Charbs Vermächtnis

Der Chefredaktor von ­«Charlie Hebdo» rechnete kurz vor seiner Ermordung mit seinen Kritikern ab. Nun ist das Buch erschienen.

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Charb war nicht naiv. Er wusste, dass es eines Tages passieren konnte. In seinem knapp 100  Seiten kurzen Buch beschreibt der Chefredaktor des Satire­magazins «Charlie Hebdo», wie er seinen Namen auf der Liste der zehn meistgesuchten «Verbrecher gegen den Islam» des propagandistischen Onlinemagazins «Inspire» von al-Qaida entdeckt: «Da steht mein Name, falsch geschrieben, aber ein Foto daneben, das meine verstörte Fresse zeigt. In Nachbarschaft mit dem unvermeidlichen Salman Rushdie.» Daneben die Worte: Yes we can.

«Brief an die Trickbetrüger der Islamophobie, die den Rassisten in die Hand arbeiten» lautet der ziemlich komplizierte Titel seines Essays. In den Weihnachtsferien hatte Stéphane Charbonnier, genannt Charb, die Niederschrift abgeschlossen, am 5. Januar die korrigierten Fahnen an den Verleger zurückgeschickt. Zwei Tage später stürmten die Brüder Kouachi mit Kalaschnikows bewaffnet die Redaktionsräume von «Charlie Hebdo». Sie erschossen zuerst ihn, dann elf weitere Menschen. Charbs posthumes Buch ist sein Testament. Anders lässt es sich nicht lesen.

«Gemischtwarenhändler der Islamophobie»

Was auf den ersten Blick frech und gewohnt polemisch daherkommt, erweist sich bei genauerer Lektüre allerdings als ziemlich unverdaulicher Brocken, eine provokative Ansammlung von Vorwürfen. Mit gewohnt spitzer Feder geht Charb gegen die ins Gericht, die sich gerne auf der richtigen Seite wähnen: mit Journalisten und «weissen, bürgerlichen ‹Links›-Intellektuellen» samt ihrem «ekelhaften Paternalismus», vor allem aber mit Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, der ideologisch seiner Ansicht nach alles vorbereitet hat: «Durch seine Debatte über die nationale Identität», schreibt Charb, «hat Sarkozy massgeblich dazu beigetragen, die rassistische Parole in Frankreich gesellschaftsfähig zu machen. Wenn sich die höchste Autorität des Staates an die Idioten und Dreckskerle richtet, indem man ihnen sagt, ‹Jungs, tut euch keinen Zwang an!›, was glauben Sie, tun die dann? Sie legen los und sagen öffentlich, was sie bis dahin nur nach einem feuchtfröhlichen Familienessen verschämt rausgeblökt hatten.»

Charbs Gedankengänge sind etwas verwinkelt, am Ende kommt er aber immer wieder auf einen einfaches Argument zurück: Der Rassismus werde mit Islamophobie verwechselt, die Islamophobie mit Rassismus. Die Medien und die «Gemischtwarenhändler der Islamophobie» hätten, so Charb, die Kritik am Islam schlicht zu ihren Zwecken instrumentalisiert. Das hat dazu geführt, dass man die Religion nicht mehr kritisieren durfte: «Beim Begriff Islamophobie schwingt der Gedanke mit, dass es schlimmer ist, den Islam zu hassen als die Muslime, schlimmer eine Denkschule, die man durchaus kritisieren können muss, als die Menschen, die an sie glauben. Jemanden aufgrund seiner religiösen Zugehörigkeit zu kritisieren, ist ein Delikt, eine Religion zu kritisieren dagegen nicht.»

Instrumentalisierte Kritik

Allerdings macht es sich Charb dabei auch etwas einfach. Sind es tatsächlich die Medien, die für diese Verwirrung gesorgt haben? In Charbs Augen schon: «Für uns wurde wahnsinnig Werbung gemacht», notiert er, «als wir die Zeichnungen (die dänischen Mohammedkarikaturen) veröffentlicht haben. Nicht weil sie besonders schockierend waren, sondern weil sie nur schockierend sein konnten, nach dem, was ihre Instrumentalisierung im Ausland ausgelöst hatte.»

Indem er sauber zwischen der Religion und ihren Gläubigen trennt, spricht Charb den Muslimen das Recht ab, sich durch die Karikaturen in ihren religiösen Gefühlen verletzt zu fühlen. Er sieht also nur die Religion, die Lehre mit ihren Büchern, nicht diejenigen, die daran glauben. Bibel und Koran seien «schlecht geschriebene, inkohärente und todlangweilige Romane», die aber studiert werden wie eine «Ikea-Anleitung», damit man ja nichts falsch mache.

Warum hat er stur weitergemacht? «Ganz einfach, weil sich die Karikaturen von ‹Charlie Hebdo› nicht gegen alle Muslime richten.» Das wollte er zeigen. Wenn Mohammed mit einem Bombenturban dargestellt wurde, dann muss man das nicht zwingend als Beleidigung aller Muslime lesen, sondern als eine Kritik an der Instrumentalisierung der Religion. «Eine andere Interpretation war möglich, aber sie interessierte die Medien weniger.»

Erstellt: 17.04.2015, 14:56 Uhr

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