Brüllen und pfeifen gegen Angela Merkel

Bei jedem Wahlkampfauftritt im Osten Deutschlands wird die Kanzlerin von AfD- und Pegida-Anhängern ausgebuht.

«Wir sind das Volk»: Die Neonazi-Partei NPD, der rechtsradikale thüringische Pegida-Ableger und die Alternative für Deutschland (AfD) orchestrieren gemeinsam die Proteste gegen Angela Merkel.<br />Bild: Keystone

«Wir sind das Volk»: Die Neonazi-Partei NPD, der rechtsradikale thüringische Pegida-Ableger und die Alternative für Deutschland (AfD) orchestrieren gemeinsam die Proteste gegen Angela Merkel.
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«Widerstand!» «Volksverräterin!» «Merkel muss weg!» Wütende Männer und Frauen streckten Plakate mit vielen Ausrufezeichen in die Höhe, dazu buhten sie oder schrien «Hau ab!», hupten oder bliesen so ohrenbetäubend in Trillerpfeifen, dass die Lautsprecheranlage kaum dagegen ankam. Das war die Wahlkampfveranstaltung der CDU mit Angela Merkel in Torgau, einer Kleinstadt in Nordsachsen. Einigen Hundert Anhängern der Kanzlerin, die sich um die Bühne scharten wie um ein wärmendes Lagerfeuer, standen Hunderte Gegendemonstranten gegenüber.

Die brüllenden Menschen, die sich gerne «das Volk» nennen, waren nicht zufällig da. Drei rechte Parteien hatten sie herbeigerufen und teilweise auch herbeigekarrt: die Alternative für Deutschland (AfD), der rechtsradikale thüringische Pegida-Ableger Thügida und die Neonazi-Partei NPD. Auch einzelne Anhänger der Kanzlerin hatten sich auf die Konfrontation vorbereitet. Sie drehten den Störern den Rücken zu, auf der Rückseite ihrer Plakate klebten Entgegnungen wie: «Demokratie heisst: auch mal zuhören». Ein paar tollkühne arabische Flüchtlinge mischten sich unter die Gegendemonstranten und führten CDU-Plakate vor, auf denen stand: «voll muttiviert». Zwei Rechte zeigten den Hitlergruss, zwei andere gingen mit Fäusten auf Merkel-Fans los. Die Polizei musste einschreiten.

Bevor Merkel ungerührt ihre 30-minütige Standardrede über Steuerpolitik, Bildung und den Kampf gegen den ­Terror hielt, antwortete sie den Schreiern kurz – und rief ihre Anhänger zur Wahl auf: «Sie sehen ja jetzt, worauf es am 24. September ankommt.» Der sächsische Ministerpräsident und Parteifreund Stanislaw Tillich, der neben ihr stand, sagte: «Diese Republik wird nicht durch Brüllerei vorwärtskommen.»

Giftige rechte Gegendemonstranten mit Trillerpfeifen

Torgau war kein Einzelfall. Finsterwalde, Quedlinburg, Annaberg-Buchholz, Brandenburg an der Havel, Bitterfeld, Wolgast – wo immer die Kanzlerin zuletzt in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern auftrat, empfingen sie giftige rechte Gegendemonstranten mit ihren Trillerpfeifen. Selbst im Westen Deutschlands gab es Proteste, wenn auch erheblich kleinere, im bayerischen Erlangen etwa oder im nordrhein-westfälischen Bergisch Gladbach. In Heidelberg warfen zwei Wutbürger sogar mit Tomaten nach Merkel.

Die Wut, die der Kanzlerin im Osten des Landes entgegenschlägt, kontrastiert auffällig mit der Grundstimmung im Land, die von viel Zustimmung und Respekt für die Amtsinhaberin geprägt ist. Während Merkels Wohlfühl-Wahlkampf im Westen ganz ordentlich ankommt, reizt er manche Ostdeutsche zu umso wütenderem Widerspruch. Viele Menschen haben das Gefühl, ausgerechnet von «ihrer» ostdeutschen Kanzlerin vergessen und verraten worden zu sein – vor allem als sie Hunderttausende muslimische Flüchtlinge ins Land liess. Sie kümmere sich mehr um Ausländer und Europa als um ihre Bürger zwischen Ostsee, Elbe und Oder, finden viele. Die AfD und ihre politischen Verbündeten greifen diesen Unmut auf, bündeln ihn und verwandeln ihn an Merkels Veranstaltungen in eine offene Konfrontation.

«Das ist Demokratie»

Obwohl jeder Auftritt zu einem Spiessrutenlauf werde, gehe sie ganz bewusst immer wieder in den Osten, erklärte Merkel, der man früher vorwarf, sie besuche nur Orte, in denen man ihr besonders gewogen sei: «Damit muss man leben. Das ist Demokratie.» Auf die Frage, ob es ihr emotional zusetze, antwortete sie: «Ich glaube, dass es richtig ist, sich dem zu stellen.» Gleichzeitig sei sie schon «sehr froh», dass immer auch viele Anhänger und Bürger kämen, um «Flagge gegen das Gebrüll» zu zeigen. In ihrem Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern suche sie mit Kritikern auch das direkte Gespräch. «Aber wenn jemand nur noch pfeift und brüllt, kann man nicht mehr gut reden.»

Seit die überregionalen deutschen Zeitungen und das Fernsehen über die Wutdemonstrationen berichten, erfährt Merkel zunehmend Solidarität. Die linke Leipziger Schriftstellerin Jana Hensel etwa berichtete auf «Zeit online» schockiert über eine Wahlkampfveranstaltung in Finsterwalde, die sie mit ihrem neunjährigen Sohn besucht hatte. In einem offenen Brief sprach Hensel die Kanzlerin direkt an: «Wie gelähmt standen Sie da. Jedem von uns in der Nähe ging das so. Niemand hörte Ihnen zu, ich glaube, nicht einmal Sie selbst hörten sich zu. Und die Männer mit den Trillerpfeifen wurden immer lauter.»

Merkel war an jenem Abend eben aus Torgau gekommen, wo sie, wie meist, die Störer direkt angesprochen hatte. Nicht in Finsterwalde, zum Schock von Jana Hensel: «Warum wandten Sie sich nicht ein einziges Mal an die Störer? Mit ein, zwei, drei klaren Sätzen.» Auch der sozialdemokratische Kanzlerkandidat Martin Schulz habe das unterlassen, als er jüngst in der Leipziger Nikolaikirche gestört wurde. «Aber Martin Schulz ist für die Menschen im Osten nicht wichtig», schrieb Jana Hensel. «Sie hingegen sind es. Sie sind mehr als nur ein Symbol. Sie sind weiter gekommen als jeder andere von uns, der nach dem Mauerfall in die Welt aufgebrochen ist. Dafür lieben Sie die Menschen, dafür werden Sie gehasst. Menschen sind so, leider.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2017, 20:59 Uhr

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