Christopher Dell hat den Staatshaushalt von Kosovo ruiniert

Der frühere US-Botschafter in Kosovo richtete mit seinen Idealen in dem Land viel Schaden an. Er agierte wie ein Kolonialgouverneur.

Öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken: Christopher Dell.

Öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken: Christopher Dell. Bild: PD

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Selbstgerecht und oberlehrerhaft treten manche westliche Diplomaten auf, die Staatsaufbau in Krisengebieten betreiben. Die Einheimischen sollen im Eiltempo die Werte der freien Welt verinnerlichen, korrupte Politiker abwählen und Gesetze respektieren. Diese Ideale predigte auch Christopher Dell, nachdem er Mitte 2009 US-Botschafter in Kosovo geworden war. Er wies mit erhobenem Zeigefinger darauf hin, dass Bestechung und Machtmissbrauch in der Balkanrepublik endlich geahndet werden müssten.

In der Praxis agierte Dell jedoch wie ein Kolonialgouverneur. Als der US-Konzern Bechtel sich für den Bau der Autobahn bewarb, die Kosovo heute mit Albanien verbindet, lobbyierte der Botschafter ohne Rücksicht auf Gesetze und diplomatische Gepflogenheiten für das amerikanische Unternehmen. Trotz Warnungen von EU-Diplomaten fädelte Dell den Deal – zusammen mit Regierungschef Hashim Thaci – hinter den Kulissen ein. Der Bau der Schnellstrasse werde «etwa 700 Millionen Euro» kosten, hiess es.

Ökonomische Dummheit

Als der Vertrag mit Bechtel im April 2010 feierlich unterzeichnet wurde, betrug der kosovarische Haushalt etwa 1,1 Milliarden Euro. EU-Vertreter in Pristina protestierten, es sei ökonomisch eine Dummheit, mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen in ein 120 Kilometer langes Asphaltband zu stecken. Das bitterarme Land benötige das Geld für dringendere Aufgaben – zum Beispiel für Massnahmen, um die hohe Arbeitslosigkeit abzufedern.

Jetzt ist in Kosovo ruchbar geworden, weshalb sich Christopher Dell so vehement für das Autobahnprojekt einsetzte: Reporter des Balkan Investigative Reporting Network (Birn) haben enthüllt, dass der frühere US-Botschafter in Pristina seit letztem Herbst für Bechtel arbeitet. Das Bauunternehmen bestätigte, Dell sei in Moçambique als «country manager» im Einsatz. Die US-Botschaft in Pristina sieht darin keinen Interessenkonflikt, schliesslich sei Dell als Diplomat pensioniert. Und die Regierung Kosovos weigert sich, den Vertrag für den Bau der Autobahn öffentlich zu machen. Die EU-Rechtsstaatsmission vor Ort hat inzwischen Ermittlungen gegen die intransparente Auftrags­vergabe aufgenommen. Doch Premier Hashim Thaci zeigt sich unbeeindruckt: Bechtel erhielt von der Regierung soeben den Zuschlag für eine Schnellstrasse nach Mazedonien. Kostenpunkt: 600 Millionen Euro.

Grosse Enttäuschung

Kein westlicher Diplomat hat die Hoffnungen der Kosovaren so enttäuscht wie Christopher Dell, der die USA zuvor in Zimbabwe und in Angola als Botschafter vertreten hatte. Der bullige Amerikaner dirigierte die Wahl des kosovarischen Präsidenten per SMS, nahm führende Politiker, die unter Bestechungsverdacht standen, in Schutz und beschimpfte unabhängige Journalisten, die Transparenz bei der Vergabe öffentlicher Aufträge forderten.

In den sozialen Medien kursieren denn auch Vergleiche mit «Casablanca». In dem berühmten Spielfilm werden Frischangekommene von einem Mann gewarnt: «Seien Sie vorsichtig, diese Stadt ist voller Aasgeier.» Und im selben Atemzug beraubt er die Menschen, die vor dem Nazi-Regime geflüchtet sind. Gewiss: Dell war nicht der einzige Diplomat, der in Kosovo öffentlich Wasser predigte und heimlich Wein trank – aber der rücksichtsloseste. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2014, 07:42 Uhr

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