Comedy heisst die Sprache der Welt

In Deutschland haben drei junge Syrer den Videoblog German Lifestyle gegründet. Darin erklären sie ihren Landsleuten humorvoll die deutsche Kultur.


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Umarmen? Auf die Schulter klopfen? Oder doch lieber einen Kuss auf die Wange drücken? Allaa, Abdul und Fayez haben am Anfang vergeblich versucht, die Begrüssungsrituale der Deutschen zu durchschauen. Am Anfang, das war, als sie als Flüchtlinge aus Syrien nach Deutschland kamen. Nun thematisieren die drei Männer, zwischen 19 und 25, diese und ähnliche Irritationen in ihrem Videoblog German Lifestyle auf Youtube.

Da sieht man, wie Abdul und Allaa aufeinander zugehen und ihre Körper unglücklich ineinander verhaken, weil sie die Körpersprache des anderen falsch deuten: Während Allaa die Hand ausstreckt, hat Abdul schon die Arme für eine Umarmung ausgebreitet, worauf Allaa diese erwidern will, Abdul seinerseits nun aber die Hand entgegenhält und prompt ins Leere greift, weil Allaa ihm bereits um den Hals fällt – ein virtuoser Tanz der Missverständnisse.

In ihrer Heimat ist das Hallosagen um einiges einfacher, wie sie in einem anderen Beitrag zeigen: Dort küsst man sich auf die Wangen, auch die Männer untereinander, am liebsten überschwänglich und ausdauernd. Mit ihrem Videoblog wollen Allaa, Abdul und Fayez andere Syrer, die in Deutschland angekommen sind, darüber aufklären, wie diese Nation tickt. Und dienen gleichzeitig den Deutschen als Beispiel für den integrierten Ausländer, der die deutsche Sprache beherrscht, freundlich ist und willens, sich in die Gesellschaft einzufügen.

Das Projekt haben die drei jungen Syrer vergangenen August gestartet. Sprechen sie Deutsch, wird arabisch untertitelt – und umgekehrt. Inzwischen folgen ihnen auf Facebook und Youtube über ­ 80'000 Menschen. Die meisten Videos sind stark überzeichnet. Im Titel steht in Klammern jeweils der Hinweis, dass das Folgende «sehr lustig und übertrieben» sei, damit auch jeder versteht, dass es sich um humorvolle Inhalte handelt. Was Allaa, Abdul und Fayez machen, ist Völkerverständigung schlechthin. Und die kommt nicht darum herum, auch Klischees zu bedienen.

Zu wenig Berührungspunkte

Das Grundproblem sei, dass die Deutschen über die Syrer und die Syrer über die Deutschen redeten, sagt Abdul in der «Süddeutschen Zeitung». Berührungspunkte gebe es zwischen den beiden Lebenswelten kaum. Mit German Lifestyle könnte sich dies ändern, denn mittlerweile kommentieren auch Deutsche die Beiträge auf Facebook, hin und wieder ergeben sich gar Diskussionen. «Die Mehrheit findet gut, was wir machen», sagt Abdul.

Zusammengefunden haben die drei im Internet, davor kannten sie sich nicht. Allaa lebt in Hamburg, die anderen beiden in Göttingen und Berlin. Sie studieren alle noch, Abdul und Fayez Zahnmedizin, Allaa besucht das Studienkolleg. Den Videoblog betreiben sie nebenbei, im Schnitt produzieren sie vier Videos im Monat. Weil sie schnell gemerkt haben, dass ernsthafte Videos polarisieren – etwa das Stück «Nachricht», in dem Allaa die Gründe erklärt, warum Syrer aus ihrer Heimat flüchten –, sind sie auf den Humor umgeschwenkt. Comedy sei die Sprache der Welt, sagt Allaa.

Die Videos aus den Anfängen drehen sich hauptsächlich um Sprachprobleme: Wann sagt man Du, wann Sie? Um die Angst davor, Fehler zu machen. Nicht zu verstehen, was die anderen sagen. In einem Beitrag sagen deutsche Schüler kurze Sätze in verschiedenen arabischen Dialekten und zeigen so, dass es für jeden schwierig ist, in einer fremden Sprache zu sprechen.

Die neueren Videos der drei jungen Syrer handeln von Vorurteilen und den Unterschieden der beiden Kulturen. «Warum haben die Deutschen Angst vor uns, den Flüchtlingen?», lautet eine der Fragen, die Allaa vom Publikum zugeschickt bekommen hat und Julia stellt, einer Deutschen. Julia beschwichtigt, sagt, dass nicht alle ihre Landsleute Angst hätten, dass es aber manche gebe, die skeptisch seien.

Das siebenminütige Interview mündet in der Frage, ob sie sich vorstellen könne, einen Syrer zu lieben. Julia überlegt kurz, sagt dann, das sei gut möglich. Und stellt die Gegenfrage, ob auch er sich in eine Deutsche verlieben könnte. Ja, warum eigentlich nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2016, 19:56 Uhr

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