt. Es gibt mehrere technische Hochschulen mit 200'000 Studenten. Für den Strukturwandel steht aber vor allem der Sport. Stabhochsprunglegende Sergei Bubka stammt aus Donezk. Die Fussballer von Schachtar gehören zur erweiterten europäischen Spitzenklasse und spielen regelmässig in der Champions League.

Spielstätte des aktuellen ukrainischen Meisters ist die 2011 fertiggestellte Donbass-Arena. Während der Euro 2012 werden dort drei Begegnungen der Gruppe D (Ukraine, Frankreich, England, Schweden) ausgetragen sowie ein Viertel- und ein Halbfinal. 51'500 Zuschauer finden offiziell Platz. (ukr)

Das Fieber steigt, die Preise sinken

Letzte Chance: Noch gibt es in den EM-Stadien freie Plätze für Kurzentschlossene. Doch Vorsicht! Produktpiraten haben gefälschte Karten in Umlauf gebracht. Sicherheit bieten nur offizielle Reiseveranstalter und das Uefa-Portal: https://ticketing.uefa.com/euro2012

Mitfeiern: Auch wer nicht ins Stadion kommt, kann die EM vor Ort erleben – auf den Fanmeilen in den Spielstädten oder beim Public Viewing auf Marktplätzen, an den Stränden der polnischen Ostseeküste oder in Biergärten und Cafés.

Gute Fahrt: Breslau und Posen sind nur je 170 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Die teils kostenpflichtigen Autobahnen sind dort gut ausgebaut. Aber auch nach Danzig und Warschau ist die Fahrt zu schaffen. In die Ukraine nur mit dem Flieger!

Preissturz: Übernachtungen sind jetzt in beiden Gastgeberländern wieder zu empfehlen. Viele Hotels, die ursprünglich mit EM-Aufschlägen von mehreren hundert Prozent abschreckten, lassen nun die Preise purzeln. Buchen Sie bei regulären Reisebüros oder lassen Sie sich im Internet leiten:
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Sicherheit: Die schlimmsten Horrorgeschichten über die Ukraine erzählen Einheimische. Sie warnen vor Gammelfleisch oder vor Frauen, die Männer zum Sex animieren und anschliessend mit einer Vergewaltigungsanzeige drohen: Hochzeit oder Knast laute die Wahl. Vieles davon ist weit übertrieben. Lassen Sie bei Ihrer EM-Reise gesunde Vorsicht walten. Niemand ist gezwungen, in nicht ausgewiesene Taxis zu steigen oder mit Geldscheinen zu wedeln. Nehmen Sie, wenn die Ukraine eine Option ist, auf jeden Fall Ihren Pass mit. (ukr)

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