Analyse

Chodorkowski – der Anti-Revolutionär

Politische Symbolik und Blitzlichtgewitter haben Michail Chodorkowskis ersten öffentlichen Auftritt begleitet. Er liess sich jedoch nicht als der Oppositionspopstar hochstilisieren, als den ihn viele gerne gesehen hätten.

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Kaum 48 Stunden in Freiheit, stellte sich Russlands prominentester Gefangener Michail Chodorkowski heute in Berlin den Medien. Die Wahl des Ortes – das Mauermuseum am Checkpoint Charlie – hätte symbolträchtiger nicht sein können. Während des Kalten Krieges Demarkationslinie zwischen Freiheit und Gefangenschaft, wurde das Museum nun Schauplatz für Chodorkowskis erste Begenung mit der Öffentlichkeit.

Überwältigt vom gewaltigen Medieninteresse – in dem kleinen Konferenzraum drängelten sich über 400 Journalisten, viele weitere warteten vor der Tür – stand Putins persönlicher Gegner der Welt nun Rede und Antwort. Allerdings warf er mehr Fragen auf, als er zu beantworten wusste. Er pries die Medien als Unterstützer, dankte aber auch Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem ehamligen Aussenminister Hans-Dietrich Genscher, der mehr als zwei Jahre im Hintergrund die Strippen zog und so massgeblich zu seiner Freilassung beigetragen hatte. Schon gestern hatte Chodorkowski betont, welch wichtige Rolle Genscher – Vertrauensperson für Präsident Putin wie für ihn selbst – gespielt hatte. Gleichzeitig wurde der Kremlkritiker nicht müde, zu betonen, sein am 12. November gestellter Gnadengesuch komme keinem Schuldeingeständnis gleich.

Seine Unterstützer wurden enttäuscht

Wie es letzendlich zu seiner Freilassung kam, liess Chodorkowski im Dunkeln. Er verriet lediglich, wie er die Strafkolonie im russischen Segescha Hals über Kopf verliess, erst im Flugzeug habe er von Deutschland als Zielort seiner Reise erfahren. «Wie in den besten Traditionen der siebziger Jahre», kommentierte der Ex-Yukos-Chef – auf das Schicksal sowjetischer Dissidenten anspielend, die man damals in den Westen auswies. Gerüchten um einen Aufenthalt seiner Mutter in Berlin hatte er gestern schon wiedersprochen. Es war also von Anfang an klar: In seiner Heimat werde Chodorkowski nicht bleiben können. Zwar erklärte er heute, eine Rückkehr nach Russland sei aufgrund einer hängigen Finanzklage nicht möglich. Doch viel eher liegt der wahre Grund der überstürzten Abreise im ausgehandelten Deal mit Wladimir Putin, für die eigene Freiheit ins Exil zu gehen. Dass Putins Sprecher Dmitri Peskow gestern verkündet hatte, Chodorkowski könne jederzeit nach Russland zurück, war nur eine – für Putin typische – zynische Provokation. Es ist offensichtlich, dass es für den Kremlkritiker kein Zurück mehr gibt. Unter anderen Umständen wäre er nicht freigekommen, man hätte ihm womöglich noch ein drittes Verfahren angehängt.

Chodorkowski ist sich dieser Umstände bewusst, schliesslich kennt er seinen Widersacher schon lange. Stets sei ihm klar gewesen, welches gefährliche Spiel er spiele, so der Ex-Yukos-Chef heute. Klar ist ihm auch, dass seine Zukunft alles andere als gesichert ist. Umso vorsichtiger und zurückhaltender äusserte er sich heute auch über Russlands Präsidenten. «Ich habe eine pragmatische Beziehung zu Putin. Rache und Hass mag ich nicht», antwortet er auf die Frage eines Journalisten. Viele seiner zahlreichen Unterstützer – nicht nur im Westen – hatten gehofft, den Ex-Gefangenen als starken Gegner des russischen Machthabers etablieren zu können. Sie wurden enttäuscht. Die Zurückhaltung lässt sich derweil gut erklären: Chodorkowski weiss, dass die Zahl der Unterstützer in seiner Heimat überschaubar ist – als Oppositionsführer hätte er beim russischen Volk schlichtweg keine Chance. Gleichzeitig scheint er sich selbst nicht mehr im russischen Politzirkus zu sehen. So schloss er heute neben einer Rückkehr in die Politik auch die finanzielle Unterstützung der russischen Opposition aus. Und auch in die Wirtschaft werde er nicht zurückkehren, betonte der Ex-Oligarch.

Freiheit für politische Gefangene

Auch den Umgang mit Russland wird der Westen von Chodorkowski nicht lernen können. Den Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi – ein heiss diskutiertes Thema – will der Putin-Gegener nicht gutheissen. Es gehe darum, «den Sport zu feiern» und nicht darum, Sport und Politik miteinander zu mischen. Und wieder gelingt die Stilisierung der Person Chodorkowski als Anti-Putin nicht.

Ein Anliegen ist dennoch zentral – und hier äussert sich zwar subtil, aber dennoch deutlich die an diesem Tag einzige Kritik am Kreml. «Ich hoffe, dass Sie immer daran denken werden, dass ich nicht der letzte politische Gefangene bin», erklärt Chodorkowski. Er wolle sich in Zukunft für die verbliebenen Gefangenen einsetzen – nicht zuletzt für seinen langjährigen Weggefährten Platon Lebedew, dem nicht die Freiheit geschenkt wurde. Ein Einsatz für die russische Zivilgesellschaft also, keiner für die politische Bühne. Das blieb dann aber auch das einzige, was die Journalisten ihm zu seinen Zukunftsplänen zu entlocken vermochten.

Eine Bemerkung lässt jedoch Raum für Spekulationen und Mutmassungen über einen möglichen Wohnort: Auf Nachfrage bedankte sich Chodorkowski für den positiven Einfluss, den ein Schweizer Politiker auf seine Freilassung hatte. «Ich mag dieses kleine Land», so der ehemalige Oligarch. Wohl nicht zuletzt, weil seine Tochter im Engadin auf einem Eliteinternat zur Schule ging und seine Frau Inna Chodorkowskaja offenbar in der Schweiz lebt.

Der Anti-Revolutionär

Dies bleiben jedoch bisher nur Spekulationen – genauso wie deutsche Medienberichte, nach denen Chodorkowski nur noch bis morgen in seinem Hotel bleibt. Dem frisch aus dem Gefängnis Entlassenen war heute deutlich anzumerken, dass der aktuelle Rummel um seine Person für ihn nicht einfach ist. Gestern erst sah er seinen ältesten Sohn sowie seine Eltern nach zehn Jahren Haft wieder. Dass er schlichtweg noch keine Zeit hatte, seine Zukunftspläne in allen Einzelheiten mit seiner Familie zu beraten, liegt auf der Hand.

Als Chodorkowskis erster öffentlicher Auftritt nach knapp einer Stunde vorbei war, blieben viele wichtige Fragen offen. Klar ist: Sein Name wird im Zusammenhang mit Russland und Putin sicherlich noch oftmals fallen – in welchem Zusammenhang auch immer. Nur will Chodorkowski nicht der Oppositionspopstar sein, als den ihn viele gerne gesehen hätten. Treffend zeigte diesen Widerspruch eine Begegnung im Konferenzraum: Auf dem Weg nach draussen hält ihm jemand sein Porträt zum signieren hin. Chodorkowski zögert, unterschreibt dann aber doch. Die Zukunft des bekanntesten Gefangenen Russlands ist also alles andere als entschieden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.12.2013, 19:11 Uhr

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