Cash, Carla und Cola light

Ein neues Buch beschreibt Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy als infantilen und autoritären Machtmenschen mit ständigen Ausrastern.

Er mag keinen Wein und keinen Käse, der streng riecht: Kann so einer Präsident Frankreichs sein?

Er mag keinen Wein und keinen Käse, der streng riecht: Kann so einer Präsident Frankreichs sein? Bild: Keystone

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Der Titel ist harmlos, schmucklos, jedenfalls nicht reisserisch: «Monsieur le président». Dazu ein unspektakulärer Untertitel: «Szenen aus dem politischen Leben, 2005–2011.» Und doch wird dieses spannende, brillant geschriebene, böse und bissige Buch die Sicht auf sein Sujet, auf Nicolas Sarkozy, wohl schärfen wie keines der vielen anderen, die in den letzten Jahren Frankreichs flamboyanten Präsidenten zu porträtieren suchten. Ein garantierter Bestseller.

Das hat mit dem Autor zu tun: Franz-Olivier Giesbert, Chefredaktor des Wochenmagazins «Le Point», den die Franzosen mit ihrem Faible für Akronyme als FOG kennen, gehört zu jenen französischen Schreibern, und es sind wenige, die sich vor nichts und niemandem fürchten. Die zwar mit allen Mächtigen dinieren, sie duzen, zur Elite des Landes zählen, sich aber nicht scheuen, auch Vertrauliches aus den Machtzirkeln zu erzählen. Alles, auch die perfiden Schweinereien.

Bei Sarkozys Rede geweint

Im Journalismus nennt man das «Off». Für FOG gibt es kein «Off», wenn es um Zitate von Politikern geht. Er schreibt alles in Ringhefte. Und irgendwann publiziert er seine Notizen. Man weiss es. Er hat es früher schon getan. Mit Jacques Chirac zum Beispiel, dessen Exzesse er in «La tragédie du président» erzählte. 400'000 Exemplare. Und doch reden sie noch immer alle mit ihm. Er ist halb Literat, halb Journalist, weder ein traditioneller Linker noch ein Rechter. Giesbert ist also kein klassischer, reflexartiger Anti-Sarkozyist. Im Gegenteil: Er glaubte einst an Sarkozy, an dessen Andersartigkeit, an den Diskurs des Aufbruchs und der Öffnung eines «kleinen Franzosen mit gemischtem Blut», wie sich Sarkozy einmal selber nannte. Er sagt, er habe 2007 bei einer Rede Sarkozys geweint vor Rührung. Er mag dessen leidenschaftlichen Drive, die Unerschrockenheit. Und er lobt Sarkozys internationale Rolle der letzten Jahre. Das macht das Buch lesenswert und glaubwürdig.

Es beginnt mit einem langen und lauten Telefonanruf des Präsidenten im Januar 2008. «Le Point» hatte einige Tage davor eine Kolumne von Patrick Besson über die vielen Liebschaften von Carla Bruni publiziert, an deren Flamme sich Sarkozy nach seiner schmerzhaften Trennung von seiner zweiten Frau Cécilia gerade erwärmte. Hier der Wortlaut:Sarkozy: «Ich will mit dir über einen Artikel von Patrick Besson reden, den du in deiner Zeitschrift veröffentlicht hast. Dieses Zeug ist eurer nicht würdig, ekelhaft, widerlich, schweinisch.» Giesbert: «Von welchem Artikel sprichst du?» Sarkozy: «Du weisst genau, welchen ich meine.» Giesbert: «Nein.» Sarkozy: «Den über Carla vor einigen Tagen. Du musst wissen, dass ich diesen Typen (Besson, Red.) verachte, am Tag, an dem ich meine Funktion ablege, werde ich ihm als Erstes die Fresse polieren.» Giesbert: «Ach komm, in einigen Wochen hast du ihn vergessen.» Sarkozy: «Nein, ich vergesse das nicht. Nie! Nie! Hörst du mich? Bis zu meinem Tod. Und nie werde ich vergessen, dass dieser Artikel unter deiner Verantwortung erschienen ist.»

In diesem Austausch ist schon viel drin von Sarkozy. Er ist cholerisch, ungehalten, vulgär im Ton, rastet ständig aus. Seine «Krisen» dauern 20 Minuten, wahre Wirbelstürme seien das. Mehrere Male hat er versucht, den Verleger des «Point» dazu zu bewegen, Giesbert zu entlassen. Er soll besessen sein von seinem Bild in den Medien, verbringt Tage mit Überlegungen, wen er bei welchem Fernseh- oder Radiosender an der Spitze sehen möchte, kennt die Quote jeder Sendung.

Alles «Koffer ohne Griffe»

Er droht auch allen, die er um sich schart, macht sie klein, sich selber gross. Vor Journalisten traktiert er seine Minister als «Arschlöcher», «Nullen» oder als «Koffer ohne Griffe» – sein Lieblingswort. Von Premier François Fillon sagt er, der habe keinen Motor unter der Haube, wahrscheinlich habe der gar nichts unter Haube. «Man könnte ja meinen, Fillon sei nett und intelligent, doch er ist weder das eine noch das andere.»

Ein enger Vertrauter des Präsidenten erzählte Giesbert, Sarkozy teile die Menschen in zwei Kategorien: in Feinde und Sklaven, behandle aber alle gleich. Die intellektuelle Elite verachtet er, weil er denkt, sie schaue auf ihn herab. Dafür liebt er die Nähe zu den Reichen, den Luxuskonzernbesitzern und zu den Erben von L’Oréal. Geld ist eine seiner grossen Schwächen. Als er Präsident wurde, liess Sarkozy als Erstes sein Salär um 200 Prozent erhöhen. Giesbert erklärt diesen Hang mit Sarkozys Komplex, als «Armer», verlassen vom Vater, im reichen Pariser Vorort Neuilly sur Seine aufgewachsen und politisch gross geworden zu sein. In seiner Entourage redet er oft davon, dass er, wenn er mal nicht mehr Präsident sei, richtig viel Kohle machen werde.

Sarkozy glaubt, er müsse immer alles selber machen. Er kann nicht delegieren. Giesbert schreibt: «Sarkozy wäre unfähig, ein Kleinunternehmen mit sechs Angestellten zu leiten.» Offenbar war er immer schon so: «Er hat entschieden, dass er der Beste ist», schreibt FOG. Er sei trunken von sich selbst. Doch seit er ganz oben ist, auf dem Thron dieser französischen Quasimonarchie, hat er jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren. «Frankreich ist zurück», sagte Sarkozy nach seiner Wahl, «neben mir ist Kennedy ein Nichts.»

Sarkozy ging zu weit

Diese selbstgefällige, unkontrollierte und manchmal entwaffnend infantile Art bricht mit dem überhöhten, fast sakralen Bild, das die Franzosen bis anhin von ihren Präsidenten hatten. Das muss nicht nur schlecht sein: Die Entheiligung der Funktion gehörte zum Programm. Doch Sarkozy ging zu weit, gefangen in seinem Charakter. Diese Art pflügte einen Graben zwischen dem «Taschen-Napoleon» und dem Volk, der sich in seinen einzigartig tiefen Popularitätswerten spiegelt. Die Franzosen mögen es auch nicht, dass Sarkozy die Gewaltenteilung malträtiert, seine ohnehin gewaltigen Kompetenzen überzieht. Giesbert rapportiert ein Gespräch zwischen Sarkozy und Jean-Louis Debré, dem Präsidenten des Verfassungsrats, der über eine Verschärfung der Strafen für Wiederholungstäter befinden musste.

Sarkozy: «Wenn du diesen Gesetzestext annullierst, werde ich dich in der Öffentlichkeit als Komplize von Vergewaltigern darstellen.» Debré: «Mach, was du willst, dein Drohen beeindruckt mich nicht.»Sarkozy: «Ich werde auf dich zeigen, dich denunzieren.» Debré: «Das ist mir egal, der Verfassungsrat entscheidet, wie er will.» Später wird Sarkozy Debré bei jeder Gelegenheit einen «Schweinehund» nennen. Giesbert findet noch einen weiteren Grund dafür, warum Sarkozy nicht in dieses Amt passt – einen Grund, den jeder Franzose auf Anhieb versteht. Er erzählt, wie er Sarkozy einmal zu sich nach Hause zum Essen einlud, ihm eine Pasta an Trüffelsauce servierte, von der der Gast aber kaum etwas ass. Sarkozy mochte auch den Wein nicht kosten. «Ich mag keinen Wein», sagte er, er trinke fast nur Cola light. Und er möge keinen Käse, der streng rieche. Kann so einer Präsident Frankreichs sein? Und vor allem: Kann er Präsident bleiben? «Was hat er bewirkt, was hinterlässt er?», fragt Giesbert zum Schluss und findet nicht viel – nur «Wind, Lärm, Furor». Sarkozy wird es nicht mögen, dieses Buch. Wahrscheinlich wird er ausrasten, schimpfen, drohen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2011, 23:14 Uhr

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Carla und Nicolas

Carla und Nicolas Die Beziehung zwischen Carla Bruni und Nicolas Sarkozy faszinierte und polarisierte von Anfang an. Die Bilder.

Das Buch

Franz-Olivier Giesbert: «Monsieur le président». Flammarion, Paris, April 2011, 283 Seiten, 19.90 Euro.

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